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Punks auf Sylt Ist das noch politisch oder doch nur Urlaub?

Esther Geißlinger

Kommentar von

Esther Geißlinger

Die „Aktion Sylt“ will der Kreis Nordfriesland verhindern und zieht in die nächste Gerichtsrunde. Dabei bräuchte die Insel mehr und nicht weniger Punks.

I st Campen auf einer Festwiese und Schnorren in der Fußgängerzone Protest oder kann das weg? Diese Frage stellt sich auf Sylt, wo sich ab Montag wieder Punks aus ganz Deutschland treffen. Sie wollen vier Wochen bleiben, es ist bereits das fünfte Treffen dieser Art. Und ja, sie dürfen anreisen, hat das Verwaltungsgericht in Schleswig jetzt entschieden. Zuvor hatte der Kreis Nordfriesland versucht, das Camp zu verbieten. Dafür können die Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen der „Aktion Sylt“ ihnen dankbar sein.

Das Zeltlager wird auch in diesem Jahr zwischen Westerland und Tinnum errichtet, unweit des Flughafens der Insel – da, wo die Privatflugzeuge der richtig Reichen unter den Schönen und Reichen landen. Der Verwaltung ist das Treffen ein Stachelarmband im Auge.

Die Tinnumer Wiese werde überwiegend als Schlaf- und Versorgungscamp und nicht hauptsächlich zur politischen Meinungsäußerung genutzt, sagte eine Kreissprecherin im Mai, als der Kreis den Antrag der „Aktion Sylt“ auf die Versammlung verweigerte. Auch auf der Website der Aktion gehe es mehr um Wohn- und Organisationsfragen als um Politik. Doch zum Übernachten und Zelten gebe es auf Sylt reguläre Campingplätze.

Die lokale Sylter Rundschau schlägt sich auf die Seite der Verwaltung und kommentiert, die Punks machten „Gratisurlaub“ – was nicht stimmt, denn das Camp zahlt Gebühren für Müll, Wasser und Strom. Doch aus Sicht der Lokalzeitung sei es „Sylt und seinen echten Gästen“ zu gönnen, einen Sommer ohne Punks zu erleben.

Inselverwaltung überfordert, Syl­te­r:in­nen genervt

Sommer mit Punks gibt es seit 2022, dem Jahr des Neun-Euro-Bahntickets. Damals hatte es angstvolle Debatten auf Social Media darüber gegeben, ob dank des Billig-Tickets nun Publikum mit weniger als sechsstelligem Jahreseinkommen auf die Insel käme. Das Fazit an den Champagner-und Austern-Ständen der Strandbars war klar: Igitt.

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Daraufhin fühlten sich Menschen aus der ganzen Republik eingeladen, nach dem Motto: „Jetzt erst recht.“ Es kamen über Hundert, sie schliefen in der Fußgängerzone, wuschen sich im Brunnen und pinkelten in Telefonzellen. Die Inselverwaltung war überfordert, die Syl­te­r:in­nen genervt. Seither läuft es gesittet ab: Die Camps sind angemeldet, es gibt Orga-Teams, Plenumssitzungen, die Polizei fährt regelmäßig vorbei.

Ist das noch politisch oder doch nur Urlaub? Die „Aktion Sylt“, hinter der inzwischen ein Verein steht, will auf der „bonzigsten Insel Deutschlands gegen soziale Ungerechtigkeit“ demonstrieren, heißt es auf der Homepage. Denn „die Schere zwischen Arm und Reich ist nirgendwo so klar zu erkennen wie hier“. Die Punks kommen, um zu stören – und dazu ist es sinnvoll, länger da zu sein und einen sichtbaren Kontrast zu setzen.

Gut möglich, dass sich das in den vergangenen Jahren abgeschliffen hat: Das Camp ist normal geworden. Der Widerstand des Kreises – der übrigens in die nächste Gerichtsrunde geht – kann ein Weckruf für die Teilnehmenden sein, nach außen noch klarer politisch aufzutreten und noch deutlicher zu machen, wofür die Aktion steht.

Mehr Schlagzeilen als die Punks hatten im Jahr 2024 andere Sylt-Urlauber:innen gemacht. Bei einer Party am Pfingstwochenende grölten Partygäste in der „Pony“-Bar, wo es Currywurst mit Trüffel-Fritten gibt, nach der Melodie von „L'Amour toujours“ die Worte „Ausländer raus“.

Die Videos zeigen junge Menschen mit kurzen Haaren und sauberen weißen Hemden. Wenn das die Alternative ist, braucht Sylt noch viel, viel mehr Punks.

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Esther Geißlinger

Esther Geißlinger Schleswig-Holstein

Jahrgang 1968. Ist in der taz als Landeskorrespondentin für Schleswig-Holstein zuständig von Flensburg bis Elmshorn, von Fischerei bis Windkraft, von lokalen Streitigkeiten bis Landtagsdebatten. Schwerpunkte: Soziales, Gesundheitspolitik
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2 Kommentare

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  • Das erinnert mich an die Zeit des "Schönen Wochenende Tickets" der Bahn. Damals hat die Sylter Verwaltung alles versucht um die Tagestouristen fern zu halten. Das ging sogar soweit dass die Sylter beim Bahnvorstand vorstellig wurden damit Züge zu bestimmten Zeiten "abgeklemmt" wurden.

  • Ich habe sicher keine Sympathie für die neureichen Schnösel, die seit Jahrzehnten den Ruf von Sylt bestimmen. Aber ich würde auch der Autorin widersprechen, dass die Insel "viel, viel mehr Punks" braucht. Die Sylter (diejenigen, die wirklich dort wohnen und nicht nur eine Ferienresidenz dort haben) sind mit der Invasion der Reichen und Schönen schon gebeutelt genug. Dass sie jetzt noch die Bühne für eine Art Klassenkampfzirkus bieten sollen, haben sie nicht verdient.