Globale Ungleichheit in der Pandemie: Die Coronakrise fängt erst an

Zu wenig Impfstoff und Behandlungsmöglichkeiten, kaum soziale Hilfen. Die armen Länder werden ärmer, während sich die reichen wirtschaftlich sanieren.

Angehörige tragen einen toten Körper zum Krematorium in Neu Delhi

Zwei Männer bringen den toten Körper eines Angehörigen in ein Krematorium von Neu-Delhi Foto: Amit Sharma/ap

Endlich ist ein Ende der Coronapandemie in Sicht. Was Israel, Großbritannien und die USA vormachen, dürfte bald auch den Rest Europas erfreuen: Immer mehr Menschen sind geimpft, Kontaktbeschränkungen fallen, sogar Sommerurlaube rücken in den Bereich des Möglichen, mit Impfpässen natürlich. Licht am Ende des Tunnels? Wer so denkt, leidet an Tunnelblick. Für große Teile der Welt ist die Coronakrise keineswegs vorbei. Sie fängt für viele gerade erst an. Mit neuen Mutanten, die die Pandemie am Leben halten.

Mit einer zunehmenden Überlastung von Gesundheitssystemen, die schon sonst nicht ausreichen. Mit der schleichenden Wucht des ökonomischen und sozialen Zerfalls, der sich nach einem Jahr halbwegs überbrückbarem Ausnahmezustand jetzt erst als unerträglicher und unerbittlicher Dauerzustand etabliert.

Die brennenden Coronaleichenberge Indiens und die zuhauf an Sauerstoffmangel erstickenden Kranken von Südamerika sind sichtbare Zeichen einer weitgehend unsichtbaren Krise, die mit jedem Todesfall noch mehr Familien und Gemeinschaften zerreißt und noch mehr Menschen in Armut stürzt. Schon der Beginn der Pandemie zeigte, wie mörderisch globale Ungleichheit ist: Manche Länder konnten ihre Bürger schnell und effektiv schützen, andere nicht. Das nahende Ende ist noch viel ungleicher:

Einige Privilegierte werden bald seuchenfrei sein, viele andere werden es nie. Die reichen Volkswirtschaften gesunden, die ärmeren schrumpfen. Die EU saniert sich ökonomisch nach der Coronakrise mit 750 Milliarden Euro, die USA sogar mit 1,9 Billionen – aber für Investitionen in Corona-Impfstoffe oder medizinischen Sauerstoff für die ganze Welt fehlt angeblich das Geld, und niemand hat die 400 Milliarden Euro übrig, die laut IWF die Länder niedrigen Einkommens brauchen, um nicht zu kollabieren.

Es gibt nicht nur zu wenig Impfstoff für alle. Es gibt auch für die meisten Kranken der Welt zu wenig angemessene Behandlung, und nach ihrem Tod für die meisten Hinterbliebenen zu wenig soziale Netze. Für sie fallen vielleicht mildtätige Gaben ab: Sauerstoffzylinder für Indien hier, Impfdosen für Afrika dort. Aber ein globales Gesundheitswesen, in dem die Errungenschaften der Medizin allen Menschen zur Verfügung stehen – das steht in den Sternen.

Was wird das für eine Welt sein, in der die oberen zehn Prozent der Menschheit geimpft und glücklich sind, während der Rest froh sein kann, das Jahr heil zu überstehen? Eine bessere Welt ist möglich, hieß es einst. Die Coronakrise zeigt: Eine schlechtere ist viel wahrscheinlicher.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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