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RundfunkstaatsverträgeÖffentlich-Rechtliche ohne Sicherheitsanker

Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt, will sie den Rundfunkstaatsvertrag kündigen. Die Sender des ÖRR stehen schutzlos da – mit einer kleinen Ausnahme.

E rste Amtshandlung: Der Rundfunk soll fallen“, titelte Ende letzter Woche die FAZ. Noch rund sechs Wochen sind es bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die AfD gibt sich siegesgewiss, und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund verkündet neben dem Wahlkampfslogan „Abschiebung ab Minute 1“ auch stets, als erste Amtshandlung werde er die Rundfunkstaatsverträge kündigen.

Dazu reicht jetzt nicht mehr wie früher bloß die Unterschrift als Ministerpräsident*in. Seit einer Verfassungsänderung kurz vor der Angst braucht es dazu eine Mehrheit im Landtag. Was aber auf dasselbe rauskommt, sollte die AfD die Wahlen in Sachsen-Anhalt gewinnen.

Fragt sich also, warum niemand was dagegen tut, vor allem nicht die Sender selbst. Mit im Schlamassel sitzen aber auch die für die Medienpolitik zuständigen Bundesländer.

So ziemlich alle Staatsverträge und Gesetze, die ARD, ZDF und Deutschlandradio betreffen, sind in den letzten Jahren novelliert worden. Zu einer Zeit, in der es die AfD und ihre, formulieren wir mal ganz euphemistisch, „medienpolitischen Vorstellungen“ schon gab. Doch nirgends hat sich hier jemand um das Einschlagen der berühmten Pflöcke, um Sicherheitsanker oder wenigstens längere Laufzeiten oder Kündigungsfristen gekümmert.

Ein kleiner Lichtblick

Nur beim NDR, dessen Vertragswerk 2021 zuletzt geändert wurde, gibt es einen kleinen Lichtblick. Der NDR-Staatsvertrag kann nur alle fünf Jahre gekündigt werden, erstmals zum 31. August 2026. Passiert das nicht, verlängert er sich automatisch um weitere fünf Jahre. Die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, für das der NDR auch sendet und wo die AfD sich ebenfalls Hoffnungen macht, sind aber erst am 20. September.

Bei so ziemlich all diesen Staatsverträgen kommt dann noch eine zweijährige Kündigungsfrist obendrauf. Was im Umkehrschluss heißt, dass sich eine Kündigung oder gar NDR-Auflösung nicht mal eben in einer vierjährigen Legislaturperiode durchziehen lässt. Da muss die AfD schon zweimal hintereinander die Landtagswahlen in MV gewinnen.

Beim MDR, der jetzt in Sachsen-Anhalt auf dem Spiel steht, ist das anders. Hier kann jeweils zum Jahresende ausgestiegen werden, danach läuft die zweijährige Kündigungsfrist. Das wäre rein rechnerisch der 31.12.2028 und damit noch innerhalb einer Legislaturperiode.

Der MDR hat schon angekündigt, gegen eine Kündigung juristisch vorzugehen. Außerdem will der Sender jetzt offenbar doch ein bisschen offensiver für die eigene Weiterexistenz werben und sich nicht mehr ganz so defensiv verhalten wie bisher.

Zu fein für die Selbstbeschäftigung

Auch wenn eine sehenswerte MDR-Doku mit dem nüchternen Titel „Wenn die AfD regiert – Was würde sich in Sachsen-Anhalt ändern?“ letzte Woche zwar einen so brauchbaren wie gruseligen Realitätscheck gerade im Gesellschafts- und Kulturbereich lieferte, die MDR-Frage aber weiter ausgespart ließ. Sich selber und den Konflikt mit der AfD auch im eigenen Programm zu thematisieren, da sind sich die Öffentlich-Rechtlichen immer noch zu fein für.

Vorbild kann hier die Schweizer SRG sein. Die hatte die letzte Volksabstimmung zur Halbierung der Rundfunkgebühr in der Schweiz erfolgreich abgewiesen. Vor allem dadurch, dass sie sich so einfach wie aufwendig wirklich allen Menschen live und in Farbe gestellt hat.

Nun könnten Anstalten und Politik wenigstens in den anderen Bundesländern die Zeit nutzen und die Öffentlich-Rechtlichen ein bisschen sturmfester machen. Doch aus dem MDR ist zu hören, davon sei nichts bekannt. „Wieso auch, jeder stirbt für sich allein“, meint die Mitbewohnerin.

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Steffen Grimberg

Steffen Grimberg Medienjournalist

2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
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4 Kommentare

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  • Es ist immer wieder etwas befremdlich, wenn die taz die öffentlich-rechtliche Quasi-Konkurrenz verteidigt - nur weil die AfD gegen sie ist?



    Jedenfalls hat die, sagen wir, Programmgestaltung und der Umgang mit journalistischen Standards beim ÖRR erheblich zu den Wahlchancen der AfD beigetragen und, was folgenreicher sein dürfte, auch dazu, dass deren Anhänger sich weitgehend von den Staatssendern abgekoppelt haben und z.B. wohl gar nichts von Korruptionsskandalen in der AfD mehr mitbekommen.



    Umgekehrt haben die Wagenburgen der Politik und der Sender selbst dazu geführt, dass im bestehenden System keine wesentlichen Änderungen - außer beim Geld - zu erwarten sind.



    Ich schätze die Chancen einer AfD-Regierung, im eigenen Sinne wirklich etwas zu gestalten, nahe Null an - sowohl wegen der komplexen Lage als auch wegen mangelnder Konzepte und Kompetenz bei der AfD.



    Allerdings scheint eine Kündigung die einzige Möglichkeit, dass sich im ÖRR überhaupt etwas ändert, und damit gar nicht so schlecht. Schlecht wäre, wenn die AfD umfällt und tut, was alle anderen Parteien tun: Möglichst viele eigene Leute in die Sender zu schleusen.

  • Einst haben die da heimlich Westfernsehen geguckt - jetzt wollen sie es freiwillig abschaffen. Ich lach' mich tot.

  • Wie würde wohl in Deutschland eine Volksabstimmung über die Halbierung der Rundfunkbeiträge ausgehen ?

    Die Beführworter müßten nur die irren Kosten für Sportrechte, die Gagen für Sportexperten und Moderatoren veröffentlichen.



    Dazu die noch irreren Summen, die Leute wie Lanz. Illner, Böhmermann, Welke etc. für ihre Sendungen bekommen.



    Auch die Strukuren mit einer Unmenge an hochbezahlten Intendanten und Direktoren gibt es in der Form in der Schweiz nicht.



    Man muß den ÖRR nicht unbeding abschaffen.



    Aber ein paar grundsätzliche Reformen wären sinnvoll. Aber noch nicht mal dazu ist das System bereit, bestenfalls werden fiktionale Inhalte, selbst wenn sie ihr Publikum finden, ausgedünnt und dafür mehr Wiederholungen ausgestrahlt.

    Jetzt soll auch noch de rKlassiker "Ein Fall für Zwei " eingestellt werden. Eine Folge kostet nicht viel mehr als eine Folge "ZDF Royale" von Böhmermann.



    Aber der Krimi hat bis zu drei mal so viele Zuschauer und läßt sich im Gegensatz zu einer mehr oder weniger tagesaktuellen Sendung auch problemlos wiederholen.



    Aber es ist ja offensichtlich, was dem ZDF wichtiger ist.

  • Als Menschin, die das Wunder der Grenzöffnung erleben durfte, gruselt es nur noch.



    Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen (bei all der vielen Kritik, die ich an den existierenden Parteien habe) wieder in eine Diktatur zurück sehnen.



    Um unsere Kinder ist mir Angst und Bange. Die Verfälschungen im Netz sind schon schlimm genug.