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Freikirchen auf dem Hamburger Kiez: Der Geist des Herrn Schmidt
Der Wirt des Elbschlosskellers ist eine prominente Medienfigur. Daniel Schmidts im TV gefeierte Kneipe dient auch als Ort evangelikaler Verkündigung.
A m Vorabend von Helene-Fischer Konzert und Schlagermove ist es kühl. Trotzdem tummeln sich in einer unscheinbaren Seitengasse der Hamburger Reeperbahn etwa dreißig Menschen und sitzen in kleinen Grüppchen auf Parkbänken und Fenstersimsen. Für die beiden Events sind sie aus ganz Deutschland angereist. Ein Paar trägt schwarze Elbschlosskeller-Hoodies, kein Outfit, das bei klassischen Kirchgängern zu erwarten wäre.
Für Daniel Schmidt ist die kleine Gruppe möglicherweise genau deshalb besonders interessant, in der viele schon ihre Handys gezückt haben, um den Promi-Wirt zu knipsen. Gerade rechtzeitig, denn jetzt geht er mit selbstbewusstem, lässigen Gang an ihnen vorbei. Die Unterarme, Beine, der Nacken und Kopf des recht kleinen, aber breitschultrigen Mannes sind komplett tätowiert.
Wer Dokus von Sat1, Stern- oder Spiegel TV über Kiez, Obdachlosigkeit und das „wahre St. Pauli“ schaut, kennt ihn: Schmidt ist Wirt des Elbschlosskellers. Das ist die Kneipe, die dort als „härteste Absturzkneipe Deutschlands“ gefeatured wird. Mit seiner Kieztour führt er die Gäste über die Hamburger Reeperbahn. Dabei erzählt er aus seinem Leben und dem der Menschen, die diesen Ort prägen.
Schmidt schart seine Gäste um sich, und sofort geht es los: „Der Elbschlosskeller ist eine Kneipe, in die jeder hereinkommt, dort sitzt der Obdachlose neben dem Millionär, die Hausfrau neben der Prostituierten, gelebte Toleranz.“ Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung.
Einige Stopps und ein Stück Pizza später führt Schmidt seine Tour in die Beckers´s Passage. Dort erzählt er, welches Loch der Selbstmord seiner Schwester damals in seine Brust gerissen habe: Ein Loch, das er jahrelang mit Sex, Zuhälterei, Gewalt und Drogen versucht habe zu stopfen. Er habe sich im Sumpf des Kiezes, all dem Leid und Elend, dem Dreck und seiner Selbstsucht immer tiefer festgetreten.
Erst „der da oben“ habe vermocht, ihn aus der Umklammerung der Versuchung herauszulösen. Vom Dunkel ins Licht. Seitdem bestehe sein Leben aus Sport, Saft, Beten – „Beste“ sagt er mit einem sehr breiten Lachen, das wirkt, als wolle er der versammelten Mannschaft seine Zähne zeigen. Jeden Sonntag gehe er seitdem nach Barmbek zur Predigt.
Eine von über hundert Freikirchen in Hamburg
Seine Gemeinde in Barmbek-Süd ist eine von mittlerweile über hundert Freikirchen in Hamburg. Freikirchen bekommen im Gegensatz zu Volkskirchen keine Kirchensteuer und müssen sich auch nicht an das Kirchenrecht halten. Ihre Ausrichtung reicht von liberal bis fundamentalistisch.
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Die Christus-Gemeinde Barmbek-Süd (CGBS) gehört zum Mülheimer Verband evangelischer Freikirchen. Er vereint das evangelikale Spektrum deutscher Freikirchen. Seiner Leitlinie für Gemeinden ist zum Beispiel zu entnehmen: „Besonders fördern wir die Ehe zwischen Mann und Frau“. Die Bibel sei „als das Wort Gottes die verbindliche Grundlage für Glauben, Lehre und Leben“.
Der leitende Pastor der CGBS, Daniel Schnepel, hat am Martin Bucer Seminar in Hamburg seine Ausbildung zum freikirchlichen Pastor gemacht. Das weltweit agierende private Seminar, ist evangelikal, konservativ und bibeltreu und betreibt das Institut für Familien und Lebenswissenschaften. Das „forscht“ gegen Abtreibung und sammelt Nachteile anderer Familienformen als die der Kernfamilie.
Seine „freikirchliche Willenstaufe“ inszenierte Daniel Schmidt am 5. Dezember 2023 auf Instagram. Gehalten von zwei Männern, steht er in einem großen Taufbecken und wird unter ekstatischen Ausrufen des einen rücklings zu Wasser gelassen. Der tränenreiche Dritte im Becken ist ein Mann, der auch in der Politik auftaucht: Er hat 2024 den Hamburger Landesverband der Kleinstpartei „Bündnis C – Christen für Deutschland“ mitgegründet. Die setzt sich für Homeschooling ein. Das Reden vom Klimawandel kontert sie mit dem Hinweis darauf, dass „uns in der Bibel in Matthäus 24 vorausgesagt“ sei, „dass Katastrophen zunehmen“. Und für ihre Mitglieder haben „Fragen zur Abtreibung“ und „zur Gender-Ideologie“ nach eigener Darstellung „besondere Bedeutung“.
Auf dem Kiez ist es mittlerweile dunkel. Und Schmidt lotst seine Tour durch kleine, von bunten Lichtern erhellte Gassen, zwischendrin immer wieder Leute, die ihn aufgeregt nach Fotos fragen. Beim Weg durch die Davidsstraße schielt Schmidt in Richtung einiger an der Ecke stehender Frauen und warnt: „Wir betreten jetzt den Straßenstrich, lasst Euch nicht von den leichten Deerns ansprechen, eigentlich tun die aber nichts.“
Früher selbst Zuhälter, gehört Schmidt heute einer Gemeinde an, die sich aktiv gegen Sexarbeit positioniert. Auf der Website der CGBS heißt es: „In trostlosen Seitenstraßen stehen Frauen vieler Nationen, hauptsächlich aus dem osteuropäischen Raum, und verkaufen ihre Körper.“ Seit 2009 verteile ein Team regelmäßig Schokolade an die Frauen, auch Bibeln, um ihnen Mut zu machen und einen Weg zu Gott zu zeigen, schreibt die Kirche.
Die Gemeinde arbeitet außerdem mit der viel kritisierten „Mission Freedom“ zusammen. Mission Freedom ist der Meinung, Sexarbeit sei nie freiwillig und sie solle verboten werden. Sie betreibt in Hamburg das „Mission Freedom Home“, das Frauen aus der Prostitution helfen, und durch Beten und die Abkehr von weltlicher Musik von den Folgen ihrer Arbeit heilen soll, das zeigte zuletzt eine Spiegel-Recherche. Das Mission Freedom-Home Hamburg wird von der ehemaligen Gemeindeleitung der CGBS, Inga Gerckens geleitet.
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Schmidts Freikirche ist nicht die einzige ihrer Art, die sich mit heiligem Eifer um die Menschen auf der Reeperbahn kümmert. Seit mehr als hundert Jahren missioniert die Heilsarmee auf dem Kiez, bietet Essen und Obdach. Kaum zu übersehen ihr oranges Leuchtschild mit der Aufschrift „Jesus lebt“. Und auch der Kiez-Pastor Frank Hoffmann predigt mit seiner mobilen Kiez-Kirche seit ein paar Jahren regelmäßig in Stripclubs und anderen Rotlichtläden. Auch er war zuvor Pastor einer Freikirche in Mölln.
Alpha-Kurse zwischen Zapfhahn und Discokugel
Im nächtlichen Hamburg geht es jetzt von der Davidstraße weiter zur Meuterei, einer der insgesamt drei Bars von Daniel Schmidt auf dem Kiez. Die Tourgäste passen kaum in den kleinen Laden, einige gesellen sich zu den schnapsseligen Gästen auf die schummrige Tanzfläche und singen Schlager, während Schmidt und seine Crew hastig 30 Flaschenbiere in Plastikbecher umfüllen.
Ausgerechnet in diese kleine Kneipe hat Daniel Schmidt vor einiger Zeit seine Freikirchen-Gemeinde geholt. Seitdem hält der Pastor der CGBS, Philip Quast, zwischen Zapfhahn und Discokugel, sogenannte Alpha-Kurse ab. Alpha steht für den Anfang, die Pforte zum Glauben. Die Kurse sollen Ungläubigen und Kirchenskeptischen einen Weg zu Gott zeigen und sie, ganz in freikirchlicher Manier, missionieren. In lockerer Atmosphäre wird dann bei einem gemeinsamen kostenlosen Essen über Glaubensfragen sinniert, willkommen ist jede:r.
Alpha-Kurse sind wie eine Art Glaubens-Franchise, sie gibt es seit den 70er Jahren in Gemeinden auf der ganzen Welt. In Deutschland finden sie nicht nur in mehreren Orten auf der Reeperbahn, in vielen freikirchlichen Gemeinden, sondern ausgerechnet auch in Gefängnissen statt. Skeptiker sehen Missionskurse wie Alpha gerade deshalb kritisch, weil sie häufig dort angeboten werden, wo Menschen in persönlichen Krisen besonders ansprechbar sind.
Alpha-Pastor Philip Quast stand erst im Mai mit dem englischen Prediger David Bennet auf der hochtechnisierten Bühne seiner Gemeinde in Barmbek-Süd und übersetzte seine Predigt ins Deutsche. Bennet bezeichnet sich selbst als ehemals verbohrten atheistischen Schwulenaktivisten, der in der Freikirche zu Gott gefunden habe und seitdem im Zölibat lebt. Er predigt, schwul sein, sei keine Sünde, schwuler Sex sei aber nicht mit Gottes Willen vereinbar. Homosexuellen Christen sei Gottes Gnade also nur gewährt, wenn sie enthaltsam lebten. Im Übrigen sei Gottes Liebe viel größer und erfüllender als weltliche Liebe.
Nächster Stopp auf der Kierztour sind die Vereinsräume von „Wer, wenn nicht wir“. Daniel Schmidt erzählt, während der Corona-Pandemie wären Obdachlose und Randständige einfach vom Staat vergessen worden. Menschen, die er schon immer als Wirt des Elbschlosskellers unterstützt habe; durch Hilfe bei Behördengängen, ein offenes Ohr oder das Angebot, hinten im ehemaligen Flaschenlager des Elbschlosskellers zu nächtigen.
Er und ein Team aus Freiwilligen hätten den Elbschlosskeller während der Pandemie dann spontan zu einer Essens- und Kleiderausabe gemacht. Daraus ist der Verein „Wer, wenn nicht wir“ geworden, der neben einer wöchentlichen Kleider- und Essensausgabe auch kostenfreie Haarschnitte und eine gemeinsame warme Mahlzeit anbietet. Vorsitzende des Vereins ist Annikka Möller. Auch sie findet man als Leitung einer Kinderfreizeit der CGBS und unter Instagram-Posts, die die Alpha-Kurse in der Meuterei bewerben.
Ansichten der Gemeinde bleiben im Dunkeln
Schmidts wohltätige Arbeit wird oft von Journalist:innen begleitet. Welche Ansichten seine Gemeinde vertritt, bleibt dabei im Dunkeln. „Er mag es, dass es im Vergleich zu vielen Landeskirchen hier sehr locker ist“, streicht der NDR-Beitrag „Im Auftrag Gottes auf St. Pauli“ heraus, welche Vorzüge die Gemeinde Barmbek-Süd aus Schmidts Sicht so hat.
In den 30 Fernsehminuten findet sich aber kein Hinweis darauf, dass Freikirchen besonders Krisenzeiten nutzen, um Menschen mit ihren einfachen Antworten zu helfen, die komplexe Realität zu bewältigen. Hinter ihrer zugänglichen Aufmachung und mithilfe von charismatischen Gallionsfiguren machen sie meist auch Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten „schmackhaft“.
Nachdem sich die Tourgäste kurz in den Vereinsräumen umsehen dürfen, geht es weiter zum letzten Stopp im Elbschlosskeller. Auf dem Weg über den Hans-Albers-Platz zündet sich Schmidt eine Zigarette an und führt die Gruppe zielstrebig und ohne zurückzuschauen über die Reeperbahn. Etwa zehn Meter zu seiner Rechten leuchtet rot die Fußgänger-Ampel. Sein großes Nacken-Tattoo „Jesus is King“ ist so besonders gut zu sehen.
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