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Blühende Rosen, giftige Dämpfe: eine Arbeiterin in einer großen Plantage in Cayambe, die ihre Tore für eine Besichtigung öffnete Foto: Johis Alarcón

Rosenindustrie in EcuadorLiebes Gift

Zum Valentinstag eine Rose? Gut möglich, dass sie aus Ecuador kommt. Hier floriert die Blumenzucht auf Kosten von Umwelt und meist indigener Ar­bei­te­r*in­nen.

B eim Erntedankfest prallen Blechbläser und Cumbia-Rhythmen aufeinander wie Wetterfronten. Jede Kapelle wuchtet ihren eigenen Sound durch den dünnen Nieselregen des fruchtbaren ecuadorianischen Hochtals. Über der Festwiese des Örtchens La Chimba in der Region Cayambe spannt sich ein spektakulärer Regenbogen – entlang der Berghänge und schnurgeraden Reihen weißer Gewächshäuser. In ihnen liegt das blühende Versprechen Cayambes verborgen: Rosen, auf Perfektion gezüchtet für den Export nach Europa, Russland, in die USA.

Zwei, die sie anbauen, sind Patricia Catucuamba und Milton Neppas. Sie gehören zur indigenen Gruppe der Kayambi und leben auf einem Hof oberhalb der Festwiese. Von dort deutet Catucuamba noch weiter empor auf ihr Gewächshaus. Auf 3.300 Metern über dem Meeresspiegel stehen hier in langen Reihen fünf verschiedene Rosensorten dicht an dicht. Es sind nur wenige Schritte eine Streintreppe hinauf, doch in der dünnen Höhenluft brennt es mit jeder Stufe in der Lunge.

Catucuamba und Neppas arbeiten hier in kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Im Jahr 2000 wollten sie noch allein mit der Milchwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch um darin langfristig konkurrenzfähig zu bleiben, braucht man vor allem eines: Land, viel Land, mehr als sich Kleinbauern wie Neppas und Catucuamba leisten können. Also stiegen sie um und setzten ihre Hoffnung auf Schnittblumen. Vor allem der Rosenanbau verspricht mehr Ertrag auf kleiner Fläche.

Auf dem Küchentisch breitet Patricia Catucuamba ihre aktuelle Haushaltsrechnung aus. Einnahmen und Ausgaben sind in einem bunten Rechenheft in geschwungener Schrift aufgelistet, den größten Posten hat sie rot eingekreist: „Productos fitosanitarios“ – Pflanzenschutzmittel. Diesen Monat sind es 100 Dollar.

Sichert der Rosenanbau tatsächlich die Zukunft der Familie? Oder haben sich Catucuamba und Neppas in ein toxisches System verstrickt, das sie langsam auszehrt?

Patricia Catucuamba und Milton Neppas in der Küche ihres Hofs Foto: Johis Alarcón

Drei Viertel der ecuadorianischen Rosenproduktion befindet sich nach Angaben des Branchenverbands Expoflores in der Region Cayambe. Rosen machen zwei Drittel aller Blumenexporte Ecuadors aus. Damit ist das Land mit über zwei Milliarden verkauften Stielen im Jahr 2025 auf Platz drei der weltweiten Exportstatistik vorgerückt, hinter den Niederlanden und Kolumbien. Ecuador hat sich einen Ruf für ausgezeichnete Qualität erarbeitet. Und die Rendite für Rosen liegt höher als bei anderen populären landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Bananen oder Kaffee.

Die weltweit gestiegene Nachfrage hat die karge, wasserarme Landschaft nordöstlich der Hauptstadt Quito verwandelt. Wo ehemals trockenes Andengras wuchs, breiten sich heute riesige Blütenmeere aus. Die besonderen Bedingungen der Region – Höhenlage, vulkanische Böden, intensive Sonneneinstrahlung – bietet ideale Voraussetzungen: Stiele gedeihen länger, Blüten üppiger.

Doch auch für ansässige Unternehmen und ihre Abnehmer sind die Bedingungen günstig. Die Arbeitslöhne sind niedrig und die lokalen Behörden kontrollieren die Einhaltung von Arbeitsrechten und Umweltstandards kaum.

In Cayambe, einer Region mit rund 100.000 Einwohnern, ist fast die Hälfte der Bevölkerung direkt oder indirekt mit der Branche verbunden. Indigene Frauen sind ein unverzichtbarer Teil der floralen Wertschöpfungskette, gerade in den ländlichen Gemeinden. Sie stehen vom Setzling bis zur Ernte an jeder Stufe der Produktionskette und erwirtschaften in vielen Familien den Hauptteil des Einkommens. Einige Kayambi sind wie Neppas und Catucuamba Klein­bäue­r*in­nen und versuchen, sich weiter autonom zu versorgen. Eine große Mehrheit aber ist längst abhängig von der Arbeit in den großen Betrieben.

Keine Obergrenzen für Pestizidrückstände

Hier werden die Rosen bei der Aufzucht regelrecht mit Chemie überzogen, um jene makellosen Blüten zu garantieren, die Importeure im Ausland von ihnen verlangen. In Ecuador gibt es für die Schnittblumenproduktion keine spezifischen staatlich festgelegten Obergrenzen für Pestizidrückstände, wie man sie etwa für Lebensmittel kennt. Mit tragischen Folgen für die Beschäftigten und all jene, die in der Nähe der Plantagen leben.

In der Europäischen Union regelt die Pestizidverordnung Zulassung, Verwendung und Höchstwerte chemischer Rückstände, um Mensch, Tier und Umwelt zu schützen. Was besonders gefährlich ist, soll hier nicht mehr auf den Feldern landen. Das bedeutet jedoch nicht, dass solche Substanzen damit aus dem Verkehr gezogen wären.

Denn auch wenn Pestizide, die nachweislich krebserregend oder anderweitig hormonell wirksam sind, in der EU nicht zugelassen oder vom Markt genommen wurden, dürfen europäische Konzerne diese weiterhin herstellen und in Länder außerhalb Europas verkaufen. Dort werden sie für die Produktion von Erzeugnissen verwendet, mit denen die giftigen Stoffe wieder nach Europa gelangen.

2024 hat die EU den Export von 122.000 Tonnen Pestiziden erlaubt, die als so problematisch für die Gesundheit oder Umwelt gelten, dass sie für den Gebrauch auf dem europäischen Markt verboten wurden. Das entspricht mehr als dreitausend Lkw-Ladungen. 50.000 Tonnen davon fielen auf Exporte deutscher Produzenten wie BASF, Bayer oder Alzchem. Die drei Konzerne allein exportierten 12.000 Tonnen nach Südamerika, wovon etwa 2.000 Tonnen in Ecuador landeten, mit Cayambes Schnittblumenindustrie als Hauptabnehmer.

„Die Risiken hören an den Werkstoren nicht auf“

Bayer exportiert das bereits in geringer Dosierung akut toxisch wirkende Insektizid Cyfluthrin, BASF das fruchtbarkeitsschädigende Fungizid Epoxiconazol, dessen Abbauprodukt Trifluoressigsäure Gewässer und Trinkwasser belastet. Das im Landkreis Traunstein ansässige Chemieunternehmen Alzchem verdient sein Geld unter anderem mit Dormex, einem Wachstumsregler auf Basis von Cyanamid, das den einheitlichen Austrieb von Knospen in Regionen mit milden Wintern fördert. Die EU hat Cyanamid schon 2008 verboten, weil die gesundheitlichen Risiken für Land­wir­t*in­nen selbst mit Schutzausrüstung nachweislich zu hoch waren.

„Viele Pestizide, die in Europa längst vom Markt genommen oder verboten wurden, werden in Ecuador weiterhin massiv eingesetzt“, bestätigt José Suarez-Lopez, Gesundheitswissenschaftler an der University of California, San Diego (UCSD). „Für die ländlichen Gemeinden, die durch den Ausbau der Plantagen zunehmend von Chemikalien eingekreist werden, ist das keine gute Nachricht.“

Für eine 2024 veröffentlichte Studie, wurden die Beschäftigten auf den Plantagen in Cayambe untersucht. Man fand bei mehr als 61 Prozent der Ar­bei­te­r*in­nen Hinweise auf Pneumonitis, eine Lungenentzündung, die auf den Kontakt mit Pestiziden und anderen Agrochemikalien in der Blumenproduktion zurückgeführt wird. Auch Hautprobleme wie Ausschläge und Ekzeme waren unter den Ar­bei­te­r*in­nen verbreitet, weil sie direkt mit den Chemikalien und den damit behandelten Pflanzen in Berührung kommen.

„Nach den Ernten vor Valentinstag haben wir deutlich höhere Pestizidbelastungen bei den Kindern gemessen“, sagt José Suarez-Lopez Foto: Johis Alarcón

„Die Risiken, die von den Chemikalien ausgehen, hören aber an den Werkstoren nicht auf“, sagt Suarez-Lopez. Ihm und seinem Team ist es mit aufwendiger Forschung gelungen, den Zusammenhang von Pestizideinsatz und gesundheitlichen Problemen in der Region zu belegen. Seit 2008 haben die For­sche­r*in­nen über 500 Kinder und Jugendliche in der Anbauregion rund um Cayambe begleitet.

„Nach den großen Ernten vor Valentinstag oder dem Muttertag haben wir deutlich höhere Pestizidbelastungen bei den Kindern gemessen, was unmittelbar mit schlechteren neurokognitiven Leistungen einhergeht. Untersuchungen außerhalb der Hochsaison zeigen, wie die Kontamination der Probanden sinkt und sich die Fähigkeiten wieder verbessern.“ Anders gesagt: Wer an Valentinstag Rosen schenkt, trägt im Zweifel dazu bei, dass Kinder in Ecuador schlechter lernen können.

Zudem konnten Suarez-Lopez und sein Team den Verdacht untermauern, dass junge Menschen in den Anbauregionen aufgrund des dortigen Pestizideinsatzes häufiger unter Depressionen leiden. „Wir sehen höhere Depressionswerte bei Stu­di­en­teil­neh­me­r*in­nen mit höherer Exposition“, sagt Suarez-Lopez.

„Der Effekt ist bei Frauen noch stärker als bei Männern.“ Auch würden sich Fälle von Leukämie, Fehlgeburten, chronischen Erkrankungen und neurologischen Schäden wie Gedächtnisproblemen und andauernder Erschöpfung unter Arbeiter- und An­woh­ne­r*in­nen häufen.

Der Alltag auf den Plantagen

Eine große Blumenplantage in Cayambe öffnet unter der Bedingung, dass sie nicht namentlich in der Zeitung genannt wird, ihre Tore. Etwa 500 Menschen arbeiten dort. Vor dem Eingang rauchen bewaffnete Wachleute, in den Anbauhallen liegt ein beißender Geruch in der Luft.

Der Vorgesetzte, der durch die Räume führt, schwärmt von den Blüten der Bestseller „Pink Amaretto“ und „Violet Hill“. Eine Reklame unter dem Hallendach verspricht „Four Seasons Quality“. „Die ganzjährige Produktion macht unsere Rosen klimafreundlicher als solche, die während der kalten Wintermonate in energiefressenden Gewächshäusern in den Niederlanden gezüchtet werden“, sagt der Mann.

Das stimmt, nur lesen europäische Ver­brau­che­r*in­nen selten „Ecuador“ auf dem Etikett eines Straußes. Sie erfahren in der Regel nichts über deren Herkunft, die dortigen Arbeitsbedingungen oder den Pestizidgebrauch. Die überwältigende Mehrheit der ecuadorianischen Schnittblumen wird über die Niederlande eingeführt – und auf den Etiketten hiesiger Supermärkte und Blumenläden muss nur das letzte Exportland genannt werden.

Anders als in der Mode‑ oder Lebensmittelbranche, wo genauere Kontrollen die Rückverfolgbarkeit verbessert haben, bleibt die Lieferkette im europäischen Blumenhandel weitgehend undurchsichtig.

Wie Teppiche bedecken die Gewächshäuser kleiner und großer Blumenplantagen das Hochtal Cayambes Foto: Johis Alarcón

Auf der Großplantage in Cayambe sind viele Ar­bei­te­r*in­nen ohne Schutzkleidung unterwegs, obwohl der chemische Dunst in den schlecht belüfteten Hallen immer schärfer in der Nase brennt. Männer und Frauen arbeiten hier täglich bis zu zehn Stunden im Stehen, für einen monatlichen Durchschnittslohn von 482 Dollar, was dem gesetzlichen Mindestlohn in Ecuador entspricht. Überstunden sind oft unbezahlt, der Effizienzdruck ist groß.

Wer krank ist und eine Schicht versäumt, bekommt keine Lohnfortzahlung, sondern, wie mehrere Beschäftigte berichten, sogar 10 Dollar je versäumtem Arbeitstag vom Salär abgezogen.

Am Eingang eines Gewächshauses informiert ein Einsatzplan über die turnusmäßigen Pestizidanwendungen. Dazu sagt der Vorarbeiter: „Wir wechseln das Sprühteam alle drei Monate.“ Länger soll es dann doch niemand in der Giftwolke aushalten.

Problematisch findet er das Spritzen an sich aber offenbar nicht: „Jeder landwirtschaftliche Betrieb hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck“, sagt er. Der Teil der Anlage, in dem gerade gespritzt wird, ist für die Besichtigung schließlich gesperrt. Vor den Hallen liegen haufenweise leere Pestizidkanister wie Requisiten eines dystopischen Films.

Die Rückreise deutscher Pestizide

1,25 Milliarden Euro gaben deutsche Ver­brau­che­r*in­nen 2025 für Schnittrosen aus. Die Pestizide reisen auf den importierten Blumen mit in die Wohnzimmer. Waltraud Novak von der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 testet mit ihrem Team regelmäßig auch in Deutschland Garten- und Schnittblumen auf chemische Rückstände. „Rosen sind das Hauptproblem“, sagt sie. „Die beliebteste Blume ist zugleich die Problematischste.“ Denn Rosen speichern Pestizide besonders gut, auch, weil die Sträucher für lange Zeit in den gleichen Gewächshäusern, in der gleichen Erde stehen.

Die jüngsten Studienergebnisse, die Novak über ihren Bürotisch im Wiener Bezirk Neubau reicht, sind bezeichnend. In 16 untersuchten Sträußen importierter Schnittblumen fanden die La­bo­ran­t*in­nen Rückstände von 79 verschiedenen Pestiziden. 49 davon sind hormonell wirksam, krebserregend, fruchtbarkeitsschädigend oder von der WHO als gesundheitsschädlich eingestuft.

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Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Im Schnitt trug jeder Strauß Spuren von 14 verschiedenen Mitteln; ein Bouquet mit Rosen war mit insgesamt 32 Substanzen belastet. Drei Viertel der Proben enthielten Chemikalien, die in der EU längst verboten sind, weil sie als besonders toxisch gelten.

„Für den Valentinstag lassen sich leider gar keine wirklich fairen Alternativen empfehlen“, sagt Novak. Frische Sträuße, die zu dieser Jahreszeit verkauft werden, seien fast ohne Ausnahme schwer belastet und unter fragwürdigen Bedingungen produziert. Nur knapp 0,1 Prozent der Rosen, die Ecuador verlassen, tragen ein Fairtrade-Siegel – und selbst auf Fairtrade-Rosen finden sich häufig Spritzgifte, wie das Ver­brau­cher*­in­nen­ma­ga­zin Öko-Test zuletzt nachweisen konnte.

Immerhin: „Im Mai gibt es zum Muttertag eine große Vielfalt an Wild- und Wiesenblumen“, sagt Novak. Im Winter lasse sich das Angebot jedoch nur durch Blumen aus energieintensiven Gewächshäusern in den Niederlanden ergänzen, „wobei die CO2-Bilanz dort sogar schlechter ausfällt als beim Import aus Übersee“. Öko-Test kam 2023 zu ähnlichen Ergebnissen.

Zwischen Wachstum und Widerstand

In Ecuador gibt es derzeit nur freiwillige Zertifizierungen, die für sicherere, fairere Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sorgen sollen. Je nach Programm sind Kontrolle und Durchsetzung löchrig. Ar­beits­recht­le­r*in­nen versuchen, bessere Löhne, mehr Sicherheit am Arbeitsplatz und einen stärkeren Schutz für Ar­bei­te­r*in­nen durchzusetzen; es gibt erste Fortschritte, etwa bei den Arbeitsgesetzen und der internationalen Überwachung.

Doch solche Bestrebungen treffen auf erbitterten Widerstand von Lobbyverbänden und einer Regierung, die sich vom Umweltschutz gänzlich zu verabschieden scheint. Sämtliche Rechercheanfragen zu den Auswirkungen des industriellen Pestizideinsatzes an das Umweltministerium und das Gesundheitsministerium in Quito blieben unbeantwortet.

Im Oktober 2025 legten Streiks, angeführt von der indigenen Bewegung Cayambes, Teile des Landes lahm. Präsident Daniel Noboa – Sohn des reichsten Mannes in Ecuador, einem Bananenmagnaten – reagierte mit Militäreinsätzen. Schon bei den ersten Demonstrationen wurden Zivilisten getötet.

„Hier in Cayambe hat es schon immer Widerstand gegen Ausbeutung und Missbrauch von Arbeitskräften gegeben“, sagt Guillermo Churuchumbi. Von 2013 bis 2024 war er Bürgermeister. In seine Amtszeiten fiel der explosionsartige Anstieg der Rosenproduktion. Auch er gehört den indigenen Kayambi an, trägt den Hut und das lange Haar wie viele Männer im Norden des Landes.

Im Rasupamba, seinem Restaurant in den Bergen bei La Chimba, deutet er auf ein nahe gelegenes Steinmonument zu Ehren der 2009 verstorbenen Aktivistin Tránsito Amaguaña, die ihr Leben dem Kampf für indigene Rechte gewidmet hatte. Sie gründete auch die ersten landwirtschaftlichen Gewerkschaften des Landes.

„Die Kehrseite ist ein sich verstärkender Konflikt um Wasser und Boden“

In seiner Haltung zur Rosenindustrie ist er zwiegespalten. „Die Blumenexporte haben die Wirtschaft angekurbelt, es gibt jetzt Einkaufszentren, Kreditgenossenschaften und Arbeit für viele Menschen“, sagt er.

„Die Kehrseite ist ein sich verstärkender Konflikt um Wasser und Boden, die Umweltbelastung und gesundheitliche Probleme durch den Pestizidgebrauch.“ Ein Konflikt, durch den traditionelle Produktionsweisen, Lebensgrundlagen und die ethnische Selbstidentifikation der indigenen Bevölkerung erodieren. Solche Verluste, sagt Churuchumbi, werden durch die Lohnabhängigkeit von der Blumenindustrie forciert.

Den Profiteuren der Blumenindustrie spielen derzeit viele Faktoren in die Karten: staatliche Subventionen, eine immer größere Nachfrage aus Übersee und eine neue EU-Verordnung, die Schnittblumen aus Afrika strenger reguliert.

Churuchumbi fürchtet, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Branche die Region Cayambe früher oder später in eine Krise stürzen könnte. „Ich sage nicht, dass es keine Blumenzucht geben soll, aber es braucht ein stärkeres Gleichgewicht. Wir müssen die Wirtschaft breiter aufstellen und dürfen unser Glück nicht allein von den Rosen abhängig machen.“

Wasser wird über unser Schicksal entscheiden. Darüber, wie lange die Sträucher, wie viele Tiere überleben, wie gut die Gemeinden an den Hängen durchkommen

Milton Neppas, Kleinbauer

Bei den Kleinbauern Milton Neppas und Patricia Catucuamba prasselt das Wasser nur noch stoßweise aus dem Hahn. Sie zählen die Stunden, bis die Bewässerung ganz abgestellt wird.

In dieser Woche haben sie nur dreimal zwölf Stunden Zeit, um ihren Hof zu versorgen, während die Großplantagen unten im Tal, die aus denselben versiegenden Quellen schöpfen, einen privilegierten Zugang genießen. Mit jeder neuen Plantage wird das Wasser knapper. Sie ziehen so große Mengen aus den Quellen und Bewässerungskanälen, dass in den höher gelegenen Gemeinden immer häufiger auch ganze Tage ohne Versorgung vergehen.

„Wasser wird über unser Schicksal entscheiden“, sagt Neppas. „Darüber, wie lange die Sträucher, wie viele Tiere überleben, wie gut die Gemeinden an den Hängen durchkommen.“

Auch Neppas und Catucuamba sagen, die Blumenindustrie habe die Wirtschaft angekurbelt. Doch nicht zugunsten der Kleinbauern. Es seien einzig die großen Unternehmen in der Region, die profitierten: durch Marktmacht, Beherrschung der Exportketten und Skaleneffekte in Produktion und Logistik.

Als der Regenbogen über den Gewächshäusern von La Chimba langsam verblasst, kommt Patricia Catucuamba mit einem Strauß hellroter und gelber Rosen in die Küche zurück. Die schweren Köpfe federn auf und ab. Doch makellos sind sie nicht, manche Blütenblätter haben Flecken. „Diese hier wurden nicht gespritzt“, sagt Catucuamba lächelnd. „Sie sind nicht perfekt, aber so gefallen sie uns am besten.“

Diese Recherche wurde durch den Journalismfund Europe unterstützt.

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2 Kommentare

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  • Gut, dass ich schon vorher wusste, dass ich dem Valentinstag den Rücken kehren muss. Ausbeutung von Umwelt und Mensch.



    Dieser Artikel bestätigt mich wieder. Sehr gut!

    • @Troll Eulenspiegel:

      Sie mussten dem Valentinstag nicht den Rücken kehren.



      Blumen sind zwar ein Klassiker aber längst nicht das einzige Geschenk.



      Ich habe gehört dass vor allem die persönliche Geste zählt.