Solidarität mit Protesten in Georgien: Die geistigen Waffen Europas
Die diesjährige „Debatte über Europa“ fand in Tbilissi statt. Karl Schlögel und Michal Hvorecký riefen dazu auf, der Zivilgesellschaft genau zuzuhören.
Der Veranstaltungssaal der Staatlichen Ilia-Universität in der georgischen Hauptstadt Tbilissi ist gut gefüllt. Gerade hat die Rektorin der Hochschule, Nino Doborjginidze, dem 78-jährigen Karl Schlögel die Ehrendoktorwürde verliehen. Als Schlögel etwas unbeholfen in den schwarzen Talar schlüpft, legt auch sie Hand an. Schließlich sitzt das ungewohnte Kleidungsstück nebst passender Kopfbedeckung.
Dann tritt der Hauptredner des heutigen Abends ans Pult – links davon stehen eine georgische und eine EU-Fahne, daneben ein Aufsteller mit der Aufschrift „The Tbilisi Debate on Europe“. Er habe keine Worte und sei nervös, sagt Schlögel zu Beginn seiner Keynote Speech. Das sei die größte Ehre, die ihm diese Universität habe zuteilwerden lassen können – ihm, der Tbilissi als Student zum ersten Mal vor 60 Jahren besucht habe. Jetzt sei er wieder in Georgien, einem freien, unabhängigen Land und einem Teil Europas. „Ich fühle mich verpflichtet, gemeinsam mit Ihnen für die Werte zu kämpfen, die wir teilen“, sagt Schlögel.
In seiner Rede macht er sich auf die Suche nach neuen Narrativen für eine Zeit, in der einst untergegangene Imperien vielleicht wieder zurückkehren könnten. Für Schlögel rührt diese Suche an seinem Selbstverständnis als Historiker. Für die Vergangenheit gilt es eine Sprache zu entwickeln, um zu erzählen, was war. Gleichzeitig sind Historiker*innen Zeitgenoss*innen, was Chancen, aber auch Risiken birgt: Nähe versus die Gefahr, Distanz und Objektivität einzubüßen.
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Die geistigen Waffen
Russlands Annexion der Krim 2014 sei für ihn der Auslöser gewesen, sich der ukrainischen Geschichte als solcher zuzuwenden, sagt Schlögel – einer Geschichte der Ukraine als eigenständige Entität und politisches Gemeinwesen mit einer eigenen, spezifischen und authentischen Geschichte, Sprache und Kultur.
Das russische Regime unter Wladimir Putin klassifiziert Schlögel als „postmodernen Totalitarismus“. Fester Bestandteil sei ein ideologisches oder kulturelles Hybrid, mit dem der Herrscher sowohl im Inland als auch gegenüber der Außenwelt spielen könne. Die scharfe Trennlinie zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge sei aufgehoben. Ergo habe man es nicht mit der alten Art sowjetischer Propaganda zu tun, sondern einem raffinierteren Einsatz von Bildern, Rhetorik und Praktiken, um die „große Lüge“ zur „neuen Normalität“ zu machen. Die geistigen Waffen und Instrumente müssten neu geordnet werden, nicht nur die militärischen Waffen.
„Putins Krieg gegen die Ukraine ist kein regionaler Konflikt an der Grenze Europas, sondern ein Angriff auf eine Art zu leben und nicht bloß die Verteidigung abstrakter Prinzipien“, sagt Schlögel. „Putin ist dazu verdammt, diesen Krieg fortzusetzen, da ein Frieden das Ende seiner Herrschaft bedeuten würde.“
Und genau das tue Putin. Europa hingegen sei sich trotz eines neuen Realitätsbewusstseins nicht im Klaren darüber, wie es die ihm zur Verfügung stehenden Potenziale mobilisieren solle. Europa habe zwar dazugelernt, aber nicht schnell, nicht tiefgreifend und nicht radikal genug. „Hier in Georgien müssen wir lernen, lernen zuzuhören“, sagt Schlögel zum Abschluss seiner Rede.
„Wir gehen hin“
Voneinander lernen, einander zuhören, sich austauschen und nachhaltige Netzwerke schaffen: Das ist die Kernidee der Veranstaltungsreihe „Debatten über Europa“, bei der Fachleute verschiedener Disziplinen aus Ost und West für mehrere Tage zusammenkommen. Initiatoren der Plattform sind die S. Fischer Stiftung und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Das erste Treffen ging 2012 in Budapest über die Bühne, in diesem Jahr fiel die Wahl auf Tbilissi als 16. Austragungsort. Antje Contius, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der S. Fischer Stiftung, sagt: „Wir begnügen uns nicht mit Solidaritätsadressen, wir gehen hin.“
Und das ist bitter nötig. Nach dem russisch-georgischen Krieg um die Region Südossetien 2008, der bei vielen Georgier*innen bis heute nachwirkt, und dem demokratischen Machtwechsel vier Jahre später schien sich die Südkaukasusrepublik auf den Weg nach Europa zu machen. 2023 erkannte Brüssel Georgien den Status eines EU-Beitrittskandidaten zu.
Doch die Regierungspartei Georgischer Traum hatte und hat anderes im Sinn. Nach nachweislich massiv gefälschten Parlamentswahlen im Oktober 2024 kam es zu Massenprotesten, gegen die Polizeikräfte mit brachialer Gewalt vorgingen. Aufgrund eines repressiven Gesetzes nach Moskauer Vorbild von 2025 mussten zahlreiche Nichtregierungsorganisationen ihre Arbeit einstellen, unabhängige Medien kämpfen ums Überleben. Derzeit sitzen in Georgien über 100 politische Gefangene ein, darunter auch Journalisten*innen und Kulturschaffende. Dennoch erweist sich die Zivilgesellschaft als erstaunlich resilient. Immer wieder gehen Menschen auf die Straße.
Auch die international renommierte Ilia-Universität, die 2006 gegründet wurde, steht unter wachsendem Druck. Der Hebel dafür ist eine sogenannte Bildungsreform von 2025. Jährlich sollen nur noch 300 anstatt wie bisher 3.700 Student*innen zugelassen werden. Das Lehrangebot wird auf Pädagogik und einige Naturwissenschaften beschränkt.
Die Hochschule, freier Forschung und Lehre verpflichtet, liegt seit Jahren im Clinch mit der Regierung. Mehr als einmal protestierten die Studierenden lautstark gegen die antidemokratischen Gesetze,Rektorin Doborjginidze solidarisierte sich mit ihnen. Kurzum: es geht darum, diesen Hort des Widerstandes trockenzulegen.
Aufstieg rechtsextremer Kräfte
Was es bedeutet, wenn eine Regierung Werte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wieder preisgibt, erlebt auch der slowakische Autor und Übersetzer Michal Hvorecký hautnah. Er hält in der Ilia-Universität die Abschlussrede bei der Debatte über Europa. Als sich am 10. Dezember 1989 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 250.000 seiner Landsleute auf den Marsch nach Westen machten („Ahoj Europa“, „Hallo Europa“), war Hvorecký 12 Jahre alt.
„Im Dezember 1989 begann ich zu begreifen, dass Freiheit der eigentliche Daseinsgrund ist – sie ermöglicht es uns Menschen, Sinn und Werte zu schaffen. 2026 weiß ich, können wir wieder so viel verlieren“, sagt er. Sein Land sei ein trauriges Beispiel dafür, wie schnell der Aufstieg rechtsextremer Kräfte im 21. Jahrhundert vonstattengehen könne. Unter der Führung von Ministerpräsident Fico steuere die Slowakei auf eine autoritäre Herrschaft zu und drohe womöglich sogar in den Faschismus abzurutschen. Dennoch gingen in Bratislava regelmäßig Zehntausende auf die Straße – wie auch in Tbilissi.
„Es ist an der Zeit, unseren Freunden und Partnern in Georgien und anderswo in Europa genau zuzuhören. Nur so können wir gemeinsam wirksame Strategien für eine nachhaltige Widerstandsfähigkeit entwickeln“, sagt Hvorecký.
Für Julia Cloot, erst seit dem 1. April 2026 Generalsekretärin der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ist es die erste Teilnahme an einer Europa-Debatte. Beeindruckt habe sie die Vielfalt der europäischen Perspektiven und Stimmen zu Themen, die alle mit Georgien verbunden gewesen seien. „Und es macht Mut, dass für politische Diskussionen geschützte Räume geöffnet werden konnten.“
Carl Henrik Fredriksson, Programmdirektor von Debates on Europe, resümiert: „Wir wollen hier niemandem etwas erklären, sondern auf Augenhöhe miteinander sprechen. In Tbilissi zu sein, ist ein Zeichen der Solidarität an sich. Und wir alle fahren verändert zurück.“
Die Recherchen für diesen Text fanden im Rahmen einer von Debates on Europe finanzierten Reise nach Tbilissi statt.
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