Rekordtemperaturen beim Fusion Festival: 36 Grad, und es wird noch heißer
Am Mittwoch hat in Mecklenburg eines der größten alternativen Musikfestivals in Europa begonnen. Die Veranstalter zeigen sich für die Hitze gewappnet.
Angenehmer Wind begrüßt die Gäste, als sie aus dem Bus aussteigen. Die Sonne brutzelt von oben und vom Asphalt der ehemaligen Landebahn. Das Gesprächsthema Nummer eins ist: die Hitze. Schon im Bus äußern viele ihre Sorgen, andere lachen sie nervös weg. Das Line-up tritt in den Hintergrund. Es wird mehr über Essverhalten geredet als über die zu erwartende Musik – wer bei der Hitze wie großen Appetit hat, und wer sich zwingen muss, etwas runterzuschlingen. Über Alkoholkonsum, der jetzt mehr hinterfragt wird als sonst. Trotzdem ist bei allen Vorfreude da – ein Gefühl, „nach Hause“ zu kommen – Sonne hin, Hitzewelle her. Die Veranstalter haben vorgesorgt: Schon am Busstand wird zwischendurch kostenlos Wasser verteilt.
Am Mittwoch hat das diesjährige Fusion Festival begonnen. Bis Sonntag werden auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz in Lärz an der Mecklenburgischen Seenplatte Zehntausende Gäste erwartet. Das Event im Nordosten Deutschlands gilt seit Jahren als eines der größten alternativen Musik- und Kulturfestivals in Deutschland und Europa. Neben Musik bietet es auch Theater, Performance und Installationen, Workshops und Diskussionsrunden. Im vergangenen Jahr wurden rund 70.000 Besucher gezählt, die Künstlerinnen und Musik-Acts auf über 30 Bühnen erleben konnten.
Jan aus Berlin sagt. „Ich habe Respekt vor der Hitze, aber habe auch gemerkt, dass man sich nach dem ersten Schock daran gewöhnt. Man muss gut auf Schatten achten und gegenseitig auf sich aufpassen.“ Er habe aber schon Angst, dass jemand stark betrunken ins Zelt gehen und es lebensbedrohlich für ihn werden könnte. „Wir müssen alle aufeinander achten und vorsichtig sein“, so sein Fazit. Chris, ebenfalls aus Berlin, steht lange für das Wasser auf dem Campingplatz an und merkt, dass die Leute lieber 40 Minuten im Schatten anstehen als 20 Minuten in der Sonne.
Wer auf den Bühnen steht, ist eine Überraschung
Tahg, der aus Australien stammt, aber auch aus Berlin angereist ist, zeigt sich angesichts der hohen Temperaturen, die am Wochenende Rekordhöhen erreichen sollen, unerschrocken. „Es gibt Sprinkleranlagen auf den Stages“, weiß er, und sagt: „Ich habe Vertrauen in das Fusion-Team, dass sie unsere Sicherheit im Blick behalten.“
Veranstaltet wird das Festival vom gemeinnützigen Verein „Kulturkosmos Müritz“. Mehr als 3.300 Künstler werden in diesem Jahr dort auftreten. Das Line-up der beteiligten Künstlerinnen und Künstler wird traditionell nicht vorab veröffentlicht. Erst wenn das Festival beginnt, können sich die Gäste über den Festivalguide und die App informieren, wer wann auf welcher Bühne auftreten wird. Der Überraschungseffekt ist beabsichtigt. Es soll weniger um prominente Headliner gehen als darum, vor Ort neue Musik zu entdecken.
Die Sonderzüge der Bahn zum Festival waren am Mittwoch voll. Wie jedes Jahr führte die Polizei am Mittwoch auf den Straßen dorthin auch diesmal wieder Fahrzeugkontrollen durch. Sie will Fahrten ohne gültigen Führerschein oder unter Drogen sowie andere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz unterbinden. Dabei setzt sie auf Urintests und Drogentests sowie auf Spürhunde.
Die Veranstalter haben vorgesorgt
Auf die Hitze sei man gut vorbereitet, sagten die Veranstalter auf Anfrage. Es gebe auf dem Gelände zahlreiche Wasserstellen mit kostenlosem Trinkwasser, sagte Suse von Essen von Kulturkosmos Müritz e.V. Die Barbetreiber seien aufgefordert worden, den Wasserpreis zu reduzieren. Mehrere große Tanzflächen seien außerdem extra mit Wasserzerstäubern zur Abkühlung der Tanzenden ausgestattet worden, und zur heißesten Tageszeit gebe es auf den großen Bühnen eine mehrstündige Pause, um die Besucher:innen zu schützen. Das Erste-Hilfe-Team sei auf hitzebedingte Beschwerden vorbereitet.
Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) mahnt die Festivalbesucher dennoch zur Vorsicht. „Seid füreinander da, schaut nicht weg und schützt eure Gesundheit“, sagte Drese dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Alkohol und Hitze seien eine gefährliche Kombination. Denn Alkohol entziehe dem Körper Wasser, was schnell zu Kreislaufzusammenbrüchen oder Hitzeschäden führen könne. Wichtig sei, viel Wasser zu trinken, auch ohne Durstgefühl. Ebenfalls ratsam seien Kopfbedeckungen, Sonnencreme und gute Belüftung in den Zelten.
Was den Veranstaltern aber auch wichtig ist: ein politisches Statement. Man könne auf dem Fusion Festival mit Feierpausen, kostenlosem Wasser und Achtsamkeit den Folgen von Klimawandel und Extremwetter entgegenwirken. „Der Klimakollaps wird sich jedoch nicht in Lärz stoppen lassen“, sagt eine Sprecherin vom Kulturkosmos der taz. „Die Bundesregierung in Berlin muss endlich Verantwortung übernehmen und einen anderen, klaren Kurs in der Klimapolitik einschlagen“, fordert sie.
Nächste Fusion erst wieder 2028
Nach der diesjährigen Ausgabe wird das Festival im kommenden Jahr eine Pause einlegen – so, wie schon einmal 2017. Als Gründe werden der große Aufwand hinter den Kulissen, organisatorische Fragen und andere Baustellen angegeben. Die nächste Fusion soll erst wieder im Jahr 2028 stattfinden.
Jule, die aus Berlin angereist ist, zeigt sich beruhigt. „Ich habe echt Respekt“, sagt sie, „und ich war im Vorfeld ganz schön nervös“. Der Wind helfe, „und man hält es schon aus“, findet sie. „Ich gehe aber mit wacheren Augen über das Gelände und versuche, auf andere mit aufzupassen. Mal nachzufragen, ob es jemanden gut geht und darauf zu achten, dass keiner im Zelt bewusstlos wird. Da müssen wir gut aufeinander achten.“
(Mitarbeit vor Ort: Alice Kuropka)
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