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Russisch als MutterspracheNicht nur die Sprache des Aggressors, sondern auch meine

Gastkommentar von

Nika Musavi

Die Abkehr vom Russischen wird als Teil der Dekolonialisierung dargestellt. Selbst wenn dies bedeutet, sich selbst zu verleugnen.

I m Jahr 2022, nach dem Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der Ukraine, war es plötzlich fast unanständig, Russisch zu sprechen. Fast so, als wäre man Kollaborateur*in. In den postsowjetischen Republiken wurde mit neuer Vehemenz darüber gesprochen, dass Russisch eine Sprache der Kolonialisierung sei, die unseren Vorfahren vor zweihundert Jahren aufgezwungen wurde. Und im Prinzip stimmt das auch.

Die Sprache wurde wie Englisch in Indien, Französisch in Algerien und Marokko oder Spanisch für die indigene Bevölkerung Lateinamerikas etabliert. Allerdings verhalten sich Großbritannien, Frankreich und Spanien derzeit nicht so wie Russland. Dementsprechend werden die Sprachen, die von Millionen Menschen sprechen, nicht diskreditiert.

Nika Musavi

Journalistin und Autorin aus Aserbaidschan. Sie ist Alumna der Osteuropa-Projekte der taz panterstiftung. Lebt aktuell in Georgien.

Die Abkehr von der russischen Sprache wird derzeit als Teil der Dekolonialisierung dargestellt. Selbst wenn dies bedeutet, sich selbst zu verleugnen. Doch erzwungene Dekolonialisierung ist keineswegs besser als Kolonialisierung. Es ist dieselbe Form von Gewalt. Es ist dieselbe Forderung, die eigene Identität aufzugeben, weil sie „beschämend“ und „falsch“ sei.

Ich bin eine russischsprachige Aserbaidschanerin und habe nicht vor, meine sprachliche Identität zugunsten geopolitischer Trends aufzugeben. Sprachliche Identität ist ebenso wichtig wie die nationale. Vielleicht ist sie sogar wichtiger, wenn man bedenkt, dass die Kategorie der Nationalität ein recht neues und unklares Konzept ist, während die Muttersprache die Menschheit schon begleitet, seit sie sprechen gelernt hat.

Manchmal sind sprachliche und nationale Identität deckungsgleich. Manchmal auch nicht. So wie zum Beispiel bei mir. Ja, vielleicht ist das „falsch“. Vielleicht hat mich mein Russisch zu einer Chimäre gemacht. In der Biologie bezeichnet man damit einen Organismus, der aus genetisch unterschiedlichen Zellen besteht. So ist das auch bei Menschen, deren sprachliche Identität nicht mit der nationalen übereinstimmt. Wir sind weder das eine noch das andere. Man kann das problematisch finden – oder als wertvolle Ressource betrachten. Aber es ist, wie es ist. Es ist keine Entscheidung, die die Chimäre selbst getroffen hat.

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Niemand entscheidet über seine Muttersprache

Denn niemand entscheidet, in welcher Sprache er zu sprechen, zu denken und die Welt zu erkunden beginnt. Das entscheiden unsere Eltern und die jeweiligen historischen Umstände für uns. Unsere sprachliche Identität bildet sich unabhängig von unserem Willen heraus, beeinflusst unsere Persönlichkeit. Dieser Prozess ist unumkehrbar. Deshalb ist es eine der gröbsten und dümmsten Formen der Diskriminierung, einem Menschen seine „unechte“ sprachliche Identität vorzuwerfen.

Nicht weniger dumm und sogar beleidigend ist es, einen Menschen dafür zu bemitleiden, dass er „nicht seine Muttersprache spricht“, ihn damit auf seine nationale Zugehörigkeit hinzuweisen und ihn automatisch zu einem Kolonialismus-Opfer zu erklären. Übrigens tun genau das manchmal Russen, die historische Schuld fühlen und denen es darum wichtig ist, Menschen aus den postsowjetischen Ländern zu „dekolonialisieren“.

Im Wettlauf mit den Nationalisten aus diesen Ländern erklären sie uns, dass unser Russischsprechen ein historisches Trauma sei, dass wir zutiefst unglückliche, minderwertige Menschen seien und wie wichtig es für uns sei, unsere „wahre“ Sprache zu sprechen. Mir scheint, sie sind von ihrem Monopol auf die russische Sprache überzeugt. Und sie sind einfach nicht in der Lage zu verstehen, dass ich nicht „ihre“ Sprache spreche. Denn es ist genauso meine Sprache. Und niemand kann für mich entscheiden, wie ich damit umzugehen habe. Ja, vielleicht haben sie gute Intentionen, aber ich muss nicht zwangsweise dekolonialisiert werden.

Russisch macht dich nicht zu einem Russen

Es gibt noch ein paar wichtige Punkte, die man nur verstehen kann, wenn man selbst eine „Chimäre“ ist. Die sprachliche Identität verdrängt nicht die nationale, sondern ergänzt sie. Sie beeinflusst unsere Persönlichkeit, aber dominiert sie nicht. Russisch macht dich nicht zu einem Russen, genauso wenig wie ein freiwillig-zwanghafter Verzicht darauf dich zu einem „besseren“ Aserbaidschaner oder zu jemand anderem macht.

Und obwohl jede Sprache eine Zugehörigkeit zur entsprechenden Kultur impliziert, beschränkt sie sich nicht nur darauf. Und umgekehrt – um sich in die Kultur eines Landes hineinzuversetzen, muss man nicht unbedingt die entsprechende Sprache beherrschen. Ich kenne eine Menge Menschen, auf die Dostojewski, den sie in Übersetzung gelesen haben, einen viel größeren Einfluss hatte als auf mich, die ich ihn im Original gelesen habe.

Man sollte das reale Böse nicht durch ein erfundenes ersetzen. Und das reale Böse ist für mich der Nationalismus in all seinen Ausprägungen, einschließlich des sprachlichen Nationalismus. Ich bin eine russischsprachige Aserbaidschanerin, und das ist Teil meiner vielschichtigen Identität, auf die ich nicht verzichten möchte.

Unsere sprachliche Identität bildet sich unabhängig von unserem Willen heraus

Ich will und werde meine Muttersprache nicht aufgeben, nur weil sie derzeit als „Sprache des Aggressors“ gilt (so wie Deutsch vor einigen Jahrzehnten noch als „Sprache der Faschisten“ galt). Ich möchte keinen Teil meiner eigenen Identität aufgeben, nur um „gut“ zu wirken und jemandem zu gefallen. Und selbst wenn ich und andere russischsprachige Menschen dies tun würden, wäre das kein Sieg von uns über Putin. Es wäre sein Sieg über uns. Vielleicht klingt zumindest dieses Argument überzeugend genug?

Aus dem Russischen von Gaby Coldewey

Die Autorin ist Journalistin und Autorin aus Aserbaidschan. Sie ist Alumna der Osteuropa-Projekte der taz panterstiftung. Lebt aktuell in Georgien.

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12 Kommentare

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  • Wichtiger Kommentar. Ich habe Kollegen aus der Ukraine, teilweise vor dem Krieg geflohen



    , teilweise mit Verwandten die Beschuss ausgesetzt sind.

    Untereinander sprechen sie meist russisch. Sprache macht einen nicht zum Russen und nicht jeder Russe mag putin.

    Das Problem ist die russische vereinnahmung des Themas nach dem Motto wo man russisch spricht ist Russland.

  • Noch ein Punkt, unabhängig davon, dass Aserbeidschan eine korrupte fiese Autokratie ist, so viele Lobbyisten sie sich auch einkauften:



    Aserbeidschan erlebte die russische Unterstützung des Antagonisten Armenien bei den Berg-Karabach-Kriegen als nicht freundlich. Russisch ist ferner die Sprache der vom Sowjetimperium dorthin Bugsierten in den damals besseren Positionen (Swetlana Alexejewitsch beschrieb diese Aversionen nebenbei).



    Das kann beides die Haltung zu Russisch als Sprache beeinflussen und hat mit der Person wenig zu tun.

  • "Ein Unrecht rechtfertigt kein zweites Unrecht." In diesem Sinne danke für diesen tollen Artikel und Friede und Toleranz für alle, die in Frieden leben wollen

  • Sprache bedingt das Denken, Denken bestimmt das Handeln. Die russische Kultur und Geschichte ist voll von exzessiver Gewalt, auch patriarchaler Natur. Vor dem Hintergrund würde ich vermutlich versuchen, diese Sprache abzulegen, wenn sie in meinem Heimatland nicht genuin gesprochen und als Sprache der Kolonisierer aufgefasst wird. Insbesondere in Zeiten, wo Putinrussland den Anspruch erhebt, überall intervenieren und dominieren zu dürfen, wo Russisch gesprochen wird.

    • @Bussard:

      Die Aussage, dass Sprache das Denken bedingt, ist mindestens eine grobe Vereinfachung – und wenn man das ausgerechnet auf Deutsch postuliert, auch noch ein Schnitt ins eigene Fleisch…

    • @Bussard:

      Räusper. Wer Tolstoj, Dostojewski, Schostakowitsch, Strawinski, Sacharow und Solschenizyn im Original genießen kann, dem sei es doch gegönnt. Russisch ist nicht nur frauenfeindlich fluchen, die Schublade müssen wir nicht öffnen. Oder sollten dann auch das Landserdeutsch mal betrachten.



      Ablegen muss da niemand.

      Doch eingeladen sei auch jedeR, zumindest alltagstaugliche Ortssprache auch zu können. So wie ein Bayer in Cloppenburg auch mal Brötchen sagen kann oder eine Sprotte in Passau auch Semmeln. Das Sowjetimperium ist vorbei.

  • Naja, bei allem Verständnis: Einfach zweisprachig sein können, auch wenn es einige Zeit braucht und die Muttersprache nie erreichen wird. Vgl. die ähnliche Diskussion im Baltikum.

  • Bei allem Respekt aber wenn ich lese: "Doch erzwungene Dekolonialisierung ist keineswegs besser als Kolonialisierung. " Dann fällt es mir sehr schwer den Rest des Textes ernst zu nehmen.

    Es ist das eine fur etwas einzustehen, dass einem wichtig ist. Aber wenn man meint so etwas vergleichen zu müssen oder gar zu können, sehe ich da nur eine sehr starke Ignoranz gegenüber der Thematik.

    • @Philipp H.:

      Wenn die erzwungene Derussifizierung mit einer zuvor erzwungenen Russifizierung begründet wird, drängt sich ein Vergleich doch geradezu auf.

      Ich persönlich würde als Nichtbetroffener einem (eindeutig) Betroffenen nicht Ignoranz vorwerfen.

      Persönliche Beteoffenheit führt manchmal zu anderen Perspektiven.

    • @Philipp H.:

      Im Gegenteil, die These der Autorin trifft den Nagel genau auf den Kopf. Neben der unsäglichen Bandera-Verehrung - die bei den polnischen Nachbarn der Ukraine ja vollkommen zurecht für Verstimmung sorgt, ohne dass ich dabei Partei für den polnischen Nationalchauvinismus ergreifen möchte -, sind die nationalistische Überzeichnungen des ukrainischen Nation-Building-Prozesses einfach nicht von der Hand zu weisen.



      Und trotz der russischen Aggression gegen die Ukraine: ein souveränerer Umgang mit der russischsprachigen Minderheit und der russischen Kultur - die ja integraler Bestandteil einer unabhängigen, wirtschaftlich prosperierenden, in die EU strebenden Ukraine sind - stände den Ukrainern auch gut zu Gesicht. (Würde möglicherweise auch einer ‚fünften Kolonne‘ Moskaus in der Ukraine den Wind aus den Segeln nehmen).



      Jedenfalls haben wir schon mehr als genug Nationalisten, Revanchisten und Faschisten in der EU, davon brauchen wir nicht mehr.

      • @Abdurchdiemitte:

        Die Autorin scheint mir vor allem von ihrer Situation als "russischsprachige Aserbaidschanerin" zu berichten. Da hat Russland nicht mal eine doppelte Invasion angeblich für die dortigen Russischsprachigen betrieben, was ja wirklich viel auf einmal verändert.

    • @Philipp H.:

      erzwungene Dekolonialisierung und Kolonialisierung

      nimmt beides keine Rücksicht auf die betroffenen Menschen und ist deshalb gleich schlecht.

      Nur um Ihren Post besser einschätzen zu können, gehören Sie zu einer kolonisierten Bevölkerungsgruppe oder eher zu studierten Theoretikern?