Freikirche in Leipzig: Unbezahlter Dienst an Gott
Die Zeal Church inszeniert sich als Kirche für Junge. Doch hinter der modernen Fassade erleben Mitglieder teils Ausbeutung und Queerfeindlichkeit.
Und dann gehen die Hände hoch, die Leute singen mit der Band, manche tanzen. Junge Menschen mit Mullets – vorne kurz, hinten lang – tummeln sich in dieser abgedunkelten Halle im Leipziger Osten, tätowierte Arme sind zu sehen, Doc Martens, manche tragen einen Ring in der Nasenscheidewand. Laute Musik erfüllt den Raum. Doch wer hier zum Beat wippt, wartet nicht auf den nächsten DJ, sondern auf den Heiligen Geist. Hier findet ein Gottesdienst statt.
Ein Café zwei Kilometer weiter südlich. „Einmal weiße Schokolade mit Zimt und ein Stück Karottenkuchen, bitte“, sagt jemand, im Hintergrund läuft „Someday“ von The Strokes. Das Café Stay hat sehr gute Onlinebewertungen, „ausgezeichnet“, „geschmackvoll eingerichtet“, heißt es da. Im Fenster aber fällt ein Riss auf. Vor wenigen Wochen haben Unbekannte ein Loch in die Scheibe geschlagen und einen halben Liter Buttersäure ins Café geschüttet. Der Geruch hängt nach Tagen noch im Raum. Es war der 24. Angriff in zwei Jahren. In einem anonymen Bekennerschreiben ist von „Queerfeindlichkeit“ und „Misogynie“ die Rede.
Café und Gottesdienst gehören zusammen. Hinter beidem steht die Zeal Church, eine Freikirche. Während die katholische Kirche und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) stetig an Mitgliedern verlieren, werden evangelikale Freikirchen wie die Zeal Church in Leipzigs Osten hierzulande immer präsenter. Schätzungen zufolge haben ihre deutschen Gemeinden mittlerweile an die 1,5 Millionen Mitglieder. Manche Freikirchen unterscheiden sich theologisch kaum von der EKD, andere lehnen Homosexualität, Scheidungen und Sex außerhalb der Ehe strikt ab, manche bezweifeln sogar die Gültigkeit der Evolutionstheorie.
Sonntage, die um 4 Uhr morgens beginnen
Acht Personen, die die Zeal Church in der Vergangenheit regelmäßig besuchten, haben mit der taz gesprochen. Sie haben nichts mit den Angriffen auf die Kirche zu tun, sagen sie. Aber sie sprechen darüber, warum die Kirche in der Kritik steht und warum sie selbst kein Teil der Zeal Church mehr sind. Um ihre Identität zu schützen, haben wir einige Personen unkenntlich gemacht. Ihre echten Namen sind der Redaktion bekannt.
Jana war Anfang 20, als sie 2018 begann, sich in die Zeal Church, damals noch Third Place Church, einzubringen. Sie kam in einer Phase der Unsicherheit zur Gemeinde: ohne klare Perspektive, mit dem Gefühl festzustecken. „Das ist in einer Lebenskrise genau das Richtige“, sagt sie heute. Erst half sie gelegentlich in der Gemeinde mit, später arbeitete sie im Café der Kirche, übernahm immer mehr Verantwortung.
Sara, ehemaliges Kirchenmitglied
Die Sonntage begannen in Janas Anfangszeit bei der Zeal Church um 4 Uhr morgens mit dem Beladen eines Transporters, danach folgten Aufbau, Technik, Gottesdienst – gegen 17 Uhr hatte Jana dann Feierabend. Dazu kamen unter der Woche noch Planungstreffen. „Alles Ehrenamt“, sagt Jana. Im Zentrum habe dabei vor allem die geistliche Dimension gestanden: „Leute sind dann sehr, sehr gute Christen, gehen die Extrameile für Gott.“
Die Freikirche professionalisierte sich in den folgenden Jahren, bezog eine neue Immobilie, in der das Bühnenequipment dauerhaft stand. Auch wenn ihre Schichten deshalb nicht mehr um 4 Uhr morgens anfingen, merkte Jana immer mehr, wie schwer es war, sich der ehrenamtlichen Arbeit bei der Zeal Church zu entziehen. „Wenn man den kleinen Finger reicht, wird irgendwann die ganze Hand genommen“, sagt sie heute.
Babysitten für das Pastorenpaar
Harald Lamprecht, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche Sachsen, sagt, diese Art von freiwilliger Arbeit sei typisch für Freikirchen wie die Zeal Church. Die Gemeindemitglieder handelten dabei primär aus einer geistlichen Motivation heraus. Sie seien überzeugt, das Reich Gottes aufzubauen und das Evangelium zu verkündigen. Gleichzeitig bergen derartige Strukturen auch immer die Gefahr, eine Grenze zur Ausbeutung zu überschreiten: Entscheidend in der Bewertung sei letzten Endes immer die Frage wie gut man aus einem solchen Ehrenamt wieder herauskomme, „ob es sozusagen einen internen Druck gibt, der da was fordert“.
Nina gestaltete die Kirche ab 2015, kurz nach ihrer Gründung, mit: Sie war zunächst in Kleingruppen aktiv und als Teil des sogenannten Worship-Teams für die Musik während der Gottesdienste zuständig. Später übernahm sie auch eine Assistenzposition für René und Deborah Wagner, die beiden leitenden Pastoren und Gründer der Zeal Church – regelmäßig gehört dazu sogar das Babysitting für die Kinder des Paares. Nina schätzt, dass sie 20 Stunden die Woche für die Gemeinde investierte – zusätzlich zu ihrer Vollzeitausbildung.
Heute sagt sie, ein solches Engagement sei zwar nicht aktiv verlangt worden, aber zumindest gewünscht. In der Kirche habe man von „Ownership“ gesprochen: Man müsse die Zeal Church wie sein eigenes Unternehmen begreifen, Verantwortung übernehmen und auch mal die Extrameile gehen. Das ging so weit, dass es Auswirkungen auf ihr soziales Leben hatte: „Dein gesamtes Umfeld ist dort. Deine gesamte Zeit wird so sehr eingenommen, dass du gar nicht mehr anders kannst.“ Eine Bezahlung oder Aufwandsentschädigung bekam Nina für ihre Tätigkeiten in der Zeal Church nie.
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In gleich mehreren Bereichen parallel arbeitete Sara, neben dem Studium, teilweise bis tief in die Nacht: „Ich hatte tausend Gespräche, in denen ich gesagt habe: Das ist zu viel.“ Auf ihre Klagen habe man ihr in der Gemeinde gesagt: „Guck bitte in dich hinein, wo kommt diese Negativität her?“ Mehrere Personen berichten, dass sie Studium oder Jobs vernachlässigt hätten – Grenzen zu ziehen, sei schwer gewesen. Überforderung sei nicht als strukturelles Problem verhandelt worden, sondern als persönliche Haltung.
„Du arbeitest nicht, du dienst Gott“
Julian war zur gleichen Zeit wie Sara in der Gemeinde aktiv. Er sagt, dass Arbeit für die Kirche als Ausdruck des Glaubens verstanden worden sei: „Alle arbeiten kostenlos, weil, du arbeitest ja nicht, sondern du dienst Gott.“
Die Zeal Church bezieht auf Anfrage Stellung. Einzelne Fälle sehr langer Einsatzzeiten seien bekannt. Die Freikirche arbeite an Abläufen und Strukturen, um solche Situationen künftig zu verhindern.
Musik, Licht, Social Media – die Außendarstellung spielt eine zentrale Rolle für die Zeal Church. Julian zum Beispiel arbeitete im Social-Media-Team und half, die visuelle Identität der Kirche im Netz aufzubauen: „Das war dieser Pinterest-Vibe – modern, divers, urban.“ Für Fotos seien gezielt Menschen ausgewählt worden, die Vielfalt symbolisieren sollten, etwa Persons of Color. „Auf den Bildern wurde etwas gespiegelt, was intern gar nicht existierte“, sagt er. Mit dem Wachstum der Gemeinde habe sich die Atmosphäre verändert. „Plötzlich war das kein Gottesdienst mehr“, sagt Julian, „es war ein Konzert.“
Der Theologe Martin Fritz, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, nennt das eine Paradoxie: ein modernes Erscheinungsbild mit traditionalistischem Gehalt. Typisch seien popkulturelle Gottesdienste, moderne Musik und jugendliche Ansprache, die auf die Gruppe junger Erwachsener in Städten zielen.
„Als ob ich atmen könnte“
Katharina kam während der Pandemie zur Zeal Church. In der Folge wollte auch sie in das Worship-Team einsteigen und den Gottesdienst auf der Bühne musikalisch mitgestalten. Daraufhin erhielt sie ein internes Dokument, das der taz vorliegt. Darin wird „sexuelle Reinheit“ als Voraussetzung für Leitungspositionen aufgeführt. Katharina sagt, ihr sei erklärt worden, das betreffe auch gleichgeschlechtliche Beziehungen – Katharina ist bisexuell. „Mir wurde gesagt, dass Menschen wie ich solche Positionen nicht übernehmen können“, sagt sie. Als sie sich später im Kindergottesdienst engagiert, habe ihr eine Pastorin erklärt, sie solle den Kindern nicht vermitteln, dass queere Identitäten normal seien. „Das war der Moment, in dem ich dachte: Das geht zu weit“, sagt Katharina.
Weltanschauungsexperte Harald Lamprecht bezeichnet dieses Phänomen als „gläserne Decke“: Wer nicht in das moralische Weltbild passe, könne bleiben, aber nicht mitgestalten. „Gottesdienst besuchen okay, Lieder mitsingen auch, aber keine Verantwortung in den Strukturen“, sagt er. Diese Begrenzung von Aufstieg und Mitbestimmung sei kein offenes Verbot, sondern eine implizite Regel. Sie werde theologisch begründet mit der Auslegung der Bibel, nach der Homosexualität als Sünde gelte.
Anna habe als Kleingruppenleiterin die Vorschriften der Kirche durchsetzen müssen. Auch ein Mitglied ihrer Kleingruppe identifizierte sich als bisexuell. Als dieses Mitglied selbst die Leitung einer Kleingruppe übernehmen wollte, musste Anna der Person mitteilen, dass sie für dieses Amt nicht geeignet sei. Daraufhin verließ die betreffende Person die Zeal Church. Ein Vorgang, der Anna bis heute nahegeht: „Das ist auf jeden Fall das Beschämendste, was ich je in meinem Leben getan habe, das zu unterstützen oder da nicht ganz klar dagegen zu sein.“
Zum Vorwurf der Queerfeindlichkeit nimmt Zeal-Church-Gründer René Wagner auf Anfrage nur indirekt Stellung: „Wir respektieren unterschiedliche Überzeugungen und persönliche Meinungen. Gleichzeitig haben wir als Kirche eine klare theologische Grundlage, Lehre und Ausrichtung. Jeder Mensch entscheidet selbst, ob er Teil unserer Kirche sein möchte oder nicht.“
Schmerzhafter Austritt
Für die Gläubigen, die Teil der Kirche bleiben, sei es laut Harald Lamprecht häufig gerade diese klare theologische Grundlage, die sie anspreche. Autoritätspersonen innerhalb solcher Freikirchen vermittelten die Botschaft: Ich weiß, was Gottes Wille ist. Das habe eine stark entlastende Funktion für die Besucher:innen der Gottesdienste, weil es helfe, sich in der Welt zurechtzufinden.
Der Austritt aus der Zeal Church war für einige der Personen, mit denen die taz für diese Recherche gesprochen hat, schmerzhaft, für viele war die Freikirche ein wichtiger Teil des Soziallebens. Dennoch bereut niemand von ihnen, der Kirche den Rücken gekehrt zu haben. Auf die Frage, wie er sich fühlte, nachdem er die Gemeinde verlassen hatte, antwortet Julian: „Als ob ich atmen könnte.“
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