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Erster Mai ohne DemoVor den Barrikaden

Unser Kolumnist geht nur noch selten auf Demos. Sein Unbehagen an der Sache versteht er besser, seit neulich umgekehrt mal gegen ihn demonstriert wurde.

Sehr wahrscheinlich nicht im Bild: unser Autor Foto: Andreas Rabenstein/dpa

W ann ich zuletzt auf einer 1.-Mai-Demo war, weiß ich nicht mehr. Vor 15 Jahren? Oder mehr? Mit meinem Wegzug aus der Stadt hat das jedenfalls nichts zu tun – das Spektakel war mir schon aus dem Blick geraten, als es noch um die Ecke war.

Vielleicht braucht es jetzt schon den Disclaimer: Ich habe nichts gegen Revolten und finde auch den Gedanken sympathisch, wenigstens ein Mal im Jahr in die Offensive zu gehen, statt sich ständig in immer schmerzhafteren Rückzugsgefechten zu verausgaben. Ich glaube nur nicht mehr daran.

Und für den Blick heute spielt die Frage von Stadt und Land schon eine Rolle: In der Stadt ist immer jemand auf der Straße. Wenn ich unerwartet reinstolpere – wie neulich in eine kämpferische Demo gegen die jüngsten Angriffe auf Rojava –, dann stelle ich mich schon mal dazu oder laufe ein paar Meter mit. Nicht weil ich glaube, dass hier was zu holen wäre, sondern eher aus Solidarität mit denen, die es ernst meinen. Und die werden mir sonderbar fremd, seit sie nicht mehr nebenan wohnen.

Dass ich an Demos denke, hat übrigens gar nicht so viel mit dem Datum zu tun, sondern damit, dass vor knapp zwei Wochen gegen mich demonstriert wurde. Oder, etwas weniger dramatisch, gegen das Roadburn-Festival, seine paar Tausend Be­su­che­r:in­nen und am Rande eben auch gegen mich.

Der Protest war klein, aber laut. Ich war allein unterwegs zwischen zwei Konzertlocations in der Innenstadt von Tilburg und hörte wüstes Geschrei um die Ecke, eher wie eine Schlägerei als eine Kundgebung, und weil die Aggression doch sehr einseitig klang, bin ich schnell hin … und dann steht da ein winziges Grüppchen Vollidioten und schreit was über den Teufel. Auf ihren Pappschildern stand „Fear God“ und „Trust Jesus“, umzingelt von roten Flammen. Der Redner hatte das Konzert als „Fest of the Devil“ identifiziert und brüllte nun am Rande der Heiserkeit um unser Seelenheil. Interessiert hat das kaum jemanden. Ein paar Gestalten in schwarzen Bandshirts standen grinsend in der Nähe, machten Fotos und Witze und aßen tiefenentspannt ihre Pommes.

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Ich fand’s weniger lustig, obwohl das surreale Moment schon irgendwie faszinierend war – so auf dem Weg zwischen wüst verzerrtem Free-Jazz-Gefrickel und einer weirden Avantgardefolknummer plötzlich als Satanist markiert zu werden. Aber dieses Bild von sich heroisch gerierenden Einzelkämpfern gegen die Mächte des Bösen kam mir doch unangenehm bekannt vor. Nur eben von der anderen Seite der Barrikade. Wahrscheinlich geht es Nazis gar nicht so anders, wenn sie da dumm grinsend unsere Gegendemos fotografieren und einem ihr „Komm ran!“ entgegenrufen.

Ein Lehrstück für andere ist das nicht. Denn natürlich geht es am Ende des Tages um die Inhalte. Ein Nazi ist ein Nazi und ein Free-Jazz-Konzertbesucher ein Free-Jazz-Konzertbesucher. Trotzdem fange ich an, die Beklemmung besser zu verstehen, die mich schon sehr lange umtreibt. Jetzt, wo das Unbehagen ein Gesicht hat: das von einem christlich-fundamentalistischen Schreihals mit blauer Schirmmütze und Schaum vor dem Mund.

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Redakteur und CvD
Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.
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10 Kommentare

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  • Ich möchte etwas entgegnen.



    Erstens, das Bedrohungspotential ist nicht zu vergleichen. Die christlichen Fundis hier sind weder gesellschaftlich akzeptiert noch in irgendeiner Form Gewaltbereit. Doch wenn eine 5000 Mann starke Demo durch einen Nazi Kiez zieht, dann muss das anders wirken. Ja überzeugen wird es sie nicht, aber ein gewisser Einschüchterungseffekt ist doch da. Und das ist ja unter anderem der Zweck von einigen Demos. Wenn denn die Extremposition so groß ist, dann würde ich mich als Nazi nicht drauf verlassen, dass das alles Ausreißer sind. Und dann kann man nicht mehr so selbstbewusst auftreten, und damit ist der Menschheit schon ein kleiner Dienst getan.



    Zweitens, selbst ohne Bedrohungspotential geht es ja auch oft nicht um die Nazis selber. Wenn da jemand ideologisch gefestigt ist, dann wird da sehr wenig was bringen. Aber die unsicheren, die nur Sympathien pflegen, und die, die nur von der Seite aus zuschauen. Für die macht es, so glaube ich, eine Unterschied, ob man eine Demo gegen die Nazis sieht oder nicht. Menschen sind feige, wir alle sind das, und manchmal muss man ein Zeichen gegen etwas sehen.

  • "Denn natürlich geht es am Ende des Tages um die Inhalte. Ein Nazi ist ein Nazi und ein Free-Jazz-Konzertbesucher ein Free-Jazz-Konzertbesucher"



    Und wer legt das fest? Ganz genau - Die Gegenseite!



    Und dann ist es, wenn man sagt



    "Hey, ich bin kein Satanist, ich mag nur Musik"



    genauso egal wie wenn man sagt



    "Hey, ich bin kein Nazi, ich habe nur Vorbehalte gegen eine Corona-Impfung"



    oder



    "Hey, ich bin kein Ungläubiger, ich glaube nur an einen anderen Gott".



    Feindbilder vereinen, und da möchte niemand so genau wissen, wie eine differenzierte und anstrengende Betrachtung aussehen könnte.



    Von daher sorry Herr Koopmann: Wenn Sie in deren Augen ein Satanist sind, dann sind Sie in deren Augen ein Satanist. Und in deren Augen sind dann auch alle damit verbundenen "notwendigen" Handlungen gegen Sie legitimiert.



    So einfach (und erschreckend) funktioniert das.

  • Ich habe allgemein den Eindruck, dass Demos mehr und mehr zu einem Ventil verkommen, die Wut, Verachtung und Hass gegen jeweils andere rauszulassen. Gefühlt geht es seltener darum, für eigene Anliegen zu werben, als die der anderen zu verteufeln. Insbesondere auf der linken Seite hat man das meines Empfindens nach früher besser hinbekommen.

  • Ich verstehe, wenn Sie keine Lust auf Krawall haben, und seien es nur irgendwelche Trillerpfeifen, die die Gewerkschaften verteilt haben. Aber Sie messen dem christlichen Spinner zu viel Bedeutung bei, und verwenden ihn als Entschuldigung für Ihre persönliche Bequemlichkeit.

    Vielleicht sind Sie einfach nur ein zufriedener unpolitischer Mensch, auch das ist in Ordnung. Wenn nein, könnten Sie sich wenigstens an der Ideenfindung für wirksame politische Proteste beteiligen.

  • Schaum vorm Mund



    ist kein gutes Zeichen.



    Da ist relativ egal, wofür man*frau steht.



    Ich habe diese Wandlung von Menschen, z.T. auch Bekannten, auf Demos miterlebt.



    Wenn es plötzlich aggressiv wird...



    Da zeigt sich- meiner Anschauung nach, wer Gruppendruck widerstehen kann und wer "Mitläufer" ist.



    Wer der Gewalt freien Lauf lässt, hat die Grenzen einer Idee von Gesellschaft übertreten, in der ich noch leben möchte.



    Klar, dass das häufig Rechte sind, aber eben leider auch Linke.



    Für Gewalttätigkeiten habe ich kein Verständnis, es ist weder in Beziehungen entschuldbar, noch im Zusammenleben größerer Gemeinschaften.



    Um deutlich zu werden:



    wer Polizist*Innen oder Rettungskräfte angreift,



    hat bei der Kriegsdienstverweigerung wahrscheinlich geschwindelt...

  • Die Logik leuchtet mir wenig ein. Ja, klar, auch ein Björn Höcke ist ein Idealist. Das ändert doch nichts am Inhalt. Und wenn er eine Rede im Parlament hält, finde ich doch deswegen das Medium der parlamentarischen Rede nicht plötzlich bedenklich? Diese formalistischen Betrachtungen verdecken doch nur, worum es geht, nämlich um den Inhalt. Soviel Mut zur Bekenntnis sollte dann schon sein.

  • Schön! Der Kommentar näher sich dem, was wir irgendwann unausweichlich begreifen werden müssen. Die andere Seite denkt genauso wie wir und unsere Verbündet*Innen das Richtige zu tun. Da sind wir die Feindbilder, die die endlich mal aus ihrer unaufgeklärten Blase rauskommen müssen, „die, mit denen man ja eh nicht mehr reden könne“.



    Wenn wir uns mal auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren, dann werden wir so vieles finden. Ob Links- oder Rechtwähler*Innen, es geht um Dinge wie Ungerechtigkeit, das Gefühl alleine gelassen zu werden und als Mensch nicht mehr in Ordnung zu sein. Ich möchte nicht mit Höcke und Weidel marschieren, auch nicht mit Söder und Merz. Aber mit ihren Wähler*Innen gehe ich FÜR etwas auf die Straße. Und dieses gemeinsame FÜR müssen wir versuchen mal wieder zu finden!



    Weil am Ende werden wir (fast) alle vom Kapitalismus gefi***. Dafür gehe ich mit vielen Menschen demonstrieren.



    Frohen Tag der Arbeit, liebe Menschen

    • @Angst Hase:

      "Ob Links- oder Rechtwähler*Innen, es geht um Dinge wie Ungerechtigkeit, das Gefühl alleine gelassen zu werden und als Mensch nicht mehr in Ordnung zu sein."



      Durch KI und 'deep learning', Chatterbots und Robotik4.0 werden wir noch ganz andere Konfliktlinien aufmachen oder aufgezeigt bekommen:



      Bei bluewin.ch



      "Die Kampagne «QuitGPT» ruft weltweit zum Ausstieg aus ChatGPT auf – und trifft einen Nerv. Der KI-Konzern gerät wegen politischen Verflechtungen zu Donald Trump unter Druck."

    • @Angst Hase:

      Guter Aspekt! Wenn ich aktuell die Plakate zur Verteidigung der Demokratie sehe, die u. a. Erhalt der Meinungsfreiheit fordern, muss ich auch daran denken, dass genau dasselbe von Seiten der Corona- und Klimakrisenleugnern gefordert wird, die sich wohl subjektiv wohl sogar im Recht fühlen. It's a strange world...

      • @PeterArt:

        Aber es geht nicht um



        subjekive Sichtweisen sondern um objektive Fakten. Und meines Erachtens ist es eher das Problem, dass viele Meinungen und Fakten gleichgestellt betrachten und auch nicht bereit oder willens sind, ggf ihre Meinung auf Grund von Fakten zu revidieren.