Fusion-Festival nicht geschichtsbewusst: Ferienkommunismus auf dem Rosa Platz
Auf dem Fusion-Festival wird mit Sowjetanspielungen kokettiert. Das ist angesichts der stalinistischen Verbrechen und Putins Bildpolitik nicht okay.
A lle Jahre wieder verspricht das Musikfestival „Fusion“, geschrieben ФУЗИОН, eine Handvoll sommerlicher Tage im „Ferienkommunismus“. Die Bühne namens „Roter Platz“ wurde nach Kritik zwar mittlerweile in „Rosa Platz“ umbenannt, doch auf dem Plan vom vergangenen Jahr finden sich noch eine „Lenin-Allee“ und ein „Zentralkomitee“. Der neue Plan ist noch nicht veröffentlicht. Ich möchte niemandem die gute Laune verderben – auch ich hatte auf dem Festival eine gute Zeit – doch über dieses Image kann ich nur den Kopf schütteln.
Früher assoziierte ich mit sowjetischer Symbolik etwas Angestaubtes: ein Stück Vergangenheit, das aus einer merkwürdigen Trägheit heraus bis in die Gegenwart reicht. Meine Geburtsurkunde etwa, eine hellgelbe Faltkarte, ist mit einem Hammer-und-Sichel-Wappen versehen. Und das, obwohl ich drei Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurde.
Der Kreml lässt wieder die Sowjetfahne wehen
Heute verbinde ich mit sowjetischen Symbolen den russischen Krieg gegen die Ukraine: Drohnenschwärme begleitet von ballistischen Raketen, die nachts Wohnhäuser in Städten im ganzen Land zerstören. Gefolterte, vergewaltigte und ermordete Zivilisten in den besetzten Gebieten. Verschleppte Kinder.
Der Kreml greift in seiner Propaganda zu Symbolen wie Sowjetfahnen oder dem roten Stern, um seine Verbrechen zu legitimieren. Er hat die Insignien der Sowjetepoche neben der russischen Trikolore und dem „Z“ ins Pantheon seiner Symbole integriert.
Den Krieg in der Ukraine stellt er als Verlängerung des Kampfes gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg dar – vermeintliche ukrainische Nazis sind nun an ihre Stelle getreten. Die Bedeutung von Symbolen wandelt sich mit der Zeit, je nachdem, wie sie verwendet werden.
Die eine böse, die andere gut?
In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas sind Hakenkreuze ebenso strafbar wie Hammer und Sichel – nicht primär wegen ihres heutigen Gebrauchs, sondern wegen ihrer Bedeutung in der Stalinzeit und später. Im Vabamu-Museum der Okkupationen und Freiheit in der estnischen Hauptstadt Tallinn, das ich kürzlich besuchte, werden Vergleiche gezogen zwischen der Besatzung unter den beiden totalitären Regimen.
Unangemessen, würden vermutlich einige Fusionistas meinen – waren die beiden Ideologien doch grundverschieden, die eine böse, die andere gut. Aber ist das wirklich so? Die Sowjetunion besetzte Estland 1940, nachdem Hitler und Stalin in den geheimen Zusatzprotokollen des Molotow-Ribbentrop-Pakts Osteuropa unter sich aufgeteilt hatten. Im Jahr darauf, als Hitler schließlich doch die Sowjetunion überfiel, folgte die Besatzung der baltischen Staaten durch Deutschland und dann 1944 eine weitere durch die Sowjets, die bis zur Unabhängigkeit Jahr 1991 andauerte.
Im Museum in Tallinn erfährt man: Rund 14.000 Zivilisten töteten die Nazis in Estland, darunter allein 1.000 estnische Juden, die sie in Konzentrationslagern ermordeten. Unter Stalin wurden schätzungsweise 80.000 Zivilisten aus Estland in Lager geschickt oder nach Sibirien deportiert, ein Drittel davon starb durch Hinrichtungen oder die dortigen widrigen Bedingungen.
Der Sieg des Bösen über ein anderes Böses
Nicht nur die Balten waren von den Repressionen betroffen. Auch meine Familiengeschichte ist gezeichnet von Zwangsarbeit und Tod. Nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion ließ Stalin als Kollektivstrafe nahezu alle sowjetischen Bürger mit deutschen Wurzeln aus ihren Heimatorten deportieren. Zwei meiner Ururgroßmütter starben an Kälte und Hunger.
Der sowjetische Diktator tat dies vielen weiteren Bevölkerungsgruppen an, etwa den Krimtataren, den Tschetschenen, den Kalmücken. „Für Westeuropa bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs den Sieg des Guten über das Böse. Für Osteuropa bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs den Sieg des Bösen über ein anderes Böses“, schreibt der ukrainische Philosoph Wolodymyr Jermolenko treffend.
Ich rate den Fusionistas jedenfalls dazu, nach dem Tänzchen auf dem „Rosa Platz“ mal mit Osteuropäern zu sprechen, ins Museum zu gehen oder ein Buch zu lesen – um zu erfahren, was der Kommunismus in der Sowjetunion, den sie halbironisch referenzieren, tatsächlich bedeutete.
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