Neue Quarantäne-Regelung in Berlin : Kinder werden absichtlich infiziert
Statt ganze Klassen nach Hause zu schicken trifft Quarantäne nur noch positive Getestete. Die Politik nimmt in Kauf, dass alle Kinder krank werden.
F ortan sollen an Berliner Schulen und Kitas nur noch Corona-Infizierte in Quarantäne müssen, die Kontaktpersonen aus der Gruppe aber nicht mehr. Darauf haben sich die Amtsärzt*innen der zwölf Berliner Bezirke geeinigt. Damit wird eine bewährte Methode, Infektionsketten zu unterbrechen, abgeschafft.
Die Ärzt*innen begründen den Schritt damit, dass der seelische Schaden einer Quarantäne größer sei als der einer Covid-Erkrankung, die bei Kindern in der Regel gar nicht ausbreche oder nur leicht verlaufe. Darüber hinaus seien viele Infektionen unter Kindern wegen deren fehlender Impfmöglichkeit ohnehin nicht mehr zu vermeiden.
Die Gesundheitsämter der Bezirke haben also entschieden, die Durchseuchung der Kinder zu beschleunigen. Der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) behauptet sogar, dass durch die Strategieänderung „die Chancen unserer Kinder auf ein gutes, gesundes und altersgerechtes Aufwachsen“ gestärkt würden. Denn Kinder würden von Bewegungsmangel, Isolation und Bildungsverlust – die Liecke als „Long-Covid-Syndrom“ bezeichnet – besonders getroffen.
Das ist eine perfide Verdrehung: Nicht die Langzeitfolgen von Covid, die durchaus auch Kinder treffen können, sondern die Schutzmaßnahmen dagegen seien das wahre „Long Covid“! Dabei war es Aufgabe der Politik, Kinder auf einer Weise vor Covid zu schützen, die sie nicht von Teilhabe und Bildung ausschließt. Damit ist die Politik gescheitert.
In Lieckes Erklärung werden „Normalität“ und „verlässliche Betreuung“ durch das neue Vorgehen versprochen: „Wer krank ist, bleibt zu Hause. Alle anderen können lernen, spielen und arbeiten gehen.“ Der Satz müsste weiter heißen: bis auch sie selbst krank werden.
Familien werden erneut benachteiligt
Durch die neue Regelung werden Familien erneut benachteiligt. Anderthalb Jahre mussten sie das meiste individuell zu Hause auffangen, und jetzt werden doch alle Kinder – mehr oder weniger absichtlich – infiziert. Wieder werden die Risiken individualisiert: Wer es sich leisten kann, behält das Kind im Falle eines Coronafalls zu Hause. Für alle anderen ist es eine Zitterpartie, vor allem wenn es weitere Risikopersonen in der Familie gibt, die sich nicht impfen lassen können.
Kinder haben mit wenigen Ausnahmen wieder Präzenzpflicht in der Schule. Eine Impfpflicht für Erwachsene gilt bislang hingegen als unzumutbar. Eine Infektionspflicht für Berliner Kinder offenbar nicht.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert