Rekordhitze in Nordafrika: Der Hotspot des Klimawandels
In Tunesien, Algerien und Libyen stieg die Temperatur im Juni auf bis zu 50 Grad. Der Strom fiel aus und ganze Wirtschaftszweige standen vor dem Bankrott.
D ie heftigsten Frühjahrsstürme seit Jahrzehnten hatten in ganz Nordafrika wieder einmal eine der größten Herausforderungen der Gegenwart gezeigt – den Klimawandel. Entlang der ganzen Küste hatten die Sturzfluten Felder verwüstet und der Tourismusindustrie schwere Schäden zugefügt.
Aber zumindest einen positiven Nebeneffekt hatte die Katastrophe, durch die mehr als 1.000 Migranten auf dem Mittelmeer und Dutzende Menschen an Land starben: Die nach sieben Dürrejahren fast leeren Speicherseen im Nordosten Tunesiens waren im Juni fast wieder voll.
Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz.
Erstmals seit langem schien die Tourismusbranche ohne die manchmal stundenlange sommerliche Abschaltung der Wasserversorgung auszukommen.
Als Klimaforscher im Juni auf die Folgen des in diesem Jahr sehr starken El Niño, der Erwärmung des tropischen Pazifikwassers, hinwiesen, winkten die Behörden in Algerien, Libyen und Tunesien ab. Die Fertigstellung mehrerer Solarparks, die rekordverdächtigen Wasservorräte – man sei auch für einen angekündigten extrem heißen Sommer gerüstet, hieß es.
Hitzewelle mit bis zu 50 Grad im Juni
Ende Juni erreichte eine nie dagewesene Hitze das südliche Mittelmeer. Viele Firmen und Ministerien verkürzten ihre Arbeitszeit. Schulen sind zwischen Juli und September sowieso geschlossen, da Temperaturen von über 40 Grad mittlerweile fast der Normalfall sind. Doch weil so viele Menschen dann bei tatsächlich 50 Grad zu Hause blieben und ihre Klimaanlagen voll aufdrehten, kollabierten die Stromnetze. Zuerst lag die libysche Hauptstadt Tripolis am 5. Juli fast acht Stunden im Dunkeln. Diese Zeitspanne reichte, dass die kühl gelagerten Lebensmittel von Geschäften und Hotels verdarben.
Um einen ähnlichen Totalausfall zu verhindern, entschied sich der staatliche tunesische Stromversorger Steg für die reihenweise Abschaltung in einzelnen Stadtteilen. Aber dies geschah ohne Ankündigung, und oft fiel der Strom bis zu einem halben Tag aus. In Krankenhäusern blieben die Beatmungsgeräte von Patienten aus, weil Notstromaggregate nicht gewartet worden waren. Auf Fischmärkten fehlte das Eis, um die Ware zu kühlen.
Auf der bis auf die letzten Betten ausgebuchten Ferieninsel Djerba standen die Gäste vor halbleeren Buffets, weil die Kühlschränke durch wechselnde Spannung des Stromnetzes irreparabel beschädigt wurden. Die Gäste saßen bei bis zu 50 Grad in Hotelzimmern ohne Kühlung. Und dann fielen in vielen tunesischen Tourismuszonen auch noch die Wasserpumpen aus. Und damit auch die Wasserversorgung.
Apokalyptischer Großbrand in Tunesien
In Nordtunesien trieb dann die nächste Katastrophe die Besucher an den Strand: In Sichtweite der zahlreichen Strandrestaurants von Ghar El Melah und anderen Orten standen ganze Hügel in Flammen. In den sozialen Medien wurden apokalyptische Bilder verbrannter tunesischer Beachbars geteilt, die in diesem Jahr wegen der niedrigen Preise besonders viele Touristen angelockt hatten.
Die Feuerwehr und 150 Freiwillige benötigten 40 Stunden, um das Feuer im Waldgebiet am Berg Jebel Chahma zu stoppen. Der Großbrand war einer von Hunderten, die auch in Algerien und Libyen die oft schlecht ausgerüsteten Zivilschutzeinheiten in Atem hielt.
Alleingelassen von der Politik
In Nabeul und Kasserine, Tunis und Tripolis brannten dann auch noch Autoreifen. Besitzer kleiner Läden, die wegen der Stromausfälle sämtliche Kühlware wegwerfen mussten und mitten in der gut laufenden Tourismussaison vor dem Bankrott standen, sperrten wütend Ausfallstraßen.
Viele Tunesier fühlen sich an den Sommer 2021 erinnert, als auf den Parkplätzen der Krankenhäuser Coronapatienten starben. Der Bettenmangel veranlasste Präsident Kais Saied damals, Regierung und Parlament abzusetzen. Nun steht der trotz seines autokratischen Regierungsstils beliebte Juraprofessor selber in der Kritik. Saied tourt durch verbrannte Orte, die an Kriegsgebiete erinnern und fordert von den lokalen Behörden besseres Krisenmanagement.
Doch bei den Menschen kommt eine andere Botschaft an: Nordafrika ist der Hotspot des Klimawandels.
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