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Rede des argentinischen PräsidentenMilei schürt Polarisierung

Jürgen Vogt

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Jürgen Vogt

Der libertäre Präsident Argentiniens sichert sich seine Wiederwahl, indem er Mehrheiten organisiert. Unterstützt wird er auch vom US-Präsidenten.

Argentiniens Präsident Javier Milei redet zur Lasge der Nation im Kongress Foto: Agustin Marcarian/reuters

A rgentiniens libertärer Präsident Javier Milei ist zu seiner alten Form aufgelaufen. Mit einer aggressiven Rede eröffnete er am Sonntag die neue Legislaturperiode des Kongresses. Er nutzte seinen Auftritt, um scharf gegen die peronistische und linke Opposition auszuteilen. In einer aufgeheizten Atmosphäre beschuldigte er sie, mehr Gauner als Argentinier zu sein. Milei verfügt nun über Mehrheiten im Kongress. Zu Beginn seiner Amtszeit konnte er lediglich auf eine Handvoll eigener Kongressmitglieder zählen. Seit den Kongress-Teilwahlen im Oktober kann er mit eigenen, übergelaufenen und verbündeten Kongressmitgliedern eigene Mehrheiten in beiden Kammern organisieren. Milei schürte kräftig die politische Polarisierung.

Dabei hat der Präsident durchaus Erfolge aufzuweisen. Die Reduzierung der Inflationsrate von 211 im Jahr 2023 auf 31,5 Prozent 2025 ist für die unteren Einkommensschichten eine spürbare Erleichterung des Alltags. Wer nach den Gründen für deren Unterstützung Mileis sucht, wird sie hier finden. Mit seiner Ankündigung, Hindernisse für die Bergbau- und Ölförderindustrie zu beseitigen und die weitere Öffnung der Wirtschaft für den Weltmarkt voranzubringen, setzt Milei die heimische Industrie bewusst dem internationalen Wettbewerb aus. Die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze liegt schon jetzt im fünfstelligen Bereich.

Mileis Achillesferse ist jedoch die Finanzakrobatik seines Wirtschaftsministers Luis Caputo. Indem der Ex-Banker alte Schulden durch neue Schulden tilgt, garantiert er seiner Finanzklientel Zahlungen der Zins- und Kapitalforderungen. Aber er hält zugleich den Dollar billig und dämpft damit die Inflation, für Milei ist er „der beste Wirtschaftsminister der Welt“.

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Dass dies nicht nachhaltig ist, wurde vor Monaten deutlich, als US-Präsident Donald Trump die beiden mit mehreren Milliarden Dollar vor dem Absturz bewahrte. Milei dankte Trump dafür ausdrücklich in seiner Rede. Solange Trump seinen Amtskollegen in Buenos Aires unterstützt, steht Mileis Wiederwahl nichts im Wege.

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Jürgen Vogt
Korrespondent Südamerika
Kommt aus Karlsruhe. Studierte Politische Wissenschaft in Hamburg und Berlin und arbeitete zwölf Jahre als Redakteur und Geschäftsführer der Lateinamerika Nachrichten in Berlin. Seit 2005 lebt er in Buenos Aires. Er ist Autor des Reisehandbuchs “Argentinien”, 2026, Reise Know-How Verlag.
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18 Kommentare

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  • „Wer nach den Gründen für deren Unterstützung Mileis sucht, wird sie hier finden.“



    In dem Artikel fehlen zu viele wichtige Informationen. Argentinien ist nach 20 Jahren Populismus und Vetternwirtschaft fast so kaputt wie Venezuela.



    Ein Beispiel ist die Gasindustrie, die von den Populisten so zerstört wurde, dass Argentinien, das über riesige Reserven verfügt, Gas importieren musste.



    Ein weiteres Beispiel ist die staatliche Fluggesellschaft Aerolíneas Argentinas, die unter Miller erstmals seit 20 Jahren Gewinn schreibt (100 Millionen), während die Populisten AA mit 900 Millionen jährlich (!) „subventioniert” hatten. Natürlich landete der Großteil der Subventionen bei den Populisten selbst, weshalb die Ex-Präsidentin jetzt im Hausarrest sitzt.



    Aus einer solchen Lage herauszukommen, ist alles andere als einfach. Ob Milei der Richtige dafür war, ist eine andere Frage. Er war aber der Einzige, der sich dafür erklärt hat.

  • "Dabei hat der Präsident durchaus Erfolge aufzuweisen. Die Reduzierung der Inflationsrate von 211% im Jahr 2023 auf 31,5 % 2025 ist für die unteren Einkommensschichten eine spürbare Erleichterung des Alltags"



    vs.



    "Die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze liegt schon jetzt im fünfstelligen Bereich"



    Quizfrage, was hilft mehr eine gesunkene Inflation oder ein Arbeitsplatz?



    kleine Anmerkung: die jährl. Inflation lag 2023 bei 100% auf rund 300% stieg sie bei Amtsantritt von Milei



    wer es aushält das ganze bild zu betrachten:



    www.relevante-oeko...-arbeitslosigkeit/

    • @nutzer:

      Danke für den Link. Sehr aufschlussreicher Artikel. Nur wird leider kein Anhänger neoliberaler Ideologie das lesen wollen.

      • @Nansen:

        leider haben Sie da recht.



        Wer den Unterschied zwischen Mikro- (also BWL) und Makroökonomie nicht sieht, dem helfen auch keine Zahlen, da wird streng nach Bauchgefühl geurteilt.....

  • Was wir gerade bei Javier Milei und seinem Stichwortgeber Donald Trump erleben, ist kein politischer Neuanfang, sondern ein globaler Amoklauf gegen die Vernunft. Während Milei mit der Kettensäge den Sozialstaat zerlegt und Argentinien in ein ultraliberales Labor des Elends verwandelt, applaudiert Trump aus den USA – zwei Egomanen, die den Staat nicht reformieren, sondern zertrümmern wollen.



    ​Diese Allianz der Rücksichtslosigkeit ist eine Kampfansage an alles, was unsere Zivilgesellschaft ausmacht. Trump liefert die Blaupause für den autoritären Umbau, Milei exerziert den sozialen Kahlschlag im Zeitraffer durch. Es ist ein zynisches Experiment am offenen Herzen der Gesellschaft, bei dem die Schwächsten die Zeche für den Größenwahn zweier Männer zahlen, die Freiheit predigen, aber soziale Kälte meinen. Wer diese Brandstifter als Retter feiert, verkennt, dass sie die Axt an die Wurzeln der Demokratie legen. Dieser internationale Pakt der Destruktion ist eine Warnung an uns alle: Wenn Narzissten die Macht übernehmen, bleibt am Ende nur verbrannte Erde.

  • Der Mann ist ganze zwei Jahre und drei Monate im Amt.



    Was immer man von seiner Politik hält, so viel Murks wie seine Vorgänger in Jahrzehnten kann er einfach noch nicht gemacht haben.



    Aber auch wenn er gut gearbeitet hat, sind logischerweise noch keine großen Veränderung zu erkennen.

    Wartet´s doch einfach mal ab.

    PS: Das Organisieren von Mehrheiten ist das Grundprinzip der Demokratie.

    • @Don Geraldo:

      so viel Murks wie seine Vorgänger in Jahrzehnten kann er einfach noch nicht gemacht haben....



      dann haben sie sich noch nicht im Detail mit seiner Politik beschäftigt

  • Interessantes Experiment! Schön allerdings, wenn man nur aus der Entfernung zuschauen muss.

    • @Tom Farmer:

      in der nüchternen Betrachtung der Zahlen zeigt sich eine Stagflation, interessant sieht anders aus.

      • @nutzer:

        Momentan aber noch um einiges besser als ganz viele Jahre davor!



        Es ist doch wie immer: Auch ein Trump oder Milei haben doch Punkte auf ihrer Seite wo sie eben echt haben. Weder die Linken noch die Rechten haben 100% der Wahrheit, Einschätzung, Meinung, Einstellung oder Kompetenz zu 100% aller Themen zu beanspruchen. Daher: Interessantes Experiment.

    • @Tom Farmer:

      Dafür sind wir beim Experiment "wie rette ich die ganze Welt möglichst inneffektiv und teuer" mitten drin.

  • "Der libertäre Präsident Argentiniens sichert sich seine Wiederwahl, indem er Mehrheiten organisiert."



    Unabhängig davon, wie man zu Milei steht, aber das ist doch Demokratie, oder?

    • @mumba:

      Nix oder!



      In Argentinien hängt die Existenz der Demokratie von dem Psychpathen in Washington ab und von dem nicht viel besseren Kollegen in Buenos Aires...

      • @Perkele:

        Das offenbart aber einiges über Ihr Verständnis der Demokratie. Die Argentinier haben den Mann nun mal gewählt; jetzt müssen sie mit den Folgen leben. Und schlimmer als bislang kann es nicht mehr werden.

        • @mumba:

          Die Argentinier wurden erpresst diesen Typen zu wählen. Und dieser Typ erpresst auch weiter, nicht nur in Argentinien. Und das ist demokratisch? Und die Behandlung ärmerer Menschen in Argentinien deutlich zugunsten der Reichen - das ist demokratisch? Seltsame Auffassung....

  • In einem heute parallel erschienenen Artikel über Milei war von 300.000 verlorenen Arbeitsplätzen die Rede. Für mich wohl eindeutig im 6-stelligen Bereich.

    • @MC:

      Die Angabe bezieht sich auf die verlorenen Arbeitsplätze im Industriebereich.

      • @Jürgen Vogt:

        Danke