Kritik an Schriftstellerin Sally Rooney: Literarischer Boykott

Autorin Sally Rooney ist bei Millennials ein Star. Nun lehnte sie die Anfrage eines israelischen Verlags ab, ihr Buch ins Hebräische zu übersetzen.

Salley Rooney trägt ein weinrotes Oberteil, darüber einen karierten Blazer. Der Hintergrund ist grau, sie guckt lässig in die Kamera

Sally Rooney hat aus ihrer politischen Haltung zu Israel nie ein Geheimnis gemacht Foto: Alberto Cristofar/laif

Für viele ist Sally Rooney ein Star. Die 30-jährige Autorin aus Irland, die sich selbst als Marxistin bezeichnet, schafft es, mit ihren lebensweltlichen Geschichten Millionen Menschen zu erreichen. Ihre ersten beiden Romane, „Gespräche mit Freunden“ und „Normale Menschen“, waren weltweite Bestseller und wurden in 46 Sprachen übersetzt. Das neue Buch „Schöne Welt, wo bist du“ erschien vor Kurzem und war in den ersten Tagen in vielen deutschen Buchläden vergriffen. Egal ob Rooney ein neues Buch veröffentlicht, eine Serie erscheint oder sie ein Interview gibt – Fans stürzen sich darauf. Doch seit Montag scheint Rooney eine große Menge an An­hän­ge­r:in­nen verloren zu haben.

Was war passiert? Verschiedene Medien berichteten, dass Rooney eine Veröffentlichung ihres neuen Romans auf Hebräisch ablehnte. Von einem Übersetzungsverbot war die Rede. Sie bezogen sich dabei auf einen Bericht der israelischen Zeitung Ha’aretz, in dem der Verlag Modan Publishing House, der ihre ersten beiden Romane in Israel auf den Markt brachte, die Nachricht bestätigte. Weiter hieß es darin: Rooney unterstütze den Boykott israelischer Kultur aus Solidarität mit Palästina und wolle den Roman deswegen nicht auf Hebräisch veröffentlichen.

Rooneys Romane sind intimer Lifestyle-Marxismus: Intelligente junge Menschen sinnieren über das Leben im 21. Jahrhundert. Es geht um Liebe, Sex und Einsamkeit. Die Prot­ago­nis­t:in­nen fühlen sich immer ein bisschen verloren und geben unter anderem dem Kapitalismus die Schuld daran.

Rooney ist für die Generation Y-Z nicht nur Literaturtalent, sondern die gefundene Stimme ihrer selbst. Was aber, wenn ebendiese Stimme eine Haltung zeigt, mit der man politisch nicht übereinstimmt? Man reagiert enttäuscht bis wütend. Rooneys Entscheidung ist in Deutschland das Topthema auf Twitter, viele Le­se­r:in­nen distanzieren sich von der Autorin.

Dabei kommt es nicht überraschend. Rooney hat aus ihrer politischen Haltung zu Israel nie ein Geheimnis gemacht. Im Juli unterzeichnete sie kurz nach der militärischen Eskalation im Gazastreifen zusammen mit Tausenden Künst­le­r:in­nen einen offenen Brief, der Israel der „Apartheid“ beschuldigt. Rooney unterstützt außerdem die BDS-Bewegung, eine transnationale Boykottkampagne, mit der Israel unter Druck gesetzt und isoliert werden soll.

Auch in ihren Büchern taucht die Thematik immer wieder auf. Rooneys Charaktere sind links und gehen in „Normale Menschen“ auch gern mal auf eine Anti-Israel-Demo während des Gazakriegs 2014. In ihrem Debut behauptet die Protagonistin Bobbi, dass es in Beziehungen stets um Macht gehe, aber die Leute sich immer nur für „Nettigkeit“ interessierten.

War das deutsche Feuilleton geblendet?

Sie sagt: „I mean this is an issue in public discourse. We end up asking like, is Israel 'nicer’ than Palestine.“ (dt.: „Ich meine, das ist ein Problem des öffentlichen Diskurses. Am Ende des Tages fragen wir, ob Israel ‚netter‘ ist als Palästina.“) Rooneys Bücher sind eher abstrakt, nicht dezidiert politisch – deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass Passagen wie diese in den Dialogen ihrer Charaktere vorkommen.

Die auflagestärksten deutschen Medien schwärmten in der Vergangenheit von der Autorin und rätselten über den Rooney-Hype. Einig sind sich alle darin, dass sie es schafft, dem Gewöhnlichen die Banalität zu nehmen, indem sie die Le­se­r:in­nen ungewöhnlich nah in die Gedankenwelt der Charaktere eintauchen lässt. War das deutsche Feuilleton etwa geblendet von Rooneys sprachlicher Leichtigkeit, die die politische Schwere übertünchte? Warum wurde in den Dutzenden Berichten und Interviews nie auf ihre Haltung zu Israel eingegangen?

Nun macht die Kritik am Staat Israel allein noch keinen Menschen zur Antisemitin und auch eine Autorin wie Sally Rooney hat das Recht, ihre Meinung öffentlich zu kundzutun. Doch insbesondere in Zeiten, in denen der Hass gegen Juden und Jüdinnen immer häufiger öffentlich zu Tage getragen wird, wäre der Ausschluss der hebräischsprachigen Le­se­r:in­nen­schaft ein starkes antisemitisches Zeichen.

Es wäre eine Form des Ausschlusses, der in der Kultur nichts zu suchen hat. Erst letzte Woche wurde der jüdische Musiker Gil Ofarim in einem Leipziger Hotel antisemitisch angefeindet. Fast genau zwei Jahre nach dem antisemitisch motivierten Terroranschlag in Halle.

Rooneys Entscheidung ist ein Doppelstandard

Nachdem die Aufregung vor allem in den sozialen Medien am Dienstag hochkochte, äußerte sich Rooney selbst zu den Vorwürfen. In einem Statement, aus dem der Guardian zitiert, sagt sie, sie sei „sehr stolz“ darauf, ihre bisherigen Romane auf Hebräisch veröffentlicht zu haben. Aus Solidarität mit der BDS-Bewegung habe sie jedoch entschieden, die Übersetzungsrechte für ihr aktuelles Buch nicht an einen israelischen Verlag zu verkaufen. Sie fühle sich nicht wohl, mit einer israelischen Firma zusammenzuarbeiten, die sich nicht öffentlich von der Apartheid distanziere.

Rooney lehnt also nicht, wie es anfangs verbreitet wurde, generell die Übersetzung des neuen Buchs ins Hebräische ab. Ihre Entscheidung gegen eine Kooperation mit einem israelischen Verlagshaus gilt es dennoch zu verurteilen. Denn solange sich nicht ein Verlag außerhalb Israels findet, der das Buch auf Hebräisch verlegt, bleibt ihre Entscheidung ein ausschließendes Moment für viele Juden und Jüdinnen, denen ein Kulturgut bewusst verweigert werden soll.

Sichtbar wird in Rooneys Entscheidung also ein Doppelstandard. Bislang ist von keinem anderen Land, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, die Rede, in dem ihr dritter Roman lieber nicht veröffentlicht werden soll. Rooneys Entscheidung ist deswegen antisemitisch und kein politisches Mittel im Kampf für eine gerechtere Welt – die sich doch auch ihre Prot­­ago­nis­t:in­nen stets wünschen.

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