Kommentar Brand in Paris : Notre-Dame lenkt ab
Die Betroffenheit über das Feuer in der Kathedrale steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung. Weltbewegender für die Zukunft ist die Klimakrise.
N otre-Dame brennt. Die Bilder bewegen: Rot scheint die Glut auf den beiden Türmen wider, in ihrer Mitte skelettartig die Silhouette des Baugerüsts. Frankreich und Europa stehen unter Schock. Ein Glück, dass Präsident Emmanuel Macron einen Blick für das Wesentliche hat: Er ruft den nationalen Notstand aus. Europa beweist derweil in seiner Betroffenheit und im blitzartigen Geldgeben grenzübergreifende Freundschaft. Geeint stehen wir, denn Paris’ Herz brennt.
Der kollektive Schreck mag echt sein, und dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass viele in diesen Tagen dankbar sind für eine Katastrophe, die sich lösen lässt. Denn: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sieht sich die Öffentlichkeit dank Fridays For Future mit der Klimakrise konfrontiert. Wie leicht sich nun die Mehrheit davon ablenken lässt, zeigt, wie wenig die Bewegung verstanden wurde. Darum an dieser Stelle noch einmal in aller Deutlichkeit: Die Erde brennt, nicht bloß eine Kirche.
Unsere Maßstäbe für die Beurteilung der Dringlichkeit eines Problems sollten wir deshalb grundlegend überdenken. Ein ungebremster Klimawandel bedroht unsere Lebensgrundlagen – im Gegensatz zum Feuer im Dach einer Pariser Kathedrale. Das sollte sich auch in der gesellschaftlichen Diskussion widerspiegeln. Es braucht eine konstruktive Debatte über neue Wege, um eine Gesellschaft aufbauen zu können, die Bestand hat.
Dieser Diskurs entsteht aber nicht. Stattdessen wird Fridays For Future lächerlich gemacht, indem sich absurde „For Futures“ gründen. Besonders bemerkenswert ist die Initiative „Religions For Future“ – eine beeindruckend paradoxe Denkleistung, die hinter diesem Namen steckt. Etwas Antiquierteres als Religion und Kirche gibt es ja wohl nicht, weniger Innovationsgeist findet sich nur in den Wahlprogrammen der großen Parteien für die anstehende Europawahl.
Der Brand der Notre-Dame hat insofern Symbolcharakter – als junger Mensch darf man das ruhig ein bisschen zukunftsweisend finden.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert