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Folgen des KlimawandelsVierfache Gefahr

Nick Reimer

Kommentar von

Nick Reimer

Der Klimawandel zerstört Flächen. Diese werden so eine Gefahr für sich selbst – damit erhöht sich die Gefahr für Waldbrände und Überschwemmungen erneut.

Ist ein Jahrhundert-Hochwasser noch Jahrhundert-Hochwasser, wenn es alle paar Jahre kommt? Foto: Thomas Frey/dpa

H Q100 ist ein Begriff aus der Ingenieurssprache, er beschreibt das höchste Hochwasser, das statistisch einmal in einhundert Jahren auftreten kann. Für die Ingenieure geht es bei HQ100 aber nicht um Statistik, sondern um Sicherheit: Der Wert dient als Berechnungsgrundlage für ihre Bauwerke. Brücken, Deiche, Rückhaltebecken, ja die gesamte Bausubstanz in einem Tal müssen diesem Wert HQ100 standhalten. Steigt die Flut über den Wert, ist die Brücke nicht zu retten. Weil die Wahrscheinlichkeit dafür aber im Prozentbereich liegt, wird der Verlust in Kauf genommen: Mehr Sicherheit würde mehr kosten.

Das war früher vor dem Klimawandel so. Eine wärmere Atmosphäre kann nach der Gleichung von Clausius-Clapeyron mehr Wasser speichern. Das hat zur Folge, dass Fluten intensiver und häufiger werden. HQ100 könnte in Zukunft alle zehn Jahre eintreten, entsprechend müsste die Sicherheit um den Faktor zehn angehoben werden, was die Kosten mindestens verzehnfacht.

Gern und intensiv wird über Anpassung an die Klimaerhitzung geredet. Das soll uns wohl ein positives Gefühl vermitteln: Wenn wir das Problem schon nicht mehr aufhalten, werden wir uns aber doch schon irgendwie mit den Folgen arrangieren können. Eine Studie zu den Waldbränden zeigt nun, wie trügerisch dieses Gefühl ist: Demnach hat die Häufigkeit schwerer wirtschaftlicher Katastrophen durch Flächenbrände seit 1980 um das 4,4-Fache zugenommen. Um sich daran anzupassen, müssten die Feuerwehrkapazitäten vervierfacht werden.

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Was vielleicht noch möglich wäre. Allerdings sind die Feuer selbst zum Treiber der Klimakrise geworden, 2023 brannten weltweit etwa 26 Millionen Hektar Wald – eine Fläche etwa so groß wie Großbritannien. Dadurch wurden 8,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt, was fünfzehn Mal so viel ist, wie die Bundesrepublik jährlich emittiert. Statt jetzt aber Klimaschutz endlich ernst zu nehmen, versucht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit ihrem „Netzpaket“ den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen. Vermutlich will sie uns weismachen, wir könnten uns an die Folgen anpassen.

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Nick Reimer
Seit 1998 bei der taz (mit Unterbrechungen), zunächst als Korrespondent in Dresden, dann als Wirtschaftsredakteur mit Schwerpunkt Energie, Klima und Landwirtschaft, heute Autor im Zukunftsressort.
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11 Kommentare

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  • Die Behörden sind nicht untätig, im Netz gibt's dazu interessante Informationen, viele mit Karten u. Bildern sehr anschaulich gemacht.



    www.bbk.bund.de/Sh...ublicationFile&v=2



    Abhilfe Schwammstadt?



    b. n-tv.de:



    "Warum solche Projekte wie in Leipzig notwendig sind, zeigen Erfahrungen aus anderen Städten. In New York starben erst vor einigen Wochen über 40 Menschen bei extremen Starkregen während des Hurrikans Ida. Der massenhafte Niederschlag war für die Kanalisation zu viel, die Stadt stand unter Wasser, dessen Alternativwege waren durch Asphalt oder Beton versperrt. Auch in Westeuropa werden solche Starkregen-Ereignisse zunehmend zum Problem, wie eine Studie der "World Weather Attribution" zeigt. Der Klimawandel erhöht demzufolge die Wahrscheinlichkeit für Starkregen um das 1,2- bis 9-Fache. Die Intensität der Niederschläge stieg um 3 bis 19 Prozent. Abwassersysteme kommen da an ihre Grenzen.



    Eine Regenwasseragentur für Berlin



    Bereits vor der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in diesem Sommer warnte der Umweltbundesamt-Chef, dass jetzt gehandelt..."



    Bedarfe!

  • Ich lese nirgends was davon, wie die „zerstörten“ Flächen für sich selbst zum Problem werden.



    Zerstörung bedeutet Neuanfang. Davon lebt die Erde. Zerstörung ist also ein Urprinzip. Wir jammern jetzt, weil diese Zerstörungen uns viel kostet. Für die Natur geht alles seinen Lauf. Und das war immer so. Das Klima ändert sich und alles - Flora und Fauna - sind in mächtiger Aufruhr und in Veränderung, passen sich an. Nur wir stehen blöd da und checken nichts. Weil wir immer an irgendwas festhalten, was nicht festzuhalten ist.

    • @Marc Seeger:

      "2023 brannten weltweit etwa 26 Millionen Hektar Wald ...Dadurch wurden 8,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt"



      .



      Das ist ein gigantischer % Anteil, selbst an den globalen Emissionen gemessen. DAS ist was der Autor meinte.



      .



      Und NEIN die Natur passt sich nicht an, viele Arten sterben aus.Die Natur erholt sich dann im Anschluss wieder, nach ein paar Millionen Jahren. An den Einschlag eines Meteoriten oder den Ausbruch eines Supervulkane kann man sich nicht "anpassen". Man kann es nur überleben und danach wieder erholen. Die Menschen sind der aktuelle Meteorit.



      .



      In den letzten rund 500 Millionen Jahren gab es keine so schnelle Veränderung der Temperatur.



      .



      Und das "passiert" nicht, sondern wir verursachen das.

    • @Marc Seeger:

      Genau! Deshalb lassen wir alles laufen wie es läuft, war ja schon immer so. Und ja, aus Zerstörtem KANN etwas Neues werden muss aber nicht zwangsläufig. Wenn Deine Kinder "zerstört" werden, Deine Lebensgrundlagen - alles kein Problem. Es kommen neue Kinder und als Lebensgrundlage nehme ich eben eine nicht atembare Luft, Wüstenflächen als Schrebergarten --- und statt Hirn nehme ich Plattitüden....

  • Wenn die gesamte Bausubstanz dem HQ100 standhalten muß, dann muß sie standhalten, wenn es 1 mal in 100 Jahren auftritt, und sie muß standhalten, wenn es 10 mal in 100 Jahren auftritt, denn sie ist dafür ausgelegt, HQ100 standzuhalten.*



    Entscheidend für die nunmehr nötige höhere Sicherheit ist die Frage, wie häufig und wie stark HQ100 überschritten wird, also eigentlich, was das neu zu definierende, dem zu erwartenden neuen Klima angepaßte HQ100 sein muß.



    Somit sagt das 10 mal häufigere Eintreten des bisher als HQ100 definierten Hochwassers nichts über die Höhe des für das HQ100 neuer Definition erforderlichen Aufwands aus.

    *vereinfachte Darstellung, denn natürlich kann eine Abfolge von Hochwassern, die bei einmaligem Auftreten keine wesentlichen Schäden verursachen würden, bei häufigerem Auftreten sehr wohl die Substanz angreifen. Meine Kritik richtet sich gegen die Zahlenmagie, die hier betrieben wird.

    • @Evi Holtendorp:

      HQ 100 tritt nicht nur häufiger auf, sondern ist auch deutlich heftiger.



      .



      Was das neue korrekte HQ 100 ist lässt sich nicht wirklich ermitteln, wir wissen ja nicht einmal sicher welches Klima wir 2050 oder 2100 haben werden. Und davon hängt das ja maßgeblich ab.



      .



      Ein Wasserdamm soll im Idealfall ja mehrere hundert Jahre im Betrieb sei.

  • Die Preisentwicklung der letzten Jahre für Versicherungen von Immobilien und Fahrzeugen ist sehr interessant.

  • Leider ein häufiges Unions-Rezept: Nicht investieren, sondern Steuern für die schwerreichen Großerben senken. Die einen Splitter davon zurückspenden oder sonstwie ein Leckerli geben.

    Wir haben doch gerade vielleicht irgendein Fasten-Vorhaben. Wie wär's mit selbst etwas mehr klimaschützen und die Klimaferkel nicht mehr wählen?

  • Zerstört der Klimawandel Flächen, oder sind wir Menschen es, die Flächen zerstört und damit den Klimawandel provoziert haben…?! Nur 5% der Landfläche (ohne Arktis) gelten heute als noch unbeeinflusst von unserer Zivilisation.

    • @EDL:

      "Zivilisation - Gesamtheit der durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt geschaffenen und VERBESSERTEN!!!! sozialen und materiellen Lebensbedingen." (erstes Angebot einer Erklärung in meinem elektrischen Schlauberger)



      Für eine Minderheit mag das zutreffen, der Rest sollte sich nach einem neuen Ausdruck für die Zerstörung der Umwelt und Natur umsehen.

      • @Erfahrungssammler:

        Gute Idee!!!