Künstliche Intelligenz im Journalismus: KI-Checker sind auch nicht die Lösung
Der Fall Casdorff empört. Hinter der Verlockung, im Journalismus KI zu verwenden, stecken strukturelle Probleme, die strukturelle Lösungen erfordern.
W enn Journalist:innen anfangen, ihre Texte mit Künstlicher Intelligenz zu generieren, schaffen wir uns selbst ab. Es ist ganz klar falsch, dass Stephan-Andreas Casdorff, der Editor-at-Large beim Tagesspiegel, für mehrere Meinungsbeiträge Künstliche Intelligenz verwendet hat. Und es ist richtig, dass der Tagesspiegel aus dem Fall Konsequenzen zieht – Casdorff darf bis auf Weiteres nicht mehr publizistisch tätig sein.
Casdorff ist aber bei Weitem nicht der einzige, der in letzter Zeit bei der Verwendung von KI bei der Texterstellung ertappt wurde. Beiträge des CDU-Politikers Mario Voigt hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich gelöscht, weil sie KI-generiert sein sollen. Der Bundesdigitalminister Carsten Wildberger (CDU) soll laut Zeit-Recherchen ebenfalls KI für Texte verwendet haben.
Bei Casdorff ist der Fall aber anders gelagert, denn er hat als ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber einer Zeitung genauso wie andere Journalist:innen die Aufgabe, Themen kritisch, vertrauenswürdig und vor allem nach seinem eigenen besten Wissen und Gewissen einzuordnen. Leser:innen verlassen sich darauf, dass sie hier Beiträge von selbst denkenden Menschen lesen. Fälle wie dieser erschüttern dieses Vertrauen erheblich.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Es ist ganz klar: Wir leben in einer Zeit, in der KI in unser aller Alltag Einzug genommen hat und wir müssen einen Weg finden, mit ihr umzugehen. Auf manche Verwendung von KI können wir uns schon einigen. So etwa nutzt die taz ein KI-Transkriptionsprogramm, das Interviews in Text umwandelt. Für andere Dinge, nämlich die vollständige oder teilweise Erstellung von Texten oder die Themenfindung mithilfe eines Chatbots und die dadurch entstehenden Herausforderungen, hat sich die taz wie andere Verlagshäuser in den vergangenen Jahren Grenzen gesetzt.
Der Tagesspiegel will nun Casdorffs, aber auch andere Texte auf die Verwendung von KI überprüfen. Wir können uns aber aktuell und sehr wahrscheinlich auch in Zukunft nicht darauf verlassen, erkennen zu können, wenn KI verwendet wurde. Das, was viele heute für typische KI-Sprache halten, stammt oft aus menschlichen Texten, mit denen die Systeme trainiert wurden. Gleichzeitig werden die Modelle immer besser. Ein Wettlauf zwischen künstlicher Textgenerierung und Erkennungssoftware wird das Problem nicht lösen.
Immer mehr immer schneller
Das Problem beginnt ja eigentlich viel früher. Dort, wo Journalist:innen es für akzeptabel halten, Kommentare von einer Maschine schreiben zu lassen. Es setzt sich fort, wenn Redaktionen Inhalte übernehmen, ohne deren Entstehung kritisch zu prüfen. Und es verfestigt sich in einer Medienlogik, die Texte in immer kürzerer Zeit produzieren will und folglich Journalist:innen unter Druck setzt, immer mehr und das immer schneller zu produzieren.
Ständig wird suggeriert, wer keine KI nutze, sei rückständig. Springer-Chef Mathias Döpfner verteidigte die Verwendung von KI in politischen Texten jüngst, indem er einen nach eigenen Angaben „hundert Prozent KI-generierten“ Beitrag veröffentlichte. Dahinter steckt oft dieselbe Erzählung: Alle machen es ohnehin, also müsse man mitziehen. Dadurch erleben wir einen gefährlichen Normalisierungsprozess.
Wer die Kernaufgaben des Journalismus – das Prüfen, Gewichten und Einordnen von Fakten – an Maschinen abgibt, greift die Berufsgrundlage an. Wollen wir also Konsequenzen aus dem Fall beim Tagesspiegel ziehen und uns nicht der Maschinenlogik unterwerfen, braucht es vor allem zwei Dinge.
Einerseits brauchen wir alle ein besseres Verständnis davon, was KI kann und wo wir überhaupt wollen, dass sie eingesetzt wird. Wir müssen uns angewöhnen, bei jedem Artikel, bei jedem Audio oder Video zu hinterfragen: Ist es echt, was ich hier sehe? Eine Zeit ohne diese Frage wird es nicht mehr geben.
Andererseits brauchen Redaktionen die Zeit und das heißt auch die Ressourcen, um ihre Arbeit ordentlich zu machen. Zeit, nachzudenken, selber zu schreiben, dabei zu hadern und eben auch die Zeit, Texte auf ihren KI-Gehalt zu überprüfen.
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