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Vor den Kommunalwahlen in NiedersachsenStörender Faktor

Seit sich die AfD Niedersachsen im Brettorfer Schützenhaus eingemietet hat, prasselt auf die Leute im Dorf einiges ein. Ein Besuch auf dem Schützenfest.

Aus Brettorf

Berenike Oldenburg

An fast jeder zweiten Straßenlaterne des kleinen Ortes Brettorf hängt in mehreren Metern Höhe ein blaues AfD-Plakat mit Slogans wie „Abschieben statt Einfliegen“. Im September ist Kommunalwahl in Niedersachsen. AfD-Hochburg, lassen die vielen Plakate vermuten, wären da nicht die weißen Banner in den Vorgärten. Auf einem von ihnen steht: „Als wir Frauen mehr Rechte wollten, meinten wir keine Nazis.“

Auf einem anderen: „Rechtspopulismus spaltet! Demokratie verbindet!“ Auf dem Weg durch die kleinen Straßen mit liebevoll renovierten Höfen und Einfamilienhäusern mit großen Gärten, Spielhäusern, Schaukeln und Carports, wechseln sich die weißen Banner und die blauen Plakate ab. Dazwischen immer wieder weiß-grüne Fahnen und Girlanden. Es ist Schützenfest.

Das alte Dorf, das heute ein Ortsteil der Gemeinde Dötlingen im Landkreis Oldenburg ist, hat nach offizieller Zählung 931 Einwohner*innen. Restaurants, Einkaufsläden oder Tankstellen gibt es hier keine. Aber den Schützenhof. Das Schützenfest, bei dem die Bret­tor­fe­r*in­nen jedes Jahr zusammenkommen, findet da, anders als der Name vermuten ließe, allerdings nicht statt. Denn dort hat sich die AfD eingemietet. Bereits mehrmals tagte die Partei in dem alten Gasthaus.

Im Herbst 2025 richtete der Landesverband Niedersachsen hier offiziell seine Geschäftsstelle ein. Im Februar hat sich die Jugendorganisation der AfD, die „Generation Deutschland“, hier als Nachfolgerin der gesichert rechtsextremen Jungen Alternative gegründet und niedergelassen.

Wie umgehen mit der AfD in der Nachbarschaft?

Seit die AfD das Dorf für sich entdeckt hat, ist viel auf seine Be­woh­ne­r*in­nen eingeprasselt: Landesparteitag der AfD, immer wieder Demos mit Polizeiaufgebot, viel mediale Aufmerksamkeit und auf einmal tauchten bekannte Gesichter aus der rechten Szene auf. Wie geht ein so kleines Dorf damit um? Spaltet oder verbindet es?

An einem Sonntag im Juli versammelt sich die Dorfgemeinschaft im Garten eines Einfamilienhauses. Viele tragen grüne Schützenuniformen. Auf der Einfahrt steht ein Bierwagen, die meisten bedienen sich einfach selbst. Während weiter hinten im Garten das neue Schützenkönigspaar geehrt wird, stehen die anderen Be­su­che­r*in­nen vor dem Grundstück herum, plaudern, trinken und warten auf den Umzug.

Einer von ihnen ist Matthias Lux, Sprecher des „Bündnisses Buntes Brettorf“, das für die weißen Banner verantwortlich ist, die den AfD-Plakaten etwas entgegensetzen. Das Bündnis organisiert auch regelmäßig Treffen und Proteste. „Früher oder später wird die Geschäftsstelle immer ein Thema, egal in welchem Kontext man sich trifft“, erzählt er.

„Sie wird eigentlich immer als störender Faktor wahrgenommen.“ Schnell habe sich ein breites Bündnis dagegen organisiert: „Das hat mein kleines Herz total erwärmt“, sagt Lux. Er nehme keine Lager wahr, die nicht miteinander reden oder sich gegenseitig anfeinden würden.

Früher oder später wird die Geschäftsstelle immer ein Thema, egal in welchem Kontext man sich trifft.

Matthias Lux, Sprecher des „Bündnisses Buntes Brettorf“

Dem Gespräch am Bierwagen schließen sich immer mehr Leute an, die das Bündnis unterstützen. „Zwischen den Engagierten ist ein großer Zusammenhalt entstanden“, sagt Ute Hesebeck, eine 51-jährige Lungenfachärztin. Claudia Kück, 57, die in einem Schlaflabor arbeitet, erzählt, dass sie sich besonders im Brettorfer Sportverein für ein neues Leitbild mit Werten wie Toleranz, Gleichberechtigung, Vielfalt, Integration und Inklusion eingesetzt hat.

Werte, die mit denen der AfD nichts gemeinsam haben, seien mit einer überwältigen Mehrheit beschlossen worden. „Das war ein Riesenerfolg“, so Kück. „Der Sportverein ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Deshalb finde ich, dass auch er Haltung zeigen sollte.“

Aber es gibt auch die anderen. Bei der vergangenen Kommunalwahl 2021 ist die AfD zwar nicht in den Dötlinger Gemeinderat gewählt worden. Bei der Bundestagswahl aber haben hier knapp 20 Prozent die in Teilen gesichert rechtsextreme Partei gewählt. „Wo die sitzen, weiß der Kuckuck“, wirft ein Rentner ein. Ob auch ein Zusammenhalt unten denen entstanden ist, die die AfD-Geschäftsstelle begrüßen? Können sie nicht beurteilen.

AfD zieht sich aufs Dorf zurück

Ein Prachtbau ist der Schützenhof nicht gerade: Die Schrift auf dem großen, weißen Schild an der renovierungsbedürftigen Fassade ist nicht mehr lesbar. Innen erkennt man nur verstaubte Gardinen. Richtig stabil wirkt einzig der nagelneue Briefkasten mit der Anschrift des Landesverbandes der AfD Niedersachsen.

Die Gemeinde Dötlingen, in die Brettorf von den Nationalsozialisten eingegliedert wurde, erlangte im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 den inoffiziellen Status eines „Reichsmusterdorfs“. Das war der Lohn dafür, dass es sich schon früh um die nationalsozialistische Inszenierung der „Volksgemeinschaft“ verdient gemacht hatte: So wurde 1933 ein als besonders germanisch empfundener Findling auf den Gierenberg geschleppt. Mit einem Hakenkreuz geschmückt diente er fortan als Weihestätte fürs Regime. Das Hakenkreuz wurde 1945 entfernt, der Stein umgekippt, blieb aber liegen.

Die AfD versprach sich vom Umzug in die ländliche Wildeshauser Geest, etwa 130 Kilometer von der Hauptstadt Hannover entfernt, den Protesten ausweichen zu können. Ganz aufgegangen ist der Plan nicht. Erst im Februar demonstrierten rund 300 Menschen, auch aus dem Umland, gegen die Gründung der „Generation Deutschland“ in Brettorf.

Die Leute aus dem Ort haben dagegen das „Bündnis Buntes Brettorf“ gegründet. Es zeichnet für die weißen Banner in den Vorgärten und an den Laternenmasten verantwortlich. Regelmäßig organisiert es Treffen und Protestveranstaltungen.

Den meisten ist es peinlich.

Michael Jaskulewicz, Geschäftsführer eines Pflegedienstes, über AfD-Unterstützer*innen in Brettorf

Im Dorf wird gerätselt, wer zu den AfD-Unterstützer*innen zählt. „Den meisten ist es wohl peinlich“, vermutet Michael Jaskulewicz, 46, Geschäftsführer eines Pflegedienstes. Gespalten sei das Dorf aber nicht. „Für ein gespaltenes Dorf müsste eine aktive Gegenseite geben“, sagt er. „Die sehe ich nicht.“ Der Zusammenhalt sei viel spürbarer als in den lärmenden öffentlichen Diskussionen. „In denen fühlt man sich manchmal sehr alleine. Und hier merkt man dann plötzlich: Die meisten denken eigentlich ähnlich, wie ich.“

Die Demos gegen die AfD-Geschäftsstelle träfen auf viel Unterstützung und selbst die, die nicht daran teilnehmen können, steuern etwas bei. „Nicht jeder muss laut sein. Auch die kleinen Gesten tragen dazu bei, dass eine Gemeinschaft entsteht“, sagt Jaskulewicz. „Jemand bringt zehn Packungen Kaffeemilch zur Demo vorbei, das bedeutet mir genauso viel“, sagt er und ist sichtlich gerührt.

Für die anstehende Kommunalwahl arbeitet die AfD an ihrer Wahrnehmbarkeit. Erstmals hat sie Kandidaten aus Dötlingen aufgeboten; selbst auf den von der Partei publizierten Steckbriefen bleiben die vier Männer weitgehend unbeschriebene Blätter: zwei Elektroniker, ein Diätkoch und ein Metalltechniker treten an.

Wofür sie stehen, was sie umtreibt – das bleibt schleierhaft. Bei einem wird noch nicht einmal das Alter bekannt gegeben. Auf dem Schützenfest von Brettorf jedenfalls wurde keiner von ihnen gesichtet.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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