piwik no script img

Migrantischer Streik in Magdeburg„Die Entschlossenheit in der Community ist groß“

Am Mittwoch schließen 120 Gewerbe in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt die Türen. Warum und wie erklärt Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat.

Lotte Laloire

Interview von

Lotte Laloire

taz: Herr Saaeid, warum streiken Sie am Mittwoch?

Saaeid Saaeid: Wir streiken, um vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein klares Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung zu setzen. Forderungen nach massenhaften Abschiebungen verunsichern viele Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Viele haben riesige Angst, dass ihnen das Bleiberecht aberkannt werden könnte, dass sie ihre Rechte verlieren, dass sie physisch nicht mehr sicher sind.

Im Interview: Saaeid Saaeid

ist Mitglied des Flüchtlingsrats Sachsen-Anhalt und Mitglied des Beirats für Integration und Migration.

taz: Wieso haben Sie sich für das Mittel des Streiks entschieden?

Saaeid: Weil Streik ein demokratisches Mittel mit direkten Auswirkungen ist. Das merken die Menschen in ihrem Alltag sofort, zum Beispiel beim Einkaufen, wenn ein Geschäft geschlossen ist. Alle, ob Nachbar*innen, Kol­le­g*in­nen oder Kund*innen, werden es mitbekommen, wenn migrantische Menschen in Magdeburg einen Tag lang ihre Arbeit ruhen lassen. Bis jetzt haben 120 Gewerbe zugesagt, sich zu beteiligen – von Gastronomie bis Einzelhandel. Zehn Prozent davon sind übrigens Deutsche, die aus Solidarität mitmachen.

taz: Warum haben Sie sich eigentlich an Gewerbetreibende, also Selbstständige, gewandt, nicht an Ar­bei­te­r*in­nen und Angestellte, also abhängige Beschäftigte?

Saaeid: Damit es rechtlich sauber ist. Politische Streiks sind in Deutschland ja verboten und wir wollen niemandem Probleme machen. Selbstständige haben die Freiheit und Flexibilität, ihr Geschäft mal für einen Tag zu schließen.

taz: Bekommt ihr Unterstützung von Gewerkschaften?

Saaeid: Ja, Verdi und DGB haben Interesse signalisiert und wir gehen davon aus, dass sie sich beteiligen, zum Beispiel mit einem Redebeitrag bei unserer Kundgebung.

taz: Unterstützen die Gewerkschaften den Streik auch finanziell? Bei gewerkschaftlichen Streiks bekommen die Beschäftigten normalerweise Geld aus der Streikkasse. Und gerade für kleinere Läden kann ein Tag ohne Umsatz ganz schön hart sein.

Saaeid: Nein, wir haben gar keine finanzielle Unterstützung. Aber das brauchten wir für den Streik bisher auch nicht. Er ist auch eher symbolisch. Die einzelnen Gewerbe tragen das individuell. Bei einem bekannten Lebensmittelzulieferer werden das bestimmt Umsatzeinbußen von mehreren Tausend Euro.

taz: Gibt es auch Gewerbetreibende, die gern mitmachen würden, aber die sich das nicht leisten können?

Saaeid: Tatsächlich können ein paar wenige nicht teilnehmen. Aber sehr viele haben auch gesagt, dass es wirtschaftlich zwar schwierig für sie ist, sie sich aber trotzdem entschieden haben, mitzumachen. Das zeigt sehr deutlich, wie ernst hier die Stimmung ist.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

taz: Ist sie so ernst, dass Sie sich auch vorstellen könnten, den Streik auszuweiten, zum Beispiel auf ein, zwei Wochen oder auf das gesamte Bundesland?

Saaeid: Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Entschlossenheit ist groß. Wir erleben gerade, wie sich Mi­gran­t*in­nen gegenseitig motivieren: Wenn ein Geschäft plant zu schließen und der Nachbar nicht mitzieht, dann wird dem von der Community sehr nahegelegt, doch mitzumachen. Jetzt müssen alle zusammenhalten. Und wir stehen an der Seite aller Menschen, die den Mut haben, in diesen schwierigen Zeiten durch einen Streik ein starkes Zeichen zu setzen.

taz: Warum wollen manche nicht streiken?

Saaeid: Sie haben Angst, dass sie Kunden verlieren, dass ihr Vermieter den Mietvertrag kündigt, dass es politische Nachteile oder noch mehr rassistische Hetze gibt. Aber die gibt es ja sowieso.

taz: Die Sorgen gibt es vielleicht auch, weil Sie schon vorab, allein für die Ankündigung zu streiken, öffentlich angefeindet wurden, oder?

Saaeid: Ja, wir stehen unter enormem Druck. Es gibt viele rechte Medien, die gegen uns hetzen. Wir bekommen unfassbar viele Hasskommentare, Bedrohungsmails, sogar Anrufe. Da heißt es, dass wir nach der Wahl unsere Arbeit verlieren werden oder dass wir in unsere Heimatländer zurückgehen sollen. Rechte Medien haben angekündigt, zu unserer Kundgebung zu kommen, um die Menschen einzuschüchtern. Und aus verbalen können schnell physische Angriffe werden. Das haben wir ja nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt erlebt. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, sondern stehen solidarisch zusammen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

11 Kommentare

 / 
  • Land of plenty

    Ich wünsche Ihnen Wirkung.

  • Edda

    Als türkischstämmige Person wünsche ich mir sehnlichst und von Herzen, dass alle Türken und Türkisch stämmigen Menschen in diesem Land samt ihren Ersparnissen, Vermögen und alles, was so auf deutschen Banken rumliegt, alle alles mitnehmen und komplett in die Türkei gehen würden und zwar alle im gleichen Monat, zusätzlich dazu dass sie in diesem gleichen Monat alle noch ihre Rentenversicherungsansprüche geltend machen.

    Ich und viele in meiner Familie haben damit schon mal angefangen. Und wir besitzen in diesem Land einiges Vermögen und einige Immobilien. Ich setze mich gerade mit Vernetzung in der community und viele Aktivität auch sehr dafür ein, dass ein möglichst großer Teil sich seiner wirtschaftlichen Stärke bewusst wird und geht. Ich setze mich auch dafür ein, mit türkischen Behörden und Regierung stählen in Kontakt zu treten, um sozusagen Anwerbeabkommen umgekehrt zu organisieren, da die wirtschaftliche Stärke der Türken hier bei Rückkehr inklusive aller Vermögenswerte in die Türkei dort für einen enormen Aufschwung sorgen würde und das einfach mal bewusst werden muss.



    Außerdem auch endlich bye bye für Erdogone!

    Dann möchte ich mal Deutschland und seine Wirtschaft sehen!

    • Klabauta

      @Edda:

      Ich kann Ihre Frustration verstehen, aber zurück in die Erdogan-Türkei? Verrückte Idee.



      Da finde ich die Aktion der Magdeburger Ladenbesitzer schon besser. Eine Ausweitung des Streiks auf ganz Sachsen-Anhalt wäre sicherlich sinnvoller, als sich einem Autokraten anzudienen.

  • TaAl

    Sehr gut! Ich hoffe, es bringt die Menschen zum Umdenken.

  • Klabauta

    Sehr coole Aktion! Ich wünsche den Teilnehmenden viel Erfolg!

    Ein Generalstreik aller Menschen mit Migrationsgeschichte wünsche ich mir schon länger. Ob politische Streiks in Deutschland wirklich verboten sind, ist übrigens umstritten. Allerdings kann ich gut verstehen, wenn Betroffene in dieser unklaren Lage um ihren Arbeitsplatz fürchten.

    • Land of plenty

      @Klabauta:

      Diese Aktion ist sicherlich erlaubt. Es sind die Selbständigen Ladeninhaber. Sie werden an diesem Tag weniger Einnahmen haben.



      Generalstreik und politische Streiks sind verboten: das gilt für Lohnabhängige. Umstritten ja, dadurch, dass es einige Kräfte ändern wollen. Bisher noch keine Mehrheit.

  • Perkele

    Ganz große Klasse, dieses Projekt. Es wird zeigen wie weit intergriert die Leute längst sind, wie eng sie mit der Bevölkerung zusammenleben, wie sehr die Bevölkerung von den Initiativen der Migranten profitiert. Die bringen Vielfalt in unsere Gesellschaft und das ist richtig positiv. Hoffentlich werden da noch einige Wähler*innen wach....

  • apfelkern

    Danke für dieses starke Zeichen.



    Ich wünsche mir mehr Solidarität mit migrantischen Menschen, schon freundliche Worte können Mut machen und zeigen, dass der völkische Wahn von Vielen vehement abgelehnt wird.



    Niemand sollte still bleiben, denn es ist ein große Anspannung für die Menschen, die im Fadenkreuz der AgD stehen: Migrant:innen, queere Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung, psychisch kranke Menschen und und und.

  • amigo

    Der „Migra-Streik“ der migrantischen Gewerbetreibenden in Sachsen-Anhalt ist eine unbarmherzige, vernichtende Ohrfeige für all jene, die den schleichenden Verfall unserer Gesellschaft immer noch schönreden. Dass Menschen, die Tag für Tag unser Gemeinwesen am Laufen halten, Steuern zahlen und Jobs schaffen, ihre Läden schließen müssen, um sturen Verdrängern zu demonstrieren, was dieser Region ohne sie blüht, ist an Absurdität kaum zu überbieten.



    ​Wenn Spätis, Restaurants und Handwerksbetriebe dichtmachen, wird spürbar, was die völkische Hetze der AfD in der Praxis bedeutet: den ökonomischen und kulturellen Selbstmord eines ganzen Bundeslandes.



    ​Wer diese Aktion als „politischen Krawall“ abtut, hat gar nichts begriffen. Es ist der verzweifelte Notruf einer Gruppe, die den alltäglichen Rassismus nicht mehr schweigend hinnimmt. Wer die AfD gewähren lässt, treibt genau jene aus dem Land, ohne die hier morgen buchstäblich kein Rad mehr rollt und kein Herd mehr brennt. Ein armseliges Zeugnis für Sachsen-Anhalt!

  • My Sharona

    Sehr gut! Schade, dass die angestellten Altenpfleger*innen, Postzusteller*innen usw. nicht mitmachen können. Dann würden die Menschen im Land der Frühaufsteher vielleicht noch deutlicher merken, dass sie politisch volle Pulle auf eine Wand zulaufen.

  • Tiene Wiecherts

    Das ist beeindruckend!



    An dieser - aus Verzweifelung geborenen? - Energie sollten sich alle Menschen in Magdeburg und Sachsen-Anhalt insgesamt ein Beispiel nnehmen.



    Viele, die sich nicht direkt von den Hass- und Vernichtungsphantasien der Faschisten betroffen fühlen, sind leider viel zu passiv.