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Neuausrichtung der „NOZ“Lesermeinungen gelenkt und gefiltert

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ stellt sich neu auf, sagt sie. Eine Image­kampag­ne lobt ihre offene Debattenkultur. Die Realität sieht anders aus.

Wirklich offen für alle Meinungen? Plakat der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ bei Osnabrück Foto: Harff-Peter Schönherr

Freitag der 13. gilt als ein Tag, an dem Unheil droht. Gewiss, das ist irrational. Aber manchmal scheint doch etwas dran zu sein. Am vorvergangenen Freitag, dem 13., trug die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) einen Mantel, vor dem Frontcover. Auf blauem Grund stand dort ein appellatives Kofferwort: „Journalismuss“. Darunter: „Zeit für eine neue Zeitung“.

Beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (SHZ), der mit der NOZ fusioniert ist, sah es am 13. ähnlich aus. Es war der Start einer Imagekampagne zur Markenerneuerung, von Social Media bis zum Großflächenplakat im Stadtraum.

In einer gemeinsamen Erklärung, in der Worte wie „frischer“ und „kompakter“, „Augenhöhe“ und „ohne Zeigefinger“ vorkommen, schreiben beide Chefredaktionen, man beleuchte Themen aus einer „360-Grad-Perspektive“. Die Zeitung passe sich dem Leben ihrer Leserinnen und Leser an, „nicht umgekehrt“.

Das allein ließ schon aufhorchen. 360 Grad? Heißt das, dass jede Meinung und jede These berücksichtigt wird, egal wie schrill sie ist? Und: Anpassung? Heißt das, dass es keinen eigenen ethischen Kompass mehr gibt? Es klingt, als würde die NOZ, deren Mantelteil-Politikressort in der Kritik steht, zunehmend in rechte Narrative abdriften, in ein Fahrwasser voller Populismusuntiefen steuern.

Keine Kommentare

Damit nicht genug. In der Kampagne wird außerdem versichert, man stehe für eine „offene Debattenkultur“. Debatte sei „kein Luxus, sondern Pflicht“. Indes: Die Realität sieht anders aus.

Ebenfalls am Freitag, dem 13., wurde die moderierte Kommentarfunktion unter allen Artikeln auf den Internetseiten noz.de und shz.de geschlossen. „Gute Debatten“, schreibt die Chefredaktion, entstünden „nicht zufällig“. Ab März soll ein neues Format greifen. Dabei stellt die Zeitung „einen ausgewählten Meinungsbeitrag gezielt zur Diskussion“. Im Anschluss fasst sie „die wichtigsten Argumente journalistisch zusammen“.

In Zukunft soll es also gelenkte, gefilterte Debatten geben. „Unsere Leser stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit“, heißt es zwar wenige Sätze später. Überzeugend klingt das jedoch nicht, eher nach einem Widerspruch.

Mittlerweile sind alle alten Kommentare gelöscht, das komplette Debattengedächtnis. Als sei nie diskutiert worden

„Auch uns hat diese Umstellung völlig überrascht“, heißt es aus NOZ-Redaktionskreisen gegenüber der taz. Man sei konsterniert. Wie das neue Kommentierungsangebot aussehe, wisse man nicht.

Mittlerweile sind sogar alle alten Kommentare gelöscht, das komplette Debattengedächtnis. Als sei nie diskutiert worden.

„Ernsthafter denn je müssen wir seit dem 13. Februar befürchten, dass die Rechtswende der Neuen OZ massiv fortschreitet“, schrieb das NOZ-kritische Osnabrücker Onlinemedium Mozpost drei Tage nach dem Start der NOZ-Kampagne und erinnerte dabei an „Sternstunden“ kritischer, antirechter LeserInnenbeiträge mit vielen Likes. Ein Kommentarverbot sei „keine Zäsur, sondern eine Zensur“.

Nicht mehr streitbar

Und nicht nur die Kommentare fallen weg. Dass auch ein publizistisches Format mit starker Resonanz der Leserschaft sterben kann, beweist das Schicksal der SHZ-Kolumne „Streitbar“, die jeden Samstag im Journal Schleswig-Holstein am Wochenende sowie online und im E-Paper-Magazin Tag 7 der NOZ erschien.

Das Aus kam unpersönlich per Mail, völlig unerwartet. „Der Name der Kolumne war Programm“, sagt die frühere taz-Redakteurin Simone Schnase, die sie über Jahre geschrieben hat, im Wechsel mit Thomas Schmoll. „Es hat sich dabei um ein langes Meinungsstück zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen gehandelt, das zur Debatte anregen sollte.“

Dass die Kolumne eingestellt wurde, passe „ins neue, völlig absurde NOZ-Konzept“, so Schnase. „Die Texte waren ja eine Einladung an die Leser, zu diskutieren, zu kommentieren – und genau das ist ja nun offenbar nicht mehr erwünscht.“

Schnase hat einen Vertrag mit dem SHZ. Bis heute ist ihr nicht ordentlich gekündigt worden. Ihre Forderung nach einem Ausfallhonorar ließ die SHZ-Chefredaktion unbeantwortet.

Was Schnase besonders schmerzt: „Thomas Schmoll und ich haben keinerlei Möglichkeit bekommen, eine letzte Kolumne zu schreiben und unseren teils seit Jahren treuen Lesern Tschüss und Danke zu sagen.“ Mehr noch: LeserInnen, die wissen wollen, was aus „Streitbar“ geworden ist, laufen ins Leere. „Eine Leserin schrieb mir“, so Schnase, „sie hätte eine Mail an den SHZ geschrieben und dort angefragt, aber keinerlei Antwort darauf erhalten.“

Ironie am Rande: In Videos zur Imagekampagne sagen Louisa Riepe, Vizechefredakteurin der NOZ, und Gerrit Bastian Mathiesen, SHZ-Chefredakteur: „Wir waren schon immer streitbar.“ Schmoll, Schnase und ihre LeserInnen dürfen es nicht mehr sein.

Die NOZ, von der taz um Kommentierung ihrer Zeitenwende gebeten, schweigt. Dialog ist eben schwierig.

Die LeserInnen-„Aktion NOZkritisch“ (ANK) schreibt in einer Stellungnahme zur Neukonzeption der NOZ, das plakative Bekenntnis zur Meinungspluralität und zur 360-Grad-Perspektive erscheine ihr „wie ein trojanisches Pferd, um in Zukunft noch mehr rechtspopulistische Meinungsbeiträge als bisher schon in der NOZ unterbringen zu können“.

Eine freiheitliche Demokratie lebe aber nicht nur vom Diskurs, sie lebe auch „von dem Konsens, dass jeder demokratische Diskurs auf einer faktenbasierten und von liberalen Werten geprägten Grundlage zu erfolgen hat, was zum Beispiel bei der AfD mit ihrem Hang zum illiberalen, autoritären, völkisch-nationalistischen und antihumanistischen Agitieren nicht gegeben ist“.

Daher könne eine Partei wie die AfD laut der Initiative „nicht denselben Anspruch auf Repräsentanz ihrer Meinung in der NOZ erheben, wie diejenigen politischen Akteure, die sich innerhalb des Spektrums einer offenen und liberalen Demokratie bewegen“.

Die kritischen LeserInnen von der ANK werden das weiter beobachten.

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4 Kommentare

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  • "... der AfD mit ihrem Hang zum illiberalen, autoritären, völkisch-nationalistischen und antihumanistischen Agitieren..."



    Irgendwie würde ich statt so einer Ansammlung von Adjektiven gerne mal Beispiele sehen, die über "Alice für Deutschland" hinausgehen. Und nein, angebliche Beweise, die unter Verschluss beim Verfassungsschutz liegen, zählen nicht.



    Ich mag die AfD nicht besonders, aber bestimmt nicht wegen solcher diffuser Unterstellungen.

  • Leider hat auch die taz in Sachen Lesermeinung nachgelassen.



    Sehr viele wichtige politischer Berichte sind gar nicht mehr kommentierbar, obwohl sie wichtiger sind als viele eher dem Feuilleton zuzurechnenden Berichte, wo Kommentare noch "erlaubt" sind. Heutiges Beispiel: Die neue Energiepolitik. Schade, dass die taz diesen Weg geht.

  • "Die LeserInnen-„Aktion NOZkritisch“ (ANK) schreibt ... , das plakative Bekenntnis zur Meinungspluralität und zur 360-Grad-Perspektive erscheine ihr „wie ein trojanisches Pferd, um in Zukunft noch mehr rechtspopulistische Meinungsbeiträge als bisher schon in der NOZ unterbringen zu können“.

    Soso. Eine Zeitung lebt soweit ich das sehen kann vom Verkauf, und 25% der potentiallen Kundschaft von vornherein auszuschließen erscheint mir nicht gerade als ein Erfolgsrezept. Das allgemein schwindende Interesse an Tageszeitungen zusammen mit der Tatsache dass ÖRR und die meisten Medien gegen die rechtspopulistischen Meinungen anschreiben bzw berichten deutet vielmehr darauf hin dass es dort eine Retpräsentations- und damit eine zu füllende Marktlücke gibt.

  • Die NOZ ist ein gutes Beispiel für die Rolle der 'Mitte' beim grassierenden Rechtsruck.



    Jahr für Jahr ging das Blatt weiter in Richtung 'Neue Rechte'.



    Marktwirtschaftlich ist das nicht allzu verwunderlich, da die 30% AfD-Wähler:innen mittlerweile einen relevanten Nachfragepool bilden.



    Gibt dann sozusagen eine positive Rückkopplung auf dem Weg in die zeitengewendete rechte militaristische Gesellschaftsordnung mit noch stärkerer Tendenz zur angesagten 'Kettensägenpolitik' gegen 'die da Unten'.



    Was die Kommentare angeht ist allerdings anzumerken, dass auch andere Medien, wie etwa die TAZ, Beschränkungen eingeführt haben.



    Auch in der TAZ haben es zB NATO-kritische Kommentare sehr schwer durch die Moderation zu dringen.