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Künstliche Intelligenz im JournalismusKI-Checker sind auch nicht die Lösung

Ann-Kathrin Leclere

Kommentar von

Ann-Kathrin Leclere

Der Fall Casdorff empört. Hinter der Verlockung, im Journalismus KI zu verwenden, stecken strukturelle Probleme, die strukturelle Lösungen erfordern.

W enn Jour­na­lis­t:in­nen anfangen, ihre Texte mit Künstlicher Intelligenz zu generieren, schaffen wir uns selbst ab. Es ist ganz klar falsch, dass Stephan-Andreas Casdorff, der Editor-at-Large beim Tagesspiegel, für mehrere Meinungsbeiträge Künstliche Intelligenz verwendet hat. Und es ist richtig, dass der Tagesspiegel aus dem Fall Konsequenzen zieht – Casdorff darf bis auf Weiteres nicht mehr publizistisch tätig sein.

Casdorff ist aber bei Weitem nicht der einzige, der in letzter Zeit bei der Verwendung von KI bei der Texterstellung ertappt wurde. Beiträge des CDU-Politikers Mario Voigt hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich gelöscht, weil sie KI-generiert sein sollen. Der Bundesdigitalminister Carsten Wildberger (CDU) soll laut Zeit-Recherchen ebenfalls KI für Texte verwendet haben.

Bei Casdorff ist der Fall aber anders gelagert, denn er hat als ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber einer Zeitung genauso wie andere Jour­na­lis­t:in­nen die Aufgabe, Themen kritisch, vertrauenswürdig und vor allem nach seinem eigenen besten Wissen und Gewissen einzuordnen. Le­se­r:in­nen verlassen sich darauf, dass sie hier Beiträge von selbst denkenden Menschen lesen. Fälle wie dieser erschüttern dieses Vertrauen erheblich.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Es ist ganz klar: Wir leben in einer Zeit, in der KI in unser aller Alltag Einzug genommen hat und wir müssen einen Weg finden, mit ihr umzugehen. Auf manche Verwendung von KI können wir uns schon einigen. So etwa nutzt die taz ein KI-Transkriptionsprogramm, das Interviews in Text umwandelt. Für andere Dinge, nämlich die vollständige oder teilweise Erstellung von Texten oder die Themenfindung mithilfe eines Chatbots und die dadurch entstehenden Herausforderungen, hat sich die taz wie andere Verlagshäuser in den vergangenen Jahren Grenzen gesetzt.

Der Tagesspiegel will nun Casdorffs, aber auch andere Texte auf die Verwendung von KI überprüfen. Wir können uns aber aktuell und sehr wahrscheinlich auch in Zukunft nicht darauf verlassen, erkennen zu können, wenn KI verwendet wurde. Das, was viele heute für typische KI-Sprache halten, stammt oft aus menschlichen Texten, mit denen die Systeme trainiert wurden. Gleichzeitig werden die Modelle immer besser. Ein Wettlauf zwischen künstlicher Textgenerierung und Erkennungssoftware wird das Problem nicht lösen.

Immer mehr immer schneller

Das Problem beginnt ja eigentlich viel früher. Dort, wo Jour­na­lis­t:in­nen es für akzeptabel halten, Kommentare von einer Maschine schreiben zu lassen. Es setzt sich fort, wenn Redaktionen Inhalte übernehmen, ohne deren Entstehung kritisch zu prüfen. Und es verfestigt sich in einer Medienlogik, die Texte in immer kürzerer Zeit produzieren will und folglich Jour­na­lis­t:in­nen unter Druck setzt, immer mehr und das immer schneller zu produzieren.

Ständig wird suggeriert, wer keine KI nutze, sei rückständig. Springer-Chef Mathias Döpfner verteidigte die Verwendung von KI in politischen Texten jüngst, indem er einen nach eigenen Angaben „hundert Prozent KI-generierten“ Beitrag veröffentlichte. Dahinter steckt oft dieselbe Erzählung: Alle machen es ohnehin, also müsse man mitziehen. Dadurch erleben wir einen gefährlichen Normalisierungsprozess.

Wer die Kernaufgaben des Journalismus – das Prüfen, Gewichten und Einordnen von Fakten – an Maschinen abgibt, greift die Berufsgrundlage an. Wollen wir also Konsequenzen aus dem Fall beim Tagesspiegel ziehen und uns nicht der Maschinenlogik unterwerfen, braucht es vor allem zwei Dinge.

Einerseits brauchen wir alle ein besseres Verständnis davon, was KI kann und wo wir überhaupt wollen, dass sie eingesetzt wird. Wir müssen uns angewöhnen, bei jedem Artikel, bei jedem Audio oder Video zu hinterfragen: Ist es echt, was ich hier sehe? Eine Zeit ohne diese Frage wird es nicht mehr geben.

Andererseits brauchen Redaktionen die Zeit und das heißt auch die Ressourcen, um ihre Arbeit ordentlich zu machen. Zeit, nachzudenken, selber zu schreiben, dabei zu hadern und eben auch die Zeit, Texte auf ihren KI-Gehalt zu überprüfen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Ann-Kathrin Leclere

Ann-Kathrin Leclere

Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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8 Kommentare

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  • "Le­se­r:in­nen verlassen sich darauf, dass sie hier Beiträge von selbst denkenden Menschen lesen. Fälle wie dieser erschüttern dieses Vertrauen erheblich."



    Wie sieht es denn mit den Beiträgen der Forist*innen aus, denn auch Verfasser*innen der kritischen Kommentare könnten von den Möglichkeiten der KI durchaus konkret inhaltlich profitieren?



    Authentizität ist für Einzelpersonen aber durchaus ablesbar an und nach der jahrelangen Beobachtung.

    • @Martin Rees:

      Ich würde gerne eine ausgewiesene Spalte mit rein KI-genierten Artikeln lesen, mit einem sorgfältig ausgearbeiteten, ständig verbesserten und ebenso veröffentlichten Prompt... nur so zum Vergleich.

      Oder exakt einen automatisch zum Artikel hinzugefügten KI-Kommentar. Die meisten Kommentare von echten Menschen stattdessen sind eher nur Lüften von Unmut mit schon vorher feststehender Meinung zum Thema. Nicht dass dafür kein Platz ist, aber das kann echt nicht alles sein.

      Ein Problem ist, dass Journalismus in der Praxis sehr lange Zeit nur als eine Art Textproduktion betrieben wurde, praktisch als halbwegs erträglich bezahltes Hobby, mit im Alltag oft eher miserabler inhaltlicher Qualität. Das ging, weil man Texte halt anders nicht produzieren konnte. Heute weiß jeder und jede Schreibende tief drinnen, dass KI verdammt gute Ergebnisse mit relativ sehr wenig Mühe produzieren kann. Denn selbst sehr gute und erfahrene Journalisten sind bestenfalls in engen Bereichen wirklich gut informiert und viele nicht gute Journalisten noch nicht einmal das. Und diese sehen heute ein sehr scharfes und großes Schwert sehr knapp über ihren Köpfen hängen.

  • Ich möchte die Meinung eines authentischen Menschen erfahren. Eines Menschen, der Menschlichkeit im erkannten Sachverhalt abwägen kann, durch Sich als Menschen. Was eine Maschine für Meinung hält interessiert mich nicht.

    • @Lenchen:

      So einfach ist das wirklich nicht. Meistens will man ja eben gar keine Meinung lesen, sondern Fakten. Meinungen gehören journalistisch gesehen in ausgewiesene Kommentare, nicht in normale Artikel. Dort haben Meinungen nichts verloren.

      Ich habe zunehmend den Eindruck, dass "KI" inzwischen für viele Menschen einfach Projektionsfläche und Blitzableiter für alles ist, was ihnen nicht passt (was zugegebenermaßen eine ganze Menge sein kann), aber so kann man wenigstens mal mit dem Finger drauf zeigen.

      Das Journalisten dabei gerne mitmachen, ist absolut verständlich, geht es doch um ihre Jobs. Ob das der Sache gerecht wird, ist aber eine ganz andere Frage, denn Journalismus ist ja nicht vorrangig für die Journalisten da, sondern für die Leser. Wobei da die nach außen vertretenen und tatsächlichen Interessen nicht immer deckungsgleich sind.

      Und auch natürliche Intelligenz ist nicht "authentisch". Sie ist idealerweise standpunktfrei und nicht von versteckten Motivationen gesteuert. Die unreflektierte Sehnsucht nach Authentizität drückt im Endeffekt eher Leute wie Trump nach oben: "Dumm, aber wenigstens ehrlich!" sagt man dann. Danke...

  • Ich finde, das Problem ist nicht die KI selbst, sondern dass manche Menschen ihr zu viel Verantwortung übertragen. Gerade im Journalismus möchte ich Texte lesen, hinter denen echte Gedanken und Meinungen stehen. Man sollte sich außerdem nie blind auf KI verlassen, weil sie Fehler machen oder falsche Informationen liefern kann. Deshalb müssen ihre Ergebnisse immer kritisch geprüft werden. Gleichzeitig kann KI in Bereichen wie der Medizin sehr nützlich sein, zum Beispiel bei der Früherkennung von Gesundheitsrisiken wellness.doktorabc...rhersagen-koennen/ Für mich ist KI weder ein Heilsbringer noch eine Bedrohung, sondern ein Werkzeug, das sinnvoll und verantwortungsvoll genutzt werden sollte. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, findet hier auch eine interessante Sendung dazu: www.deutschlandfun...-d5da3ea2-104.html

  • Die Verlockung ist mega:



    "Sportberichte, Börsenmeldungen, Wetterdaten, Wahlergebnisse – all das sind Inhalte, die auf strukturierten Datensätzen basieren und für die KI-Systeme heute zuverlässige Texte generieren können. Systeme wie Automated Insights oder AX Semantics werden bereits in großen Verlagshäusern genutzt, um hunderte von Artikeln gleichzeitig zu erstellen, die sich nur in wenigen Parametern unterscheiden.



    Für Lokalredaktionen bedeutet das: Ergebnisse aus dem Gemeinderat, Bevölkerungsstatistiken oder lokale Sportergebnisse lassen sich ohne großen Zeitaufwand in lesbare Meldungen überführen. Der Redakteur definiert das Template, die KI befüllt es – und spart damit mehrere Stunden pro Woche"



    Bei l-iz.de



    "entlastet vor allem in kleinen Redaktionen, wo das klassische Vier-Augen-Prinzip aus Personalmangel oft nicht konsequent umgesetzt werden kann. Die KI übernimmt einen Teil dieser Kontrollfunktion – ohne die inhaltliche Urteilskraft eines erfahrenen Redakteurs zu ersetzen."



    www.l-iz.de/bildun...g-entlasten-653821



    Die Verwunderung darüber ist schon erstaunlich...

    • @Martin Rees:

      Diese ganze Aufregung spielt sich nur im "großen" Journalismus ab. In der alltäglichen Produktion von Wegwerftexten (damit die Werbung nicht allein auf der Seite steht), ist selbst vollständige KI-Produktion inzwischen immer öfter die Regel.

      Manchmal klebt dann jemand den KI-Prompt in das falsche Feld und das geht dann direkt so online, weil noch nicht einmal irgendwer den generierten Artikel gegenliest: "Mache aus der Pressemitteilung einen Artikel im Stil der XY-Zeitung. Kein Gendern, keine Texthervorhebungen, keine Links" als Titel eines Artikels (der dann aus der unverdauten Pressemitteilung bestand) auf einer Lokalseite. Letztens noch drüber gestolpert...

      Ich sage immer: Wer KI benutzen will, darf nicht zu dumm sein.

  • Große Sprachmodelle werden nicht mehr verschwinden. Zwei Konsequenzen:



    1. KI muss verstanden werden. Aber große Sprachmodelle sind nicht KI. Und was immer wieder bei pauschalierenden Urteilen über große Sprachmodelle gesagt wird, verkennt die Produktionsbedingungen und technischen Grundlagen großer Sprachmodelle: Datenauswahl, Trainingsmethoden, Finetuning, Systemprompts kennen die Nutzenden in der Regel nicht.



    2. Es gibt ab August eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte (Artikel 50). Diese Rechtsetzung muss auch durchgesetzt werden. Die EU-Kommission muss endlich ihre Aufgaben auch wahrnehmen und die Sanktionen gegenüber den Techkonzernen nicht dauernd verschleppen.