piwik no script img

Pride Parade in IsraelQueer unter Rechtsextremen

Unter Anfeindungen startet am Donnerstag die Pride Parade in Jerusalem. Für die Sicherheit zuständig ist ausgerechnet der rechte Minister Ben Gvir.

Judith Poppe

Aus Tel Aviv

Judith Poppe

Seit jeher hat die Pride Parade in Jerusalem ein anderes Image als im nur fünfzig Autominuten entfernten Tel Aviv. Hier die Partystadt Tel Aviv, die liberale Blase des Landes, dort das religiös geprägte, extrem konservative Jerusalem. Wer in Jerusalem zur queeren Pride Parade auf die Straßen geht, weiß: Dem Marsch weht seit seiner ersten Ausrichtung 2002 immer wieder heftiger Gegenwind entgegen.

Doch in diesem Jahr findet die Parade zum ersten Mal unter Benjamin Netanjahus ex­trem rechter und religiöser Regierung statt. Für die Sicherheit der Parade ist der rechtsextreme Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, zuständig – ausgerechnet. Denn der ist in der Vergangenheit als militanter Gegner der Parade aufgetreten.

Organisiert wird der Marsch vom Jerusalemer Offenen Haus für Stolz und Toleranz. Dessen Vorsitzender Yonatan Walfer sieht die Parade in einer kafkaesken Situation: „Die Person, die für die Sicherheit der Parade in Jerusalem verantwortlich ist, ist nun dieselbe Person, die jahrelang versucht hat, die Parade nicht stattfinden zu lassen und gegen sie und die homosexuelle Gemeinschaft gehetzt hat.“

Die Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen hatten sich am Samstag an Netanjahu gewandt und ihn gebeten, an Ben Gvirs statt die Parade zu beaufsichtigen. Doch Ben Gvir bestätigte Medienberichten zufolge erneut, dass er die Veranstaltung beaufsichtigen und sich während der Parade in der Kommandozentrale der Polizei aufhalten werde.

„Diese ganzen Nichtjuden verbrennen“

Unterdessen hetzen laut der israelischen Internetzeitung Times of Israel in einer Telegram-Gruppe der rechtsextremen Gruppierung Lehava verschiedene Mitglieder der Gruppe gegen die Parade: „Mögen alle Demonstranten durch Maschinengewehrfeuer sterben“, heißt es dort unter anderem. „Ich verstehe nicht, warum wir nicht diese ganzen Nichtjuden verbrennen, die das Land besudeln“, schreibt ein anderer, „Vielleicht wird Irans Bombe hier für Ordnung sorgen“ hofft ein dritter.

Kopf der Gruppe Lehava ist Bentzi Gopstein – ein enger politischer Verbündeter von Sicherheitsminister Ben Gvir.

Wie wörtlich solche Hetze zu nehmen ist, machen verschiedene Vorfälle in der Geschichte der Parade deutlich. Im Jahr 2005 stach Yishai Schlissel, ein rechter ultraorthodoxer Aktivist, auf Teil­neh­me­r*in­nen der Parade ein, und verletzte drei.

Zehn Jahre später, 2015, ging der gerade aus dem Gefängnis entlassene Schlissel erneut auf Teil­neh­me­r*in­nen der Parade los. Er tötete eine 16-jährige Teilnehmerin der Parade und verletzte sechs weitere Personen.

Hoffen auf die Anti-Netanjahu-Proteste

Zu den Aktionen gegen die Pride Parade hatte schon damals der heutige Minister Ben Gvir aufgerufen, gemeinsam mit dem derzeitigen Finanzminister Bezalel Smotrich. In Opposition zur Pride Parade hatten sie die sogenannte „Bestienparade“ mitorganisiert und zum „heiligem Krieg“ gegen die „Abscheulichkeit“ der Pride Parade aufgerufen.

Die Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen der diesjährigen Pride Parade hoffen dessen ungeachtet auf die bislang größte Parade in ihrer Jerusalemer Geschichte. Sie setzen darauf, dass sich die Massenproteste des Landes auch in der Pride Parade widerspiegeln.

Seit mehr als vier Monaten gehen wöchentlich Hunderttausende auf die Straße und demonstrieren gegen die geplante Justizreform der Regierung, mit der die Gewaltenteilung aufgehoben werden soll. Zwischen den israelischen Flaggen weht immer wieder auch die Regenbogenfahne, denn die LGTBQI-Gemeinschaft dürfte die Folgen mit als erste zu spüren bekommen.

„Der Marsch ist“, so Walfer, „gerade weil er in Jerusalem stattfindet, ein Symbol für die Meinungsfreiheit, für den Kampf um Gleichheit vor dem Gesetz und für das Recht jedes Einzelnen, in Sicherheit und mit Stolz auf das zu leben, was er ist.“

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Stilisierter Packshot der wochentaz mit Handy daneben, in dem das wochentaz-Logo und die taz-tazze zu sehen ist. Daneben die Abbildung der Prämie: ein Jockstrap in Weiß und Rot mit taz-Logo

10 Wochen wochentaz + limitierter taz-Jockstrap

Fest an der Seite der queeren Community seit 1978: Mit unserem Pride-Abo der wochentaz gibt's jede Woche progressiven taz-Journalismus in den Briefkasten.

  • Seit ihrer Gründung nimmt die taz kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, für die Belange von queeren Menschen einzustehen
  • Unser Pride-Abo bietet dir diesen taz-Journalismus jede Woche neu in der wochentaz, unserer progressiven Wochenzeitung
  • Du bekommst 10 Ausgaben der gedruckten wochentaz und eine einmalige Prämie als Dankeschön
  • Unser Dankeschön: Der streng limitierte taz Jockstrap – elegant, minimalistisch und ausdrücklich für alle Geschlechter gestaltet

Probeabo & Prämie für nur 25 Euro

Jetzt Angebot sichern

0 Kommentare