Revolutionärer 1. Mai: Bewaffnet mit Inhalten

Die radikale Linke hat sich den 1. Mai nicht nehmen lassen, und das war richtig. Sie wird dringend gebraucht – erst recht, wenn es zu Verteilungskämpfen kommen sollte.

Auf einem transparent in einer Menschenmenge steht: Grenzen öffnen.Lager abschaffen

Ein inhaltlicher 1. Mai in Kreuzberg Foto: dpa

BERLIN taz | In der Dämmerung kurz nach 20 Uhr, gegen Ende des orchestrierten Katz- und Maus-Spiels durch Kreuzberg, ist rings um den Görlitzer Bahnhof noch mal zu beobachten, wie es mal gewesen sein muss am Revolutionären 1. Mai. Polizeitrupps pflügen sich durch die Menge, ziehen einzelne ProtestlerInnen heraus. Von der anderen Seite werden sie beschimpft, vereinzelt fliegen auch Flaschen und Steine.

Keine Stunde später erinnert an der großen Kreuzung unter der Hochbahntrasse der U-Bahn und den meisten umliegenden Straßen schon nichts mehr an die Ereignisse des Tages. Keine Scherben, die den Boden übersäen, niemand, der noch Lust auf Aggression hätte. Polizeieinheiten stehen sich gelangweilt die Beine in den Bauch. Die Bilanz des Abends: eine leicht verletzte Polizistin. Es gab Zeiten da waren es 500 verletzte BeamtInnen; aber auch die liegen schon über ein Jahrzehnt zurück.

Ein Radautag ist der 1. Mai für die meisten Linksradikalen schon lange nicht mehr, selten zuvor aber standen die Inhalte so deutlich im Vordergrund. Die meisten derer, die nach Kreuzberg gekommen waren, um sich aktiv an den Protesten zu beteiligen, hatten ein sichtbares politisches Anliegen: von den zwei jungen Frauen am Heinrichplatz, die ein liebevoll bemaltes Bettlaken ausbreiteten, auf dem ein Zebra „Herdenimmunität gegen Rassismus“ fordert, bis zu jenen, die die schnell gepinselte aber omnipräsente Parole „Leave no one behind“ hinterließen.

Es ist das Verdienst der Linken, von Hamburg bis Berlin, von Grunewald bis Kreuzberg, dass das Schicksal der Geflüchteten in den griechischen Lagern nicht völlig aus dem öffentlichen Fokus gerät. Seit Wochen schon erkämpfen sie öffentlichen Räume für die Forderung, Menschen aus den Elendslagern zu evakuieren. Mitmenschlichkeit gerade auch in Zeiten der Pandemie – es ist das verbindende Thema der Stunde.

Es geht ums System

Einzelne DemonstrantInnen haben mit ihren Schildern gegen Kapitalismus und Konzernhilfen daran erinnert, dass noch ganz andere Themen anstehen. Die Linke, von revolutionär bis reformatorisch, steht vor der Frage: Kann sie Gehör finden in den anstehenden Verteilungskämpfen und bei der Beantwortung der Frage: „Wer zahlt für die Krise?“ Noch ist es ziemlich ruhig. Doch wenn die große Wirtschaftskrise bei den Menschen ankommt, wird eine laute linke Stimme unverzichtbar sein.

Auch deshalb war es richtig, dass sich die radikale Linke – anders als die Gewerkschaften – den Tag der Arbeit nicht hat nehmen lassen. Und das gilt auch aus einem anderen Grund: Sie darf nicht den Rechten und Verschwörungstheoretikern die Rolle als Kämpfer für Grundrechte und Versammlungsfreiheit überlassen. Das ist ihre Bastion, die es zu verteidigen gilt.

Wenn sie dafür nun, vor allem von bürgerlicher Seite angegriffen wird, weil ihre Demonstrationen in Zeiten von Corona unverantwortlich seien, kann sie das getrost zurückweisen. Die OrganisatorInnen haben sich über die Frage viele Gedanken gemacht und immer wieder öffentlich auf Achtsamkeit hingewiesen; die große Mehrheit der DemonstrantInnen trug Atemschutzmasken. Und auch wenn nicht in allen Momenten auf den nötigen Mindestabstand geachtet wurde, war die Ansteckungsgefahr in Kreuzberg sicher nicht höher als in jedem Amazon-Vertriebszentrum.

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Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. Ist zu hören im wöchentlichen Podcast Lokalrunde - das Stadtgespräch aus Hamburg und Berlin.

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