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Merz in China und WashingtonNeue Gegner, alte Fehler

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Schwarz-Rot agiert bei der Energiepolitik ideologisch. Das könnte dazu führen, dass Merz in China und den USA bald als Bittsteller empfangen wird.

Merz besucht in China ein Werk von Siemens Energy Foto: Andres Martinez Casares/reuters

E s gibt drei Menschen auf dieser Welt, die den russischen Krieg gegen die Ukraine beenden könnten: Wladimir Putin, Xi Jinping und Donald Trump. Das erwähnt Bundeskanzler Friedrich Merz ab und zu. Und während Putin ungerührt weiter Häuser und Energiewerke bombardieren lässt, war Merz in der vergangenen Woche erst bei Xi in China und ist nächste Woche bei Trump in Washington zu Gast. Er spricht mit ihnen sowohl über den Ukrainekrieg als auch über Wirtschaftspolitik.

Eigentlich eine prima Gelegenheit, an beiden Fronten etwas zu bewegen! Zumal China und Deutschland gleichermaßen unter der Trump’schen Zollpolitik leiden. Doch mehr als deutsche Appelle sind derzeit nicht drin.

Denn damit sich aus diesem Besuch bei den beiden führenden Großmächten eine Art Pendeldiplomatie entwickeln könnte, bräuchte Merz Hebel: Deutschland müsste wirtschaftlich stärker und die EU einiger sein. Sehr viel Konjunktiv, denn es mangelt an beidem – und das liegt auch an Deutschland.

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Nationale Egoismen über gemeinsamen Anliegen

Die EU, einer der größten zusammenhängenden Wirtschaftsräume weltweit, kann ihr Potenzial gegenüber China und den USA nicht ausspielen, weil nationale Egoismen immer wieder über gemeinsame Anliegen triumphieren. Und auch Deutschland trägt dazu bei, die zentrale Wachstumsstrategie der EU, den Green Deal, zu schwächen. Unter dem Druck von Lobbyinteressen und berauscht vom eigenen Anti-Grünen-Narrativ schafft die Regierung Merz das Verbrenner-Aus ab und höhlt das Lieferkettengesetz aus. Das Ziel der EU wackelt, erster klimaneutraler Kontinent zu werden und sich an die Spitze der nachhaltigen Innovationen und Technologien zu setzen.

Und nun droht die nächste fatale Weichenstellung. Auf Drängen der Union hat Schwarz-Rot das Heizungsgesetz gekippt und ermuntert Verbraucher:innen, weiterhin auf Öl- und Gasheizungen zu setzen. Derweil plant China, weltweit führender Wärmepumpenhersteller zu werden, und will den eigenen Herstellern unbegrenzten Zugang zu finanziellen Mitteln gewähren. Das entsprechende Strategiepapier hat der Bundesverband Wärmepumpe veröffentlicht – ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Industriepolitik first, Klimaschutz second

Und dennoch hat der Verband einen Punkt, denn Geschichte scheint sich zu wiederholen. Anfang der Nullerjahre boomte die Solarindustrie in Deutschland maßgeblich infolge der von der damaligen rot-grünen Regierung vorangetriebenen Förderung der erneuerbaren Energien. Als die schwarz-gelbe Koalition die Solarförderung 2012 halbierte, brachen die Umsätze ein. Heute dominiert China die globale Solarindustrie.

Für China steht Industriepolitik an erster Stelle, Ideologie und Klimaschutz kommen danach. Für die USA spielt Klimaschutz gar keine Rolle mehr. Deutschland, das hat Merz richtig erkannt, muss wirtschaftlich seine Hausaufgaben machen und die EU stärken, um selbstbewusst gegenüber Trump und Xi auftreten zu können. Dazu gehört, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen und die ideologische Brille abzusetzen. Sonst wird Merz in Peking und Washington auch in Zukunft nur als Bittsteller empfangen.

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Anna Lehmann
Leiterin Parlamentsbüro
Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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6 Kommentare

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  • Es ist nicht nur Ideologie, was die csdU und sPD zu solchem Handeln treibt, es ist blanker Opportunismus mit Blick auf die extrem starke und einflußreiche Lobby der fossilen Industrie. Und - es ist Dummheit. Was aus dem Desaster mit der Solarenegrie geworden ist, das wird im Artikel erwähnt - wenn man ideologisch völlig verblendet den gleichen Fehler bewusst abermals macht und die DEUTSCHE Wirtschaft wissentlich schwächt, um den Lobbyerwartungen einiger starker Einflußnehmer zu entsprechen, dann kann man das getrost als eine Art Korruption ansehen. Mit dem Eid Schaden vom deutschen Volk abzuwenden hat das nichts zu tun...

  • "....hat Schwarz-Rot das Heizungsgesetz gekippt und ermuntert Verbraucher:innen, weiterhin auf Öl- und Gasheizungen zu setzen." Ich würde eher sagen "ermöglicht" weiterhin auf Öl- und Gasheizungen zu setzen, wenn sich eine Wärmepumpe nich nicht rentiert. Wenn sich eine Wärmepumpe in jedem Fall rechnen würde, dann hätte man im alten Heizungsgesetz nicht mit Verboten arbeiten müssen. Die Frage, ob man das Geld nicht an anderer Stelle wirksamer einsetzen kann, um CO2 zu sparen, war erkennbar nicht von Interesse.

  • Die Schwarzen und Blauen sind ganz sicher nicht die Einzigen die beim Thema Klima ideologisch agieren. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen.



    Deutsche Staatsoberhäupter sind jetzt in China sowieso in einer anderen Position als noch vor 10-20 Jahren. Den erhobenen moralischen Zeigefinger und das ritualhafte "Hat er die Menschenrechte angesprochen?" lässt man jetzt besser weg. Die Hierachien haben sich verschoben.

  • Es ist immer wieder atemberaubend, wie weit die irrwitzige Selbsttäuschung und ideologische Verblendung bei der Union geht. Offenbar ist Klimaschutz in den Augen von Merz und seinen Spießgesellen immer noch linksgrünes Gedöns, die Schornsteine sollen wieder rauchen wie früher, Autos natürlich Verbrenner bleiben und geheizt wird mit Öl oder Gas.



    Kann man so machen, ist dann aber auf vielen Ebenen mies. Klimaschutz reines Lippenbekenntnis, aber und das ist aus Unionssicht noch schlimmer, es ist eine fortschritts- und wirtschaftsfeindliche Politik. Es wird allenthalben gejammert, Deutschland werde abgehängt, sei nicht mehr an der Spitze, wie auch, wenn die Bundesregierung ein gigantisches Industriemuseum konserviert mit Technologie von gestern in in schon wenigen Jahren keiner haben werden will?

  • Friedrich Merz’ aktuelle Forderungen zur Klima- und Industriepolitik wirken wie eine Geisterfahrt mit dem Blick starr im Rückspiegel. Während die USA mit dem Inflation Reduction Act massiv in grüne Zukunftstechnologien investieren und China den Weltmarkt bei E-Mobilität und Photovoltaik längst im Würgegriff hat, träumt man im Konrad-Adenauer-Haus offenbar von einer Renaissance der Verbrenner-Nostalgie.



    ​Es ist ein hanebüchener Irrsinn zu glauben, Deutschland könne als Industriestandort überleben, wenn wir die Transformation verschlafen, während die globalen Supermächte uns links und rechts grün überholen. Merz’ Kurs ist kein Schutz für den Mittelstand, sondern ein ökonomisches Todesurteil auf Raten. Wer den Klimaschutz gegen die Wirtschaft ausspielt, hat nicht verstanden, dass ökologische Ignoranz heute der schnellste Weg in die technologische Bedeutungslosigkeit ist. Wir liefern uns China und den USA nicht durch zu viel Klimapolitik aus, sondern durch das feige Festhalten an den Technologien von gestern.

  • Richtig - in China hat die Industriepolitik Vorrang.



    Ein Ende von fossiler Energienutzung in China werden wir alle wohl nicht mehr erleben.



    Das macht mir persönlich wenig Lust, dafür besondere Opfer zu bringen.