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Stephan Weils RücktrittZu farblos, zu konturenlos, zu geräuschlos

Simone Schmollack
Kommentar von Simone Schmollack

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil tritt zurück. Er war ein Politikertyp, der am liebsten im Verborgenen agierte.

Und dann war er weg, ohne dass wir bemerkten, dass er da war Foto: Julian Stratenschulte/dpa

D ass der Rücktritt kommen wird, war klar. Einzig offen war die Frage: Wann überlässt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil einem anderen – designiert ist der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies – das Feld. Die einstigen Kontrahenten unterscheiden sich vor allem durch ihr rhetorisches Talent. Während Lies die Sätze nur so raushaut, übt sich Weil am liebsten in Schweigen. Aber eins haben beide gemeinsam: Man würde an ihnen vorbeilaufen, träfe man sie in Hannover in der Kröpcke-Passage beim Krawattenkauf.

Obwohl Weil als Politiker einer Partei im Sinkflug und insbesondere in dem als Niedersachsen-Sumpf titulierten Bundesland erfolgreich war, wird er den wenigsten in Erinnerung bleiben. Und das nicht nur außerhalb Niedersachsens, sondern auch auf den Bauernhöfen des Agrarlandes, das gern eine Öko-Oase wäre, aber es nie wagte, tatsächlich eine zu werden.

Weil wird zwar geschätzt für sein politisches Geschick – so spielte er eine entscheide Rolle bei der Aufarbeitung des VW-Skandals, managte erfolgreich die Coronakrise und sorgte nach dem Energieboykott gegen Russland rasch für LNG-Terminals. All das aber wird kaum mit seinem Namen verbunden in Erinnerung bleiben. Weil Weil zu farblos, zu konturenlos, zu geräuschlos war. 2013 überschrieb die taz einen Text zu seinem Amtsantritt als Ministerpräsident mit der schönen Schlagzeile: Weil, den niemand kennt.

Mit Weil verschwindet ein Politikertypus, der – nun ja – SPD-eigen zu sein scheint: der schweigsame, unaufällige Beamte, der aus Angst, etwas Falsches zu tun, sich lieber vornehm zurückhält. So hat Olaf Scholz als Kanzler agiert, so hat Stephan Weil als Landesvater regiert. Diese besonnene Zurückhaltung mag in erhitzten Zeiten mitunter wohltuend sein, verbal abzurüsten ist nie verkehrt. Aber reicht das als politisches Konzept, angesichts des sich weiter verschärfenden Rechtsrucks? Möglicherweise braucht es aktuell mehr Politiker:innen, die dem Rechts­trend offensiver (nicht aggressiver) etwas entgegenzusetzen haben. Dazu braucht es jemanden mit mehr Profil.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalist:innen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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20 Kommentare

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  • Wer wie Weil innerhalb einer einzigen Talkshow drei bis fünf Mal die abgedroschene Phrase "am Ende des Tages" benutzt, sollte wirklich in Rente gehen.

  • Ich mag Politiker, die langweilig sind, "konturlos", farblos und die geräuschlos agieren. Das senkt die Chance auf gewisse Politikertypen in relevanten Ämtern. Typen wie Wilders, Trump, Johnson, Orban, Chrupalla oder Weidel.

  • Also mich als gebürtigem Niedersachsen hat Weil durchaus dazu gebracht, doch nochmal SPD zu wählen... Denke Deutschland wäre besser dran, ohne die ganzen Sabbelköppe, wie Söder, Bärbock etc. Nun gut, die Heidi Reichineck sabbelt auch so einiges, aber ist schon trotzdem okay. Vielleicht wäre der Norden auch einfach besser dran ohne den Rest der Republik...

  • Als äußerst angenehmen und souveränen Politiker wahrgenommen.



    Ein Mann der zu seinen Handlungen stand. Gut gemacht - seine Nachfolger sollen es erstmal besser machen , naja zumindest nicht weniger gut. 😉

  • Eine unaufgeregte Übergabe an den Nachfolger mitten in der Amtsperiode nach dem Vorbild von Malu Dreyer.

    Was will man mehr??

  • Unaufgeregt ok, da gehe ich mit, allerdings klingt der Artikel irgendwie so, als ob er letzten Endes an diesem Typus gescheitert ist, was ich überhaupt nicht sehe. Weil hat immerhin gerade seine dritte Regierung, da er McAllister von der CDU abgelöst hat, muss er wohl auch drei Wahlen gewonnen haben. Da ist dann auch der große Unterschied zu Scholz als Kanzler, der wurde nicht zweimal wiedergewählt. Die Niedersachsen scheinen also durchaus zufrieden mit ihrem Ministerpräsidenten gewesen zu sein.

  • Es muss nicht jeder tönen. Denn solche Töne sind häufig falsch, siehe etwa Söder.



    Weil hat sein Land, dann seine Partei, dann erst seine Person vorangestellt, so wirkte es. Auch wenn er immer noch eine zu große Abhängigkeit von VW hat und sich daher von denen zu sehr hat einspannen lassen, so hat er doch nüchtern im Weinberg des Herren gearbeitet, und das kann im angeblich nüchternen Norden auch ganz richtig sein.

  • "All das aber wird kaum mit seinem Namen verbunden in Erinnerung bleiben. Weil Weil zu farblos, zu konturenlos, zu geräuschlos war. 2013 überschrieb die taz einen Text zu seinem Amtsantritt als Ministerpräsident mit der schönen Schlagzeile: Weil, den niemand kennt."



    Meine Erfahrung mit den Menschen im Flächenland und Agrarland Niedersachsen mit seinen Metropolen Hannover u. Braunschweig sagt mir aus der Kenntnis der Inhalte vieler Gespräche mit den dortigen Menschen u. Verwandten, wie meiner Großmutter aus dem Landkreis Hannover, dass die taz hier und heute sehr wohl irrt und die Beliebtheit des MP eine Show erübrigt(e). Die Rheinländer der Familie ticken oft anders, aber die Westfalen ähnlich wie die "Norddeutschen Nachbarn": Die Landschaft u. die Sozialisation prägen die Menschen. Nicht umsonst darf man auf das Springende Pferd im Wappen rekurrieren. Viele halten Berlin f. einen "Moloch", auch wenn d. nächste Generation große Affinität entwickelt.



    www.morgenpost.de/...Moloch-Berlin.html



    /



    taz 2022



    "Der Normale aus Hannover



    Stephan Weil gewinnt gegen den Bundestrend für die SPD die Wahl in Niedersachsen. Ihn umweht fast etwas Merkelhaftes."

    • @Martin Rees:

      Als niedersächsischer Randwestfale, der in DE „Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat" (Homer - Odyssee), möchte ich Ihnen ausdrücklich zustimmen.

    • @Martin Rees:

      Das Merkelhafte trifft es ganz gut. Weil ist verlässlich, managte gut und ist enorm empathisch gegenüber den Bürgern. Es braucht keine Schaumschläger wie Gabriel oder Söder, um gute Politk zu machen.

  • Er hat seinen Job gemacht, das reicht.



    Er hat sich nicht als Erlöser oder Weltretter vor der Apokalypse gesehen, nicht Deutschland als den Nabel der Welt betrachtet, wollte nicht in Deutschland die Welt retten.



    Er hat die Gesellschaft nicht weiter gespalten. Und das war gut so.

  • Der Politikertyp "Weil" ist am aussterben, jedoch ist dieser Politikertyp kein "Spd-phänomen", sondern war verbreitet in der bundesdeutschen Politik in allen Parteien - in der SPD hält sich sich dieser Politikertyp nur etwas länger.



    Zugegebenermaßen ist dieser Politiker-Typ langweilig, aber ob der neue Politikertypus "a la Baerbock" bessere Politik macht, darf bezweifelt werden.



    Wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall, wenn man sich anschaut, dass seitdem der Politikertyp "Weil" mehr und mehr verschwindet auch Populisten mehr und mehr Zugewinn haben. Natürlich sind Politiker wie Baerbock spannender und sorgen zb für viele Schlagzeilen in der Politik, aber die Ergebnisse dieser Politik sind überschaubar. Wollen wir lieber ordentliche Politik oder Unterhaltung?

  • Die Küstenautobahn gibt es immer noch nicht. Was für eine lahme Landesregierung.

  • an der küste war der eigentlich ganz beliebt gerade wegen seiner geräuschlosen art - hysterische männer hat ja schon die CSU genug

  • Mir ist ein Herr Weil, der geräuschlos agiert und akzeptable Politik für sein Bundesland macht, lieber als eine völlig überdrehte und laut polternde Heidi R. von der Linken, die immer noch irgendwie im DDR Denken gefangen ist.

  • Mir ist so eine schweigende Effizienz viel lieber als ein martschreierischer Narzissmus (zum Beispiel).

    Viel schlimmer ist die stets präsente schweigende Masse, die nicht das Maul aufkriegt wenn in Chats, Foren oder in der Politik populistische Absurditäten oder Beleidigungen herausgebrüllt werden. Diese Masse könnte da zur richtigen Zeit am richtigen Ort (zum Beispiel im Chat) sehr viel bewirken! DIESES Nichtstun der bequemenn Masse ist wirklich fatal für Alle.

    Ein stiller Politiker der aber seine Arbeit macht, schadet sich damit nur selbst, nicht uns Allen.

  • "So hat Olaf Scholz als Kanzler agiert, so hat Stephan Weil als Landesvater regiert."

    Sie schreiben es ja selbst, er hat zwölf Jahre auf dem Buckel. Scholz hat nicht mal eine Legislatur durchgehalten und dazu noch mit die schlechtesten Umfragewerte aller Kanzler.

    "... Man würde an ihnen vorbeilaufen, träfe man sie in Hannover..."

    "Obwohl Weil als Politiker einer Partei im Sinkflug und insbesondere in dem als Niedersachsen-Sumpf titulierten Bundesland erfolgreich war, ..."

    Keine Ahnung, aber irgendwie machen die Aussagen wenig Sinn zusammen. Er ist total unbekannt und gewinnt eine Wahl in einer Partei die total abgestürzt ist bundesweit. Das dürfte wohl einmalig sein.

    Kann aber auch sein, dass der Artikel so stimmt. Mir sagt zwar Herr Weil etwas aber da ich nicht aus Niedersachsen bin, kann ich nicht sagen wie die Niedersachsen das sehen. Aber skeptisch bin ich schon.

  • „ ..der schweigsame, unaufällige Beamte, der aus Angst, etwas Falsches zu tun, sich lieber vornehm zurückhält. "



    --



    „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,



    Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;



    Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck



    Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.



    Gleich heißt ihr Alles schändlich oder würdig,



    Bös oder gut – und was die Einbildung



    Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,



    Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen.



    Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.



    Leicht bei einander wohnen die Gedanken,



    Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;"



    (F. Schiller - Wallenstein)



    --



    Der gelernte Richter denkt nach, bevor er urteilt. Angst hat er nicht.

  • Bildbetextung: „Und dann war er weg, ohne das wir bemerkten das er da war " - Das... sehe ich so nicht.

    • @starsheep:

      Das(s) ging ja fix...