Macron in Syrien: Strategischer Weitblick
Als erster europäischer Staatschef besucht Macron Damaskus. Er hat erkannt, dass das „neue Syrien“ der natürliche Partner für Europa ist.
D er Sturz der Assad-Diktatur in Syrien ist schon neunzehn Monate her, aber erst jetzt findet ein Staatschef aus Europa den Weg nach Damaskus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat mit seinem Besuch in Syrien auf dem Weg zum Nato-Gipfel in der Türkei und seinem Bekenntnis zu einer „strategischen Partnerschaft“ zwischen beiden Ländern nicht nur dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa den Rücken gestärkt. Er hat auch etwas erkennen lassen, was die vielen europäischen Kritiker Scharaas, auch in Deutschland, vermissen lassen: strategischen Weitblick.
Ein stabiles Syrien aufzubauen, ist eine immense Zukunftsaufgabe, an der auch Europa ein Interesse hat. Nachdem die Diktatur Assads, die gegen das eigene Land Krieg führte, Syrien verwüstet und seinen Menschen unermessliches Leid zugefügt hat, ist die Aufgabe der neuen Machthaber ohne äußere Unterstützung kaum leistbar. Die Rebellen um al-Scharaa, die Assad im Dezember 2024 zu Fall brachten und sich zu ihrer eigenen Überraschung plötzlich an der Spitze eines kollabierten Staates wiederfanden, müssen alles auf einmal machen: einen funktionierenden Staat aufbauen, Assad-Nostalgiker und auswärtige Störer wie Iran oder Israel fernhalten und eine tief zerrissene Gesellschaft wieder versöhnen.
Für Europa, das sich mit der Abwehr eines imperialistischen Russlands beschäftigen muss, ist das neue Syrien der natürliche Partner. Syrien und die Ukraine, der südliche und der nördliche Nachbar der Türkei, haben beide auf unterschiedliche Weise dem russischen Staatsterror die Stirn geboten und ihre Unabhängigkeit verteidigt. Als Verbündete könnten Syrien, die Ukraine und die Türkei ihre Kräfte bündeln und auch für Europa ein Schutzschild sein. Und wenn tatsächlich im Laufe der Jahre – schneller geht es nicht – ein neues demokratisches Syrien entsteht, wäre es ein Vorbild im Nahen Osten. Macron hat diese Chance erkannt. Hoffentlich bleibt er nicht der Einzige.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert