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Kulturmanager über Kreative im Alter„Wir schnappen uns eine Villa und fangen an“

Der Hamburger Mathias Lintl macht Kulturprojekte jenseits des herkömmlichen Kulturbetriebs. Nun plant er eine Residenz für alternde Rock-’n’-Roller.

Möchte alternde Großstadt-Musiker*innen aus ihren Einzimmerwohnungen holen: Kulturmanager Mathias Lintl Foto: Klaus Irler
Klaus Irler

Interview von

Klaus Irler

taz: Herr Lintl, würden Sie sich als Künstler bezeichnen?

Mathias Lintl: Nein. Mir fehlen das Handwerk und die Muse, Kunst zu machen. Meine Betätigung im Bereich Kunst und Kultur ist eine andere: Ich bringe Leute zusammen. Und daraus entsteht meistens etwas Neues. Das andere ist, dass ich als Kultur- und Umweltwissenschaftler einen anderen Blick habe auf Kultur.

taz: Was planen Sie als Nächstes?

Lintl: Eine Residenz für alternde Rock-’n’-Roller und Kreative. Ein Anlass dafür ist die Altersarmut, die sehr vielen Kreativen droht. Mir geht es um die Hebung des ökonomischen Potenzials von diesen Leuten, die in Hamburg oft in ihren Einzimmerwohnungen versauern. Die zu wenig Geld haben, um ihren gewohnten kulturellen, sozialen Aktivitäten zu frönen, und zu wenig Input von außen haben und zu wenig Möglichkeiten, noch mal nach außen zu wirken. Die häufig in ihrer eigenen musikalischen Schönheit ertrinken. Oder sich selbst einkapseln.

Im Interview: Mathias Lintl

58, stammt aus Gifhorn, kam dann über Lüneburg, wo er angewandte Kulturwissenschaften und Umweltwissenschaften studierte, nach Hamburg und lebt seit gut 25 Jahren auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Dort Mitinitiator und Motor der kulturellen Nutzung der legendären „Soulkitchen-Halle“, in der der gleichnamige Film von Fatih Akin gedreht wurde. Er entwickelt Ideen, Projekte, Orte und Formate im weiten Feld von Kunst und Kultur in der Stadtentwicklung.

taz: Wie soll das konkret aussehen?

Lintl: Auf dem Land werden in den kommenden Jahren viele große Häuser auf den Markt geschmissen. Und durch die Krankenhausreform gibt es bald leer stehende Krankenhausobjekte. Auch Kirchen und Gemeindehäuser stehen zunehmend leer. Ich will mir erst mal mit acht bis zwölf Leuten eine noch intakte Villa schnappen und anfangen, mich für zwei, drei Monate zu den Residents zu gesellen, um ihr musikalisches Vermächtnis zu inventarisieren. Dann kann man verlagsmäßig schauen, was man draus macht.

taz: In der Musikbranche wird das Geld momentan allerdings vor allem mit Live-Konzerten verdient.

Lintl: Man kann auch super Tourneen organisieren. Und Teil eines Netzwerkes sein. Die Live-Musik-Spielstätten in Deutschland werden sich in den nächsten Jahren verändern. Wir werden vielmehr digitale Präsentationsformate haben.

taz: Damit meinen Sie jetzt was?

Lintl: Avatare! Nicht für 300 Euro teure Tickets wie Abba in London, sondern für 10 oder 20 Euro. Lustige Leute. Es rechnet sich zunehmend weniger, Mu­si­ke­r*in­nen durch die Gegend zu karren und in kleinen Clubs und Bars auftreten zu lassen. Es sei denn, sie haben viel Spaß dabei.

taz: Eine Möglichkeit wären auch Festivals.

Lintl: Ja, deswegen suche ich Grundstücke mit einer gewissen Größe, damit da auch kleinere Festivals für 500 bis 1.000 Leute möglich wären. Festivals, die dann in der Region eine gewisse Strahlkraft haben. Man kann aber auch eine musikalische Gartenkolonne zusammenstellen. Irgendwo gibt es immer Leute, die Geld und Muse haben und sagen: Coole Ideen, ich lade euch ein, hier habt ihr 1.000 Euro, da hinten ist der Garten, ihr könnt Laub wegbringen, aber Hauptsache, irgendwer spielt schön geil und laut Jimi Hendrix.

taz: Haben Sie schon eine Immobilie im Auge, die sich als Residenz für alternde Rock-’n’-Roller eignen würde?

Lintl: Die letzten zwölf Monate habe ich um die 50 gescannt. Da sind dann immer wieder interessante Sachen dabei, auch ehemalige Gasthöfe, zum Beispiel in der Nähe von Lüneburg. Die Kommunen könnten sehr profitieren von so einem Ort. Es wäre ein Tandem zwischen Stadt und Land. Ich will ein Angebot kreieren und dann die Frage in die Welt posaunen: Wo werden wir erwünscht und willkommen geheißen und wo gäbe es ein passendes Objekt? Ich möchte gar nicht suchen, ich möchte gefunden werden.

Die Welt ist ziemlich wahnsinnig geworden und es gibt zurzeit keinen Anlass zu glauben, dass es wieder besser wird. Aber man ist ja trotzdem am Leben. Und der Rest des Lebens soll nicht scheiße sein

taz: Gibt es so etwas nicht schon im Wendland?

Lintl: Nein, nicht mit diesem Fokus. Als ich das Konzept bei einer Konferenz einer Frau aus dem Schwarzwald erzählt habe, sagte sie: Brauchen wir sofort. Wir haben so viele Villen. Aber dann haben wir das Problem, dass die Kreativen natürlich ein- bis zweimal im Monat in die Großstadt wollen, wo sie ihre Homebase haben. Die darf nicht zu weit weg sein.

taz: Wo kommen Sie selbst her?

Lintl: Ich bin in Gifhorn aufgewachsen, an der B4 vor Braunschweig, 35.000 Leute. Ich bin froh, dass ich da weg bin. Ich wäre da eingegangen.

taz: Zu eng, zu spießig?

Lintl: Intellektuell unterfordernd. Ich habe einen Ansporn zur Veränderung der gesellschaftlichen Realitäten. Es sind Millionen von Altersarmut betroffen. Es gibt viele Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land. Nun geht es um die Kreation dieses Ortes, der lustig und gesellig ist und sich selber trägt und für die Beteiligten einen ökonomischen Mehrwert produziert, sodass alle im Alter ein schönes Leben haben können.

taz: Warum machen Sie das alles?

Lintl: Ich erfreue mich an schönen Gedanken. Und ich glaube, gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen, wird immer wichtiger. Ich habe in den letzten Wochen meinen Nachrichtenkonsum reduziert. Die Welt ist ziemlich wahnsinnig geworden und es gibt zurzeit keinen Anlass zu glauben, dass es wieder besser wird. Aber man ist ja trotzdem am Leben. Und der Rest des Lebens soll nicht scheiße sein.

Ein Kulturort weniger: Protest gegen den Abriss der von Lintl mit betriebenen „Soulkitchen-Halle“ in Hamburg-Wilhelmsburg 2024 Foto: Georg Wendt/dpa

taz: In der Liste Ihrer Projekte stößt man auf Dinge wie Pflanzenmusik oder ein Orgelkonzert, bei dem die Musik aus vier Kirchen simultan auf ein mehrere Kilometer entferntes Open-Air-Gelände übertragen wird, auf dem die Hö­re­r*in­nen sitzen. Haben Sie eine Schwäche für schräge Ideen?

Lintl: Ich würde sagen, meine Projekte sind grenzüberschreitend. Und ein wiederkehrendes Thema bei mir ist Technologie, begriffen als tragende Kraft der Veränderung von Lebensstilen. Ich bin ein Kind der 90er Jahre, in denen das Internet entstand. Meine erste Homepage habe ich 1992 gebaut. Mit Hyperlinks konnte man Beziehungen herstellen. Endlich.

taz: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein Kulturzentrum komplett ins Internet zu verlegen?

Lintl: 2014 hätten wir gerne damit angefangen im Rahmen des Projekts Soulvillage in Hamburg. Wir wollten eine New Media Art Gallery machen. Das wäre so ein Holodeck geworden wie bei Raumschiff Enterprise. Aber der Kollege von der städtischen Sprinkenhof AG, die für die Immobilie zuständig war, wo wir das machen wollten, hat das nicht verstanden.

taz: Ich kann es mir gerade auch nicht vorstellen.

Lintl: Du hast einen geilen VR-Raum, aber ohne Brille. Auf Basis von OLED-Leuchten an den Wänden.

taz: Das wäre ja aber ein realer Ort. Was ist mit der Idee, dass Menschen zu Hause vor ihrem Rechner sitzenbleiben und ein Kulturzentrum im Internet besuchen?

Lintl: Ich finde es schon wichtig, einen realen Ort als Ausgangspunkt zu haben. Also eine Bar oder einen Club. Deshalb würde ich gerne eine Studie dazu machen, wie Live-Musik-Spielstätten in städtischen Neubaugebieten der Zukunft aussehend sollten.

taz: Sieht der Club im Neubaugebiet nicht genauso aus wie der Club in der Innenstadt, nur dass er neu ist?

Lintl: Ich glaube, die sind schon anders. Die sind noch breiter aufgestellt hinsichtlich der einzelnen Lebensstile und Generationen. Die wenden sich an Leute zwischen fünf und 80 Jahren. Die ersten Punks sind mittlerweile 60 und haben ihre Vorstellung, wie ein geiler Club aussehen könnte, wo sie mal abhotten können. Und die Zehnjährigen auch.

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