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Roman von Boris SchumatskyWeltgeschichte, die sich in blutigen Wiederholungen erschöpft

Der Schriftsteller Boris Schumatsky veröffentlicht mit „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ einen großen Roman über menschliche und politische Abgründe.

Mit dem ersten Satz dieses in vielerlei Hinsicht herausragenden Buchs wird nicht nur der melancholische Grundton, sondern auch ein wesentliches Leitmotiv der Prosa etabliert, nämlich der leidvolle Konflikt zwischen politischen Gewaltverhältnissen und künstlerischer Bestimmung: „Statt zu schreiben, könnte ich fliegen, ich könnt meine Mutter wieder umarmen, vielleicht zum letzten Mal.“

Mit dem eindringlichen Textbeginn hatte Boris Schumatsky schon beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im vergangenen Jahr überzeugt und mit dem Deutschlandfunk-Preis den zweiten Platz des Wettlesens am Wörthersee belegt.

Aus der halbstündigen Erzählung ist ein 400 Seiten starker Roman mit dem anspielungsreichen Titel „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ entstanden, der die Ahnung des Klagenfurter Publikums bestätigt, aus diesem Stoff könne ein großer Wurf werden: Zunächst steht die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers im Mittelpunkt, der – wie der Schriftsteller Schumatsky – Mitte der 1960er Jahre in Moskau geboren wurde und von Kindesbeinen an mit dem Gewaltsystem der Sowjetunion konfrontiert ist.

Das Buch

Boris Schumatsky: „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“. Residenz Verlag, Salzburg 2026. 416 Seiten, 29 Euro

Genauigkeit eines Zeithistorikers

Drill und körperliche Übergriffe gehören zum Alltag der sozialistischen Gesellschaft. Noch nicht einmal volljährig, droht der Einzug ins Militär, das nicht wenige Rekruten nur schwer verletzt und verstümmelt überleben. Schumatsky beschreibt mit der Genauigkeit eines Zeithistorikers, wie präsent die Gewalt des Militärsystems in der Umgangssprache ist und auf welche Weise die wiederkehrenden Phrasen der Erniedrigung die Soldaten auf zukünftige Kriege vorbereiten.

Der feingeistige Boris entgeht der Einberufung, indem er sich an die Kunstakademie rettet, um später, als der Eiserne Vorhang fällt, nach Deutschland überzusiedeln. Er bleibt seiner Familie eng verbunden, insbesondere der literaturinteressierten Freundin seiner Mutter, die sich als Tante Natalie zur wichtigsten Bezugsgröße des Heranwachsenden entwickelt hat.

Als junge Frau lebte sie noch in Paris, jobbte an der Rezeption eines Hotels – und lernte Paul Celan kennen, der sich dort einquartiert hatte. Mit Natalie führt Schumatsky nicht nur eine weitere Erzählinstanz, sondern auch eine empathische Figur ein. Vielleicht ist sie die einzige Heldin in dieser Geschichte.

Schumatskys Roman gehört zu den ersten Werken, die die gegenwärtigen Kriege und Kulturkämpfe mit der politischen und literarischen Vergangenheit verknüpfen

Freundschaft zu Paul Celan

Natalie genießt Celans Vertrauen und wird Zeugin nicht nur der vielen Liebesdramen des Dichters, sondern auch seines Kampfes im und gegen den deutschen Literaturbetrieb. Was Natalie über die biografischen und gesellschaftspolitischen Hintergründe der Gedichte Celans zu erzählen weiß, wird die Germanistik vermutlich noch beschäftigen.

Denn es fällt kein gutes Licht auf Autoren wie Böll und Grass, und Celans Immer-mal-wieder-Geliebte Ingeborg Bachmann verhielt sich ebenfalls seltsam kaltherzig. Sie alle rieten dem Autor der „Todesfuge“, dessen Eltern von den Nazis deportiert und umgebracht worden sind, in Sachen Antisemitismus doch bitte nicht so überempfindlich zu sein.

Auf einem Schriftstellerkongress hatte eine Autorin in Anwesenheit von Celan gesagt, sie könne Juden nicht riechen. Die verbalen Attacken nahmen zu, als Claire Goll ihre unfassbare Verleumdungskampagne begann und wahrheitswidrig behauptete, Celan habe von ihrem Mann, dem Dichter Yvan Goll, nicht nur einzelne Verse abgeschrieben, sondern die Ästhetik seiner Lyrik insgesamt kopiert.

Alte Sprachmuster und Propagandabilder

Die nachträglichen Manipulationen am Werk des Gatten gehören bis heute zu den schlimmsten und folgenreichsten Skandalen in der deutschsprachigen Literatur. Schumatsky zitiert den Rezensenten des Berliner Tagesspiegels Günter Blöcker, der Celans Gedichtband „Sprachgitter“ mit den Worten verriss, man habe es mit „Spinnfäden aus Celans Sprachdrüsen“ zu tun: Der Dichter agiere „ ‚im Leeren‘, und das mag ‚an der Herkunft‘ liegen“. Celan verzweifelte nicht nur, weil die alten Sprachmuster und Propagandabilder in der Nachkriegszeit noch verwendet wurden.

Von einem wie Blöcker, der im Dritten Reich als „Dramaturg“ fürs Durchhaltekino der UFA arbeitete, war nicht viel zu erwarten. Die mangelnde Unterstützung der früheren Schriftstellerfreunde aber brachte Celan im wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand.

Die Ereignisse in Paris, die Natalie in ihrem Tagebuch festgehalten hat und die sie ihrem Schützling Boris anvertraut, sind eng verbunden mit den anderen Zeitebenen des Romans, die bis an die jüngste Gegenwart heranreichen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der am 24. Februar 2022 begann, und das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel werden in schockierenden Detailszenen geschildert.

Alles hängt mit allem zusammen

Die Daten begreift Schumatsky als symbolhafte Wendepunkte in einer Weltgeschichte, die sich in blutigen Wiederholungen erschöpft. Alles hängt in diesen Passagen literarischer und digitaler Verdichtung mit allem zusammen. Die Hasstiraden unterschiedlicher Extremisten verfolgen dann auch den Erzähler, der sich erst durch den grassierenden Antisemitismus seiner jüdischen Identität bewusst wird.

Zuweilen wirkt es, als hadere der Autor damit, überhaupt weiterzuschreiben. Doch dann könnte er auch nach Russland fliegen, zur alten und kranken Mutter. In der alten Heimat drohen ihm Verhaftung und Verschleppung in ein Arbeitslager. Zu oft und zu deutlich hatte er von Deutschland aus gegen den Krieg Russlands Position bezogen. Wenn er doch flöge, hätte er immer ein tödliches Gift dabei.

Dieser bewegende und stilistisch überzeugende Roman ist vermutlich in weiten Teilen autobiografisch grundiert; einiges wird den Briefwechseln der literarischen Berühmtheiten entlehnt sein, die im Anhang aufgelistet sind. Ob Natalie, die sich in einen russischen Agenten verguckt und ihm nach Moskau folgt, existiert hat, bleibt ein schönes Rätsel.

Hommage an die Dichtung Celans

Damit ist Schumatskys Prosawerk auch ein Buch über liebende Menschen, die in widrigen Zeiten die verrücktesten Dinge tun. Schließlich liest sich „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ als Hommage an die Dichtung Celans, die in Originalzitaten eingestreut wird und dem vielschichtigen Text eine nahezu musikalische Note beifügt. Dessen Lyrik hat, allem Ressentiment zum Trotz, bis heute überlebt. Sie ist das Gegengift zur Sprache der Gewalt.

Auch Schumatskys Roman wird in die Geschichte der deutschsprachigen Literatur eingehen, nicht zuletzt, weil er zu den ersten Werken gehört, die die gegenwärtigen Kriege und Kulturkämpfe mit der politischen und literarischen Vergangenheit verknüpfen. Kritisch und selbstkritisch bleibt die Haltung des Erzählers, der sich nicht vereinnahmen lassen möchte.

Das Leid auf der anderen Seite, das als medialer Dauerbeschuss auf ihn einwirkt, schockiert ihn nicht minder: „Ich schreibe Natalies Erinnerungen hier auf und denke dabei an Gaza. An die israelischen Raketen, Bomben und Artilleriegeschosse, die dort vielleicht in diesem Moment einschlagen. Die Einwohner werden zwar vor Angriffen manchmal gewarnt, ich sehe täglich viele solcher Warnungen bei Telegram.“

Der Roman, der als dröge Kopfgeburt hätte enden können, überzeugt auch dramaturgisch bis zuletzt: Der Sohn nimmt seine Mutter, die er nicht mehr wiedertreffen wird, in einer abschließenden Szene auf eine ganz besondere, nämlich virtuelle Reise mit. Das ist so anrührend wie poetisch gelöst, und es zeigt einen Schriftsteller, der sich von der Muttersprache emanzipierte, um in seiner Literatursprache brillieren zu können.

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