Immunitätsausweise in Coronapandemie: Zweiklassengesellschaft? Unsinn!

Wer Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen beklagt, der kann sich nicht ernsthaft Immunitätsausweisen oder Schnelltests verweigern.

Hände halten seinen Schnelltest

Zuverlässige Schnelltests sind eine Chance auf mehr Freiheit für einen Teil der Bevölkerung Foto: Bodo Schackow/dpa

Der Ethikrat ist keine reine Sachverständigengruppe, von der man definitive Auskünfte zu wissenschaftlichen oder politischen Fragen erwarten dürfte. Er ist ein Repräsentanzgremium, das die Pluralität gesellschaftlicher Meinungen widerspiegelt und diese wiederum Regierung wie Parlament nahebringt.

Dies muss man sich vor Augen führen, bevor man der Versuchung erliegt, darüber zu schimpfen, dass der Ethikrat mit seiner aktuellen Stellungnahme zu den umstrittenen Corona-Immunitätsausweisen leider so gar keine Orientierung bietet. Es ist ihm aufgrund seiner Rolle nicht zum Vorwurf zu machen, wenn er statt eindeutiger Positionen unterschiedliche Ansichten vertritt und der Politik die Entscheidung nicht abnimmt, ob die Tests grundsätzlich abzulehnen oder zu befürworten sind. Genau diese Grundsatzfrage aber wird die Politik zu beantworten haben, sobald die praktisch-technischen Hürden (wie etwa die Unzuverlässigkeit der aktuell verfügbaren Tests), die die Ausweise derzeit zu Recht wie eine Schnapsidee erscheinen lassen, aus dem Weg geräumt sind. Soll es dann in Deutschland Bescheinigungen geben, die attestieren, dass die einen wieder zur Party, ins Pflegeheim oder zur Demo dürfen – und die anderen nicht oder höchstens mit Abstand und Mundschutz?

Ja, ruft die eine Hälfte des Ethikrats, und es ist der Politik zu wünschen, dass sie dem Ruf dieser Hälfte folgt, sobald die Tests zuverlässig sind. Denn wer sich einerseits über die zahlreichen Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen beklagt, die uns Corona seit mehr als einem halben Jahr abverlangt, der kann sich andererseits nicht ernsthaft Immunitätsausweisen oder Schnelltests verweigern. Diese Instrumente würden es erlauben, die viel kritisierten Einschränkungen zu lockern – und sei es nur für einen Teil der Bevölkerung.

Das Gerede von der vermeintlichen Entsolidarisierung oder gar der Zweiklassengesellschaft ist in diesem Zusammenhang kein gutes Argument. Im Gegenteil, es wird die Gesellschaft weiter spalten, wenn den Bürgern eine verfügbare Möglichkeit vorenthalten wird, die Freiheitseinschränkungen zu umgehen, indem sie ihre Ungefährlichkeit für andere nachweisen. Niemandem ist allein dadurch geholfen, wenn alle gemeinsam eingesperrt sind. Geteiltes Leid ist in diesem Fall kein halbes Leid.

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Heike Haarhoff beschäftigt sich mit Gesundheitspolitik und Medizinthemen. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Kinderheim bei Paris ab 1989 Studium der Journalistik und Politikwissenschaften an den Universitäten Dortmund und Marseille, Volontariat beim Hellweger Anzeiger in Unna. Praktika bei dpa, AFP, Westfälische Rundschau, Neue Rhein Zeitung, Lyon Figaro, Radio Monte Carlo, Midi Libre. Bei der taz ab 1995 Redakteurin für Stadtentwicklung in Hamburg, 1998 Landeskorrespondentin für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern und von 1999 bis 2010 politische Reporterin. Rechercheaufenthalte in Chile (IJP) und den USA (John McCloy Fellowship), als Stipendiatin der Fazit-Stiftung neun Monate Schülerin der Fondation Journalistes en Europe (Paris). Ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis der Bundesarchitektenkammer (2001), dem Frans-Vink-Preis für Journalismus in Europa (2002) und dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse (2013). Derzeit Teilnehmerin am Journalistenkolleg "Tauchgänge in die Wissenschaft" der Robert Bosch Stiftung und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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