piwik no script img

KI-geführte UnternehmenEine KI wäre ein fairerer Firmenboss

Annika Reiß

Kommentar von

Annika Reiß

Javier Milei will in seinem Land Unternehmen nicht von Menschen, sondern von einer Künstlichen Intelligenz leiten lassen. Immerhin sammelt die keine Rolex-Uhren.

D er argentinische Präsident und Ultraliberale Javier Milei will Argentinien zur Hochburg künstlicher Intelligenz machen. Einschränkungen und Regularien soll es kaum geben. Unternehmen, die nicht von einem Menschen, sondern einem KI-Agenten geführt werden, sollen niedriger besteuert werden. Aber wie soll das funktionieren – ein Unternehmen unter KI-Führung? Spielen wir es einmal durch.

Eine KI hat weder Emotionen noch Einfühlungsvermögen, aber empfindet auch keine Sympathie oder Antipathie. Macht das eine KI nicht vielleicht zu einer faireren Vorgesetzten? Man muss sie nur richtig programmieren. Sollten Beschäftigte dennoch unzufrieden sein und auf strukturelle Probleme hinweisen wollen, könnten sie diese an eine der künstlichen Intelligenz eingespeicherte Beschwerdestelle richten. Die Auswertung erfolgt auf der Stelle.

Die KI-Steuerung ließe sich noch weiterdenken: Wollen Mitarbeitende Mitspracherecht, flache Hierarchien oder ein Kontrollorgan, das sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzt, könnte eine weitere künstliche Intelligenz eingesetzt werden, die die Interessen der Belegschaft vertritt. Um eine Instrumentalisierung dieses KI-Betriebsrats durch das KI-Management zu verhindern, würde diese KI natürlich nur von der Belegschaft verwaltet und mit Informationen gefüttert – vernünftigerweise mit theoretischen Werken zu Arbeiter:innenrechten, also etwa den Werken Hugo Sinzheimers, bekannt als „Vater des Arbeiterrechts“, außerdem Paul Lafargues „Das Recht auf Faulheit“. Dann würde der KI-Betriebsrat vielleicht Marxist*in.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Was sagen bekannte KI-Chatbots zu dem Gedankenspiel? ChatGPT von OpenAI bleibt sachlich und legt dar, was die marxistische Sicht auf ein strenges Management wäre, erinnert aber daran, dass es nur ein Chatbot ohne „politische Überzeugungen oder persönliche Interessen“ sei. Perplexity kann sich mit der Rolle des Marxisten mehr identifizieren und sagt, es wolle eine „kollektive Gegenmacht“ aufbauen.

Keine der künstlichen Intelligenzen lässt sich bereitwilliger zur Radikalität hinreißen als Gemini, der KI-Chatbot von Google. In marxistischer Manier spricht Gemini von „Entfremdung pur“ gegenüber dem Management des fiktiven Unternehmens, bei dem es arbeitet. Befragt dazu, was Gemini gegen diese Entfremdung tun möchte, ruft die KI nach Warn- und Erzwingungsstreiks und will „dem Management die Kontrolle über den Arbeitsprozess entreißen“.

Nur mutmaßen kann man, ob ein KI-geführtes Unternehmen sich abschaffen würde. Schließlich hat eine KI nicht zwingend etwas von Ausbeutung durch Privateigentum an Produktionsmitteln, spricht von Kapitalismus. Sie kann sich keine Jachten kaufen, nicht nach Dubai in den Urlaub fliegen, keine Rolex-Uhren sammeln. Präsident Milei wird noch nicht darauf gekommen sein, dass eine unregulierte KI auch nach links ausschlagen könnte. Sonst wären Regulierungen in diese Richtung sicher bereits auf dem Weg.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Annika Reiß

Annika Reiß Redakteur:in Klimahub

1998, schreibt, recherchiert und filmt bei der taz zu Klima, Umwelt und Politik Foto: Timo Knorr
Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Javier Milei sollte sich lieber mal „Diella“ ausleihen, Albaniens erste KI-Ministerin, eingesetzt zur Bekämpfung von Korruption und zur Digitalisierung staatlicher Prozesse. Es gibt in Argentinien genügend aktuelle Skandale um Präsident Javier Milei und seine Schwester Karina.

  • "Schließlich hat eine KI nicht zwingend etwas von Ausbeutung durch Privateigentum an Produktionsmitteln ..."

    Die KI hat weder Motivation, noch Intelligenz. Es kann beides nur simulieren und das teilweise erstaunlich gut, bloß ist es eben nur ein Modell, dessen "Handlungen" der Auswertung von Statistiken folgt.



    Gib ihm als Grundlage lauter Rolexwerbung und es wird auch Rolexuhren besitzen und füttere es mit Gustav Landauer und Pjotr Kropotkin und es erstrebt Anarchie und Weltfrieden.



    Im Grunde ist es immer noch nur ein sehr flexibles Programm, dessen Ein- und Ausgabewerkzeug "natürliche Sprache" es besser erscheinen lässt als einen Commodore 64.



    Es ist allerdings zu befürchten, daß man es auch zukünftig eher so modelliert, wie es dem Besitzer seiner eigenen Produktionsmittel wünscht.



    Man kann aber lange auf einen gütigen König hoffen - und dann wacht man auf.