Bulgakow-Denkmal in Kyjiw: Zwischen Kulturgut und Dekolonialisierung
Kyjiw hat ein zwiespältiges Verhältnis zu Bulgakow, weil der Schriftsteller von der russischen Propaganda genutzt werde. Ein Denkmal wurde 2025 entfernt.
Man stelle sich vor: ein junger Mann, bestens gekleidet, setzt sich vor dem Museum eines berühmten Dichters auf einen prominenten Platz und beginnt, deutlich vernehmbar aus dessen Werken zu lesen.
Anerkennende Blicke, vielleicht sogar ein Lob der Museumsleitung, dürften ihm sicher sein. Nicht so in Kyjiw. Am Freitag war genau das passiert. Ein junger Mann hatte sich auf ein kleines Mäuerchen am Bulgakow-Museum am Kopfsteinpflaster des Andreassteigs gesetzt und aus Werken von Michail Bulgakow zitiert.
Doch lange konnte er nicht zitieren: sichtlich aufgebracht traten Hanna Putova vom Bulgakow-Museum und Museumsleiterin Lyudmila Gubianuri an den Mann heran und warfen ihm vor, mit seiner Lesung den Ruf des Museums zu beschädigen. Wortlos folgte der junge Mann der Aufforderung, den Ort zu verlassen.
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Die Szene zeigt, wie blank die Nerven in der Stadt liegen, wenn es um den 1891 in Kyjiw geborenen und 1940 in Moskau verstorbenen ukrainischen Schriftsteller Michail Bulgakow geht. Berühmt geworden war Bulgakow vor allem durch seine Werke „Die weiße Garde“, „Hundeherz“ und „Der Meister und Margarita“.
Denkmal wurde 2025 entfernt
Kyjiws Stadtrat hat am 18. Dezember 2025 beschlossen, das Denkmal des Schriftstellers Michail Bulgakow zu entfernen. Der Rat stützt sich auf ein Gutachten des Ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung, das im Rahmen eines ukrainischen Gesetzes erstellt wurde, das Propaganda der russischen imperialen Politik verbietet sowie die „Dekolonisierung“ von Orts- und Straßennamen vorsieht.
Dem Gutachten zufolge zählt Bulgakow zu den Persönlichkeiten, die in der russischen Propaganda zur Verherrlichung der imperialen Politik des Kremls genutzt werden. Dementsprechend sollten Denkmäler solcher Figuren aus den ukrainischen Städten entfernt werden.
Nicht alle waren für den Abbau des Denkmals
Bereits im April 2024 hatte das Institut Bulgakow als Symbol der russischen imperialen Politik eingestuft, das einer „Dekolonisierung“ unterliegt. Der Abbau des Denkmals, das den Nachkommen des Denkmalschöpfers übergeben wird, hat eine Debatte ausgelöst.
Man dürfe nicht außer Acht lassen, so die Bloggerin Elizabeth Bielska, dass Bulgakow der ukrainischen Staatlichkeit, der ukrainischen Sprache und der Ukrainisierung feindlich gegenübergestanden habe. In seinen Werken würden der ukrainische Unabhängigkeitskampf, die Anhänger von Nationalistenführer Simon Petljura und die ukrainische Armee überwiegend negativ dargestellt, während seine Sympathien den Kräften gegolten hätten, die für ein „einiges und unteilbares Russland“ kämpften. Die Entfernung des Denkmals sei kein Angriff auf die Literatur. Seine Bücher könne man weiterhin lesen. Eine Ehrung mit einem Denkmal sei nicht angebracht.
Vor allem kritisiert, weil er auf Russisch schrieb?
Gegenüber der taz kritisierte die Odessitin Anastasia Piliavsky, Anthropologin, Politikwissenschaftlerin und Professorin am King’s College London, die Demontage des Denkmals. Sie verbringt jedes Jahr viele Monate in Odessa und gründete das Netzwerk Ukrainian Cosmopolis, eine zivilgesellschaftliche Gemeinschaft. Bulgakow, unter anderem berühmt geworden durch seinen Roman „Hundeherz“, „wahrscheinlich die gnadenloseste Satire auf die Absurditäten des sowjetischen Systems“, ist vom Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken als Symbol russisch-imperialer Propaganda eingestuft. Nach Ansicht von Piliavsky stützt sich diese Bewertung jedoch vor allem darauf, „dass er einen Teil seiner Karriere in Moskau verbrachte und auf Russisch schrieb“.
Besonders kritisch sieht Piliavsky die sprachpolitische Dimension dieser Entscheidung. Bulgakow habe in einer Sprache geschrieben, „die für Millionen Ukrainer bis heute Muttersprache ist, darunter viele Verteidiger der Ukraine an der Front“. Zugleich werde diese Sprache von den Ideologen der staatlichen Dekolonisierung „immer häufiger nicht als Sprache ukrainischer Bürger, sondern ausschließlich als Sprache des Besatzers dargestellt“.
Piliavsky beschreibt die Folgen der Entscheidung als gesellschaftliche Spaltung. Während „ethnonationalistische Aktivisten einen symbolischen Sieg feiern“, erlebe „ein erheblicher Teil Kyjiws einen Verlust“. Dies zeige sich deutlich in den sozialen Netzwerken, wo die Entscheidung „eine Welle der Empörung ausgelöst“ habe.
Eigentlich geht es um Identitätsfragen
Für Piliavsky berührt die Debatte eine grundsätzliche Frage der ukrainischen Identität und ihrer internationalen Wahrnehmung. Die Ukraine müsse sich in der Welt „nicht nur durch die Tragödien des Krieges behaupten, nicht nur als Land von Buschtscha und Tschornobyl“. Um einen festen Platz in der globalen kulturellen Vorstellungskraft einzunehmen, brauche das Land bedeutende Schriftsteller von internationalem Rang.
„Das Land braucht Babel, Gogol, Bulgakow, Scholem Alejchem und Lessja Ukrajinka – ukrainische Schriftsteller von weltweiter Bedeutung“, schreibt Piliavsky. Die kulturelle Strahlkraft dieser Autoren könne dazu beitragen, die Ukraine nicht allein über Krieg, Leid und Zerstörung zu definieren. „Der Abriss von Denkmälern bringt dieses Ziel nicht näher“, argumentiert sie. „Eher das Gegenteil ist der Fall.“
Auch Präsident Selenskyj liest Bulgakow. Ein im Februar 2021 aufgenommenes Video zeigt den in diesem Video russisch sprechenden Präsidenten mit einem Stapel von Bulgakow-Büchern. Bulgakow, so Selenskyj, sei „unser ukrainischer Schriftsteller, den wir genauso wie unsere Territorien niemandem abgeben oder schenken wollen“.
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