Prostitution in Hamburg

In finstere Ecken gedrängt

Sexarbeit gehört seit Jahrzehnten zum Hamburger Stadtteil St. Georg. Durch Sperrbezirk und Kontaktverbot wurde die Prostitution nur geheimer.

Frauen gehen an einem Haus mit einer Leuchtreklame "Leih-Haus" vorbei

Ins Dunkelfeld abgedrängt: Prostitution in St. Georg Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Im Kalender steht nichts vom Streiten: Es ist Montag, der 25. November – und damit Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Ein Anliegen also, gegen das wenigstens öffentlich kaum mit Gegenwind zu rechnen sein dürfte. Vor dem Hamburger Rathaus wird eine Fahne der Frauenrechtlerinnen von Terre des Femmes gehisst: „Frei leben ohne Gewalt“ ist da über eine stilisierte Frauenfigur gedruckt. Der Hamburger Senat hat die Aktivistinnen eingeladen, zum Sektempfang als Dank für ihre ehrenamtliche Tätigkeit.

Doch auch unten auf dem Platz vor dem Rathaus sind Transparente zu sehen. Rund 40 Frauen, die nicht eingeladen sind, halten handbeschriebene Laken und Schilder in die Luft: „Wir sind gegen Gewalt“. Bemerkenswert ist, dass die Frauenrechtlerinnen vor und die im Rathaus nicht nur jeweils für die Rechte der Frau kämpfen, sondern zumindest heute, an diesem symbolträchtigen Montag, vor allem auch gegeneinander antreten.

Es geht um Sexarbeit, Prostitution oder Hurerei. Schon über diese Worte lässt sich lange streiten. Für Terre des Femmes und andere traditionell-feministische Gruppen gilt Sexkauf als Inbegriff von Ausbeutung und Unterdrückung der Frau, weshalb sie den diesjährigen Aktionstag der Forderung nach einem grundsätzlichen Verbot der Prostitution gewidmet haben.

Auf der Kundgebung draußen vor dem Rathaus heißt es hingegen, gerade das Verbot der Sexarbeit sei Gewalt an Frauen. Oder vielleicht noch schärfer gegen Terre des Femmes gewendet: „Sexkaufverbot ist antifeministisch“.

Fast alle Protestierenden kommen aus der Sozialarbeit: Der Verein Ragazza ist gekommen, eine Anlaufstelle für drogenabhängige Frauen und Prostituierte, einige Menschen aus der Aidshilfe – sowie von Sperrgebiet St. Georg, die unter dem Dach der Diakonie niedrigschwellige Hilfe für die meist osteuropäischen Sexarbeiterinnen des Stadtteils anbieten.

Protest der Sozialarbeiter*innen

Deren Leiterin Julia Buntenbach-Henke hat die Aktion mitorganisiert, weil sie die aktuelle politische Debatte über das Sexkaufverbot für höchst gefährlich hält. Das sei nicht nur keine Lösung des Problems, sagt sie: „Verbieten verschärft die Ausbeutung sogar noch“, weil die Frauen weiter in Unsichtbarkeit und Abhängigkeit von kriminellen Strukturen gedrängt werden.

Die Gruppe Sperrgebiet St. Georg arbeitet zwei Kilometer östlich, genau auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs. Ihre Räume liegen in einer Nebenstraße des Steindamms, gar nicht weit vom berüchtigten Hansaplatz entfernt. Von außen ist das Gebäude unscheinbar, die Fenster undurchsichtig, um die Frauen zu schützen, die hier Hilfe suchen.

„Wir vermitteln rechtliche Beratung und haben auch regelmäßig eine Ärztin hier“, sagt Buntenbach-Henke. Besonders beliebt sei auch die Friseurin. „Und Kondome, immer wieder Kondome.“ Zurzeit stapeln sich in den Büroräumen und im Keller noch Kartons voller gespendeter Winterjacken. Das Klientel der Gruppe setzt sich vor allem aus Frauen aus der Armutsprostitution und vom Straßenstrich zusammen. Wo es schlichtweg an allem mangelt.

Dass die Freier, die trotz Kontaktverbot zum Hansaplatz kommen, aus immer härteren Milieus stammen, kann hier in den umliegenden Bars und Geschäften jede*r bestätigen

Dass es in St. Georg seit Jahrzehnten Sex zu kaufen gibt, weiß in Hamburg jede*r. Obwohl hier – anders als auf der Reeperbahn – niemand auf die Idee käme, Prostitution als Touristenspektakel mit dem fragwürdigen Charme des durchgeknallten Stadtmarketings zu inszenieren. In St. Georg geben Voyeurismus und Angstlust den Ton an: „Straße des Schreckens“ stand mal in der Hamburger Morgenpost, die Bild vermutete hier schon den „Vorhof zur Hölle“.

Tatsächlich muss man in St. Georg nicht lange nach Sexarbeiterinnen suchen, mit ihnen aber über ihre Lebensumstände oder Arbeitsbedingungen zu sprechen, ist erst mal nahezu unmöglich. Die meisten kommen aus Bulgarien, aus Rumänien oder Polen. Seit ein paar Jahren versuchen auch viele Geflüchtete, hier irgendwie unterzukommen. Und sie alle sind es gewohnt, dass längst nicht nur Freier nach ihnen suchen, sondern auch ganze Heerscharen von Gangstern, Polizisten und Missionaren.

St. Georg ist jedoch nicht nur für seinen Drogenstrich berüchtigt, sondern auch für fragliche staatliche Regulierungsversuche. Seit 1980 ist hier Sperrbezirk, auch wenn es gut 20 Jahre dauert, bis die Behörden tatsächlich offensiv werden. Höhepunkt der Maßnahmen ist das Kontaktverbot, welches bereits Anbahnversuche von Freiern und Sexarbeiterinnen unter Strafe stellt.

Das Ergebnis: Prostitution wurde ein bisschen geheimer – und zog sich in immer finstere Ecken zurück. Das ist ein Problem für die Frauen selbst, aber auch für jene, die ihnen helfen wollen. Buntenbach-Henke berichtet von „Kolleginnen, die nun wirklich nicht empfindlich sind, und die sagen: Da gehen wir abends nicht mehr hin.“ Das gilt auch für die Gegenseite: Dass die Freier, die trotz Kontaktverbot zum Hansaplatz kommen, aus immer härteren Milieus stammen, kann hier in den umliegenden Bars und Geschäften jede*r bestätigen.

Die Prostitutionsgesetze von 2002 und 2017 haben sicher zu dieser Verschattung des Geschäfts beigetragen, obwohl sie das Gegenteil im Sinn hatten. Das seit zweieinhalb Jahren gültige Prostituiertenschutzgesetz ist ja auf dem Papier ein Legalisierungsprogramm: Sexarbeiterinnen sollen sich anmelden, krankenversichern, sich beraten lassen und Steuern zahlen. Nur ist das alles für Frauen in St. Georg, die oft kaum Deutsch sprechen, die manchmal überhaupt nicht lesen können, eine ziemlich undurchsichtige Angelegenheit.

Und im Zweifel ist die Seite der Ausbeuter besser aufgestellt: Kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes tauchen von Steindamm bis zum Kiez dubiose Versicherungsmakler und vermeintliche Anwälte auf. Eine Frau habe 1.500 Euro für eine vermeintlich notwendige „Steuerberatung“ zusammengekratzt, ist zu hören.

In der Herbertstraßeauf St. Pauli werden europäische „Krankenversicherungen“ vertickt, die in Deutschland nichts abdecken. Die Zuhälter setzen „Serviceverträge“ auf, die der Arbeit etwa in Modellwohnungen einen rechtlichen Rahmen geben, der in der Regel nicht zu Gunsten der Frauen ausfällt. Da ist dann immer wieder von Kosten „in angemessener Höhe“ die Rede, einer hebt unter Paragraf 5 mit einem Nebensatz das Briefgeheimnis der Sexarbeiterin auf.

Dennoch: „Das Schutzgesetz ist nicht nur schlecht und bietet in der Evaluation auch Chancen“, sagt Julia Buntenbach-Henke. „Wir sehen nur immer noch, wie wenig die Frauen überhaupt von den Regelungen wissen. Und wie viel Verunsicherung das mit sich bringt.“

Abwanderung ins Internet

Die Ablehnung pauschaler Verbote fußt bei den Sozialarbeiterinnen in St. Georg jedenfalls auch auf solchen Erfahrungen. Sexarbeit hat durch die bisherigen Regularien nicht abgenommen, sich sehr wohl aber weiter verelendet. Nur Frauen, die unter extremer Mehrfachdiskriminierung leiden, arbeiten hier heute noch offen sichtbar.

Und sie werden immer älter, weil sich die jüngste Generation zunehmend über das Internet organisiert. Sperrgebiet St. Georg war ursprünglich als Teil der Jugendhilfe angetreten und hat sein Angebot aber stückchenweise immer weiter gefasst. „Es sind inzwischen auch 60-Jährige dabei“, sagt Buntenbach-Henke. Unter welchen Bedingungen der Nachwuchs arbeitet, ist auch für professionelle Betreuungsstrukturen heute immer weniger ersichtlich.

Wer sich eine Weile auf dem Hamburger Steindamm umsieht, wird jedenfalls verstehen, warum manche die Prostitution am liebsten schlagartig abschaffen würden – und Ausstiegsprogramme fordern statt kleinteilige Unterstützung. Auch Sperrgebiet St. Georg hat so ein Projekt im Angebot. Wer aussteigen will, bekommt hier Hilfe. Dass das eher selten passiert, dürfte auch daran liegen, dass ihnen die Welt jenseits des Strichs nicht gerade offensteht. Ohne feste Wohnung kein Job und ohne Job keine Wohnung: Das ist der Teufelskreis der Deklassierten, der Obdachlosen und vieler Geflüchteter.

Verschärfter Ton

Oft ist schon das Konto nicht zu kriegen, ohne das man mit dem Ausstieg gar nicht erst anzufangen braucht. Es sei nicht zwar unmöglich, sagt die Sperrgebiet-Leiterin Buntenbach-Henke, aber eben außerordentlich schwierig. Echte Ausstiegsprogramme seien darum nur sinnvoll, „wenn sie auch mit realistischen Mitteln ausgestattet sind“.

Dazu kommt eine kulturelle Barriere, die sich allein in juristischen Kategorien kaum verstehen lässt. Sexarbeit sei immer in der Schmuddelecke gewesen, sagen die Sperrgebiet-Mitarbeiterinnen, weshalb ihre Projekte immer bei der Entstigmatisierung des Berufs ansetzen. Nur gilt hier: „Ein Verbot würde genau das Gegenteil bedeuten.“

In der politischen Debatte verschärft sich derweil der Ton, seit die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier (SPD) im Sommer einen Arbeitskreis zur Prostitution gegründet hat, der inzwischen fraktionsübergreifend besetzt ist. Die Kräfteverhältnisse sind nach wie vor nicht entschieden. Klar ist aber, dass die Verbotsforderung von Terre des Femmes nicht im luftleeren Raum stattfindet.

Grundverschiedene Vorstellungen von Feminismus

Hier prallen grundverschiedene Vorstellungen auch darüber aufeinander, was Feminismus bedeuten kann. Sperrgebiet-Mitarbeiterin Ines Berding betont, dass die Illegalisierung nicht nur die Sexarbeit selbst betreffe, „sondern auch grundsätzlich das Recht von Frauen, über ihre Körper zu entscheiden“. Die Argumente der Verbotsbefürworter seien pure Fremdbestimmung und erklärten die Sexarbeiterinnen zu unmündigen Opfern.

Auch wenn alle Seiten immer wieder von Zahlen sprechen, die wahlweise ein Scheitern oder einen Erfolg des Nordischen Modells belegen sollen, nach dem sich der Freier strafbar macht, nicht die Sexarbeiterin, läuft es immer wieder darauf hinaus, dass sich hier Moral und Pragmatik anein­ander reiben. „Wie kann so etwas erlaubt sein?“, fragen die einen. „Welchen Schaden bedeutet ein Verbot für bestehende Hilfsstrukturen und für die Frauen selbst?“, wollen die anderen wissen.

Unwahrscheinlich ist, dass sich beides zusammendenken lässt. Umso wichtiger wird sein, wohin das politische Pendel in Berlin in den kommenden Wochen und Monaten ausschlagen wird. Und in St. Georg werden bis dahin erst einmal weiter die Winterjacken verteilt.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben