Pro und Contra Gottesdienste in Pandemie: Lockdown für alle – außer Gott?

Die Coronamaßnahmen werden strenger. Doch Gottesdienste dürfen weiter stattfinden. Ein Für und Wider zu Andachten im Lockdown.

Schatten eines Gebäudes mit Kreuz auf dem Asphalt

Alles dicht, aber Gottesdienste finden weiter statt, auch an Weihnachten. Ist das richtig? Foto: Peter Chen/EyeEm/getty images

Pro

Weihnachten ist das Fest der Liebe – und der Kirchen. Zu kaum einer anderen Jahreszeit erinnern sich die Menschen hierzulande an die etlichen und durchaus auch christlichen Werte, die ihnen unser Sozialstaat vermittelt. Solidarität, Nächstenliebe, Achtsamkeit, sozia­ler Zusammenhalt. Die Kirchen sind das bauliche Symbol dafür. Dank Corona befinden wir uns seit Monaten in einem Dauer-Ausnahmezustand. Mal waren die Einschränkungen unseres Alltags extrem hart, dann wieder lockerer – und nun droht uns der nächste scharfe Lockdown.

Der selbstentlarvende Aufschrei, doch bitte jetzt auch die Gotteshäuser zu schließen, war sofort da. Warum auch nicht, wenn doch auch Kinos, Kneipen und Theater seit Wochen keine Be­sucher:innen mehr einlassen dürfen. Doch in dieser aus der Spur geratenen, verrückten Zeit wäre es das falsche Zeichen, ausgerechnet die Pforten der Gotteshäuser geschlossen zu halten und Freizeitvergnügen dagegen auszuspielen.

Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, das in unserer Verfassung verankert ist. Das gilt für alle Religionsgemeinschaften. Es ist ein hohes Gut und eine Errungenschaft, die nicht so einfach über Bord gekippt werden kann. Kri­ti­ker:innen werden sagen, dass Spiritualität ja auch im stillen Kämmerlein oder online gelebt werden kann. Doch so einfach ist es nicht. Religionsausübung bedeutet auch immer ein Zusammenkommen, nicht nur virtuell. Seit Monaten finden etliche kirchliche Initiativen schlicht nicht statt. Der Seniorentreff etwa, der Kreis der Eine-Welt-Aktivist:innen, die sich für Hilfsprojekte im globalen Süden engagieren.

Verzichtbar? Nicht für Menschen, für die diese Treffpunkte eine Regelmäßigkeit, einen Halt im Alltag bedeuten. Corona macht die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft sichtbar. Die Gläubigen brauchen die Kirchen und die Kirchen brauchen die offene Tür. Das schließt selbstredend nicht aus, dass es Hygienekonzepte geben muss, Staffelgottesdienste, Abstand und Maskenpflicht bei der Christmette. Wenn die Kirchen ihren Auftrag ernst nehmen, setzen sie ihre Anti-Corona-Vorschläge um. Darauf gilt es kritisch zu schauen.

An Weihnachten geht es auch um Rituale. Die kann mensch gut finden oder nicht. Aber sie werden gebraucht, dringender denn je. Auch dafür sind die Gotteshäuser da.

Tanja Tricarico

Die Autorin ist zahlendes Mitglied der katholischen Kirche.

Contra

Wenn der harte Lockdown jetzt in Gottes Namen nötig ist, woran kaum noch einer zweifeln kann, dann bitte schön für alle, natürlich auch für Gläubige aller Himmelsrichtungen. Die Religionsausübung ist nicht an einen Ort gebunden. Beten kann man auch zu Hause.

Es ist bedauerlich, dass der gerade viel beklatschte Glaube der Kanzlerin an die Kraft der Aufklärung an den Kirchentüren endet, denn die sollen nach dem Willen von Angela Merkel auch im harten Lockdown ausdrücklich offen bleiben.

Wer in einer gefährlichen Pandemie an die Vernunft und Verzichtsbereitschaft aller Menschen im Land appelliert, sollte nicht ausgerechnet bei seinen eigenen Glaubensgeschwistern Ausnahmen machen. Verbieten mag verfassungsrechtlich schwierig sein, aber die CDU könnte die Kirchen ja wenigstens zum Zumachen auffordern. Tut sie es nicht, geht Glaubwürdigkeit verloren – und das Verständnis der Ungläubigen für die Maßnahmen.

Wenn alle nur noch aus triftigen Gründen aus dem Haus gehen dürfen, sollten auch Gotteshäuser schließen. Die Argumente für das Sonderrecht der Religionsgemeinschaften sind alles andere als triftig. Dass die meisten Kirchen auf die Hygienevorschriften achten, mag sein, ist aber ein schwaches Argument, ja fast eine Verhöhnung aller anderen Veranstalter in Kultur, Sport und Sozialwesen, die ebenfalls vorbildliche Abstandsregeln ausgetüftelt haben, aber trotzdem geschlossen bleiben müssen und von der Pleite bedroht sind. Im Gegensatz zu den Kirchen, die sich auf weiter fließende Kirchensteuern verlassen können.

Sicher ist in großen Kirchen viel Platz für große Abstände, doch das gilt auch für die leeren Konzerthallen und Fußballstadien. Dass eh nur noch wenige Menschen in Gotteshäuser gehen, mag auf die meisten christlichen Kirchen zutreffen, aber nicht an Weihnachten. Und viele Moscheen, die religionsgerechterweise natürlich auch noch öffnen dürfen, sind auch an normalen Tagen gut besucht.

Natürlich ist es traurig, wenn Gläubige jetzt keinen seelischen Beistand in der Gemeinschaft finden können. Aber seelischen Beistand vermissen auch jene, die ihn normalerweise in Jugendklubs, Sportvereinen oder bei Familientreffen finden. Denen sagt die Politik auch: Geht gerade leider nicht. Und wenn es gerecht zugeht, sehen das auch die meisten ein. Gott sei Dank.

Lukas Wallraff

Der Autor ist Mitglied der evangelischen Kirche. Noch.

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Schreibt seit 2016 für die taz. Themen: Digitalisierung, Datenschutz, Entwicklungszusammenarbeit. Arbeitet im Regie-Ressort und setzt Inhalte für Print und Online.

seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro. Besondere Interessen: Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens

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