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Phishing-Angriff auf SignalPrävention statt Panik

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Bundestagsvize Andrea Lindholz fordert ein Signal-Verbot für Abgeordnete. Es offenbart, wie sehr es an Wissen über Messengerdienste mangelt.

Nicht die verwendete Technik ist das Problem, Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz von CSU Foto: dts Nachrichtenagentur/imago

B undestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz von der CSU fordert ein Verbot der Nutzung von Signal für Abgeordnete und Mitarbeiter des Bundestages. Das wäre ungefähr so schlau, wie Autos zu verbieten, weil sie Unfälle verursachen, statt Regeln und Kontrollen im Straßenverkehr zu verbessern. Mit solchen pauschalen Äußerungen sammelt man keine Zustimmung, sondern zeigt, dass man nicht versteht, wie moderne, digitale Kommunikationskanäle funktionieren.

Ein möglicher tieferer Grund für den Verbotsvorstoß: Der eigentlich zielführende Weg würde Einsicht und Selbstreflexion erfordern. Denn nicht die verwendete Technik ist das Problem, sondern dass auch knapp 13 Jahre nach Angela Merkels „Neuland“-Aussage anscheinend immer noch nicht alle in Regierung und Parlament verstanden haben, wie das Internet und die Dienste, die fast jeder täglich nutzt, funktionieren. Wer wie Lindholz argumentiert, blendet aus, dass bei der Nutzung digitaler Dienste die eigentliche Schwachstelle allzu oft der Mensch ist.

Die Schuldigen sehr schnell in Russland auszumachen? Geschenkt. Vorausgesetzt, Schuldzuweisungen und Aktionismus wären nicht die einzige politische Konsequenz der Angriffe via Signal auf Politiker.

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Wie wäre es mit stattdessen mit Pen Tests und Schulungen?

Besser wären Debatten darüber, wie man ein Mindestmaß an Sicherheits- und Technikverständnis innerhalb des politischen Apparats gewährleisten könnte. Neben Schulungen könnten sogenannte pen tests für mehr Sicherheit sorgen: simulierte Cyberattacken, durchgeführt von IT-Experten, um Sicherheitslücken aufzudecken, bevor echte Angreifer sie ausnutzen – Prävention statt Panik. Der eigentliche Skandal ist, dass so ein technisch simpler Angriff, bei dem mehrere Politiker getäuscht wurden, gelingen konnte.

Irritierend ist zudem Lindholz’ Vorschlag, vom „US-Dienst“ Signal zur „europäischen“ Alternative Wire zu wechseln. Wire sitzt zwar heute in der Schweiz, war jedoch zwischenzeitlich in den USA ansässig. Lässt sich schnell herausfinden, wenn man sich ins Neuland begibt.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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13 Kommentare

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  • Vielleicht hat Frau Lindner Wire mit Threema verwechselt. Das würde natürlich nichts am Problem änder. Ich empfehle den sehr guten Beitrag zum Thema auf Netzpolitik.org. Ahnungslose Politikerin bedient die Zielgruppe "ahnungslose Wähler:innen".

    • @CarlaPhilippa:

      Threema wurde nur gerade von einem Private-Equity-Unternehmen an ein Anderes verkauft. Da sinkt mein Vertrauen, doch schon sehr.

      Die Bundesregierung sollte in der Lage sein, einen eigenen Matrix-Server zu betreiben als ich auf externe Dienstleister zu verlassen.

  • Studien zeigen das solche Trainings leider nicht besonders wirkungsvoll sind. www.heise.de/news/...slos-10539174.html

    • @Mendou:

      Die Frage ist wie man es macht.



      Eine Embedded Phishing Simulation könne man bei Ministern, MdBs und MdL aufgrund ihrer Exponiertheit im Monatsrythmus durchführen inkl. Veröffentlichung der Ergebnisse. Gerade letzteres dürfte mehr bringen als ein freiwilliges Training, dessen Inhalte eh schon jeder kennt.

    • @Mendou:

      "Ohne echte Veränderung in der Lernmotivation oder grundlegende Verbesserungen bei der Trainingsgestaltung bleibt der Mensch das größte Einfallstor für Cyberangriffe dieser Art."

  • Ein Kommentar wie er sein soll, kurz und knapp und alles wichtige gesagt und alles unrichtige richtig gestellt. Bis auf den Punkt "Schulungen". Schulungen wären rausgeworfenes Geld. Da ist Hopfen und Malz verloren. Zudem Steuergelder verschleudert. Es geht nicht um hochkomplexe Dinge, die man verstehen muss, sondern nur darum, was jedes Kind weiß, dass man seinen Hausschlüssel nicht einfach jemandem fremden gibt. Und das Nebelkerzen werfen, von wegen europäische Lösungen verwenden, beweist tatsächlich den Gipfel der technischen Inkompetenz.

  • Wenn ich das richtig verstanden habe, haben die dusseligen Politiker ihre Passworte auf Nachfrage der Hacker herausgegeben.

  • "vom „US-Dienst“ Signal zur „europäischen“ Alternative Wire zu wechseln"



    zu glauben nur, weil etwas europäisch sei wären solche Manipulationen nicht mehr möglich, spricht auch Bände.



    analog: man solle doch VW fahren, weil neulich ein Auto einer amerikanischen Marke einen Autounfall verursacht hat.....

  • Wieder mal bleibt mir nichts anderes übrig als mich zu wiederholen: Wie Vetter Schorsch schon immer sagte, jeden Tag steht irgendwo ein Dummkopf auf.

  • Volle Zustimmung.

    Statt eigene Inkompetenz zu bekämpfen offenbart Andrea Lindholz ihre eigene Inkompetenz.

    Mir scheint: Das ist ein Muster in der CSU, nicht nur was IT betrifft, sondern auch z.B. Gebäudeheizungen, Energiewende, Atomkraft, Verkehrspolitik etc.

  • Uns Ohl hatte ob solcher Spitzenleistungen immer in Vario zwei Sätze auf Lager:



    “Und sowas hat studiert!“ 🙀🧐



    oder



    “Wieso hamer die eigentlich studieren lassen!“

    unterm——



    (btw entre nous “Jura? Also ich kann da nix zu sagen. Hab nicht studiert!;)“

  • Signal zu verbieten ist so sinnvoll wie Haeuser zu verbieten, weil man einem Wildfremden den Haustuerschluessel uebergeben hat.

  • Autos verbieten finde ich eine ziemlich gute Idee xD