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Einfluss auf kreative ArbeitWas durch KI verloren geht

Der Einsatz moderner Techniktools und künstlicher Intelligenz schreitet voran. Darüber vergessen wir, was früher tatsächlich mal besser war – ohne KI.

S elten führen Bücher unmittelbar zur Verhaltensänderung, aber neulich ist mir das passiert. Während der Lektüre von Sarah O’Connors Buch „We are not machines. The Fight for the Future of Work“ habe ich mein Spotify-Abo gekündigt. Um eine Ahnung von den Auswirkungen der Digitalisierung und der KI-Revolution zu bekommen, hatte die Reporterin der Financial Times einen Streifzug durch die Niederungen von Warenlagern, Bergwerken, Fernlastlogistikern, Anwaltskanzleien und Pflegeheimen unternommen.

„Mein Notizbuch füllte sich mit Geschichten von Menschen, die nicht von Maschinen befreit wurden, sondern in Maschinensysteme gezwängt werden, die ihnen den Takt vorgeben und in denen wichtige Eigenschaften wie Fairness, Intelligenz, ja Menschlichkeit von Maschinen umdefiniert werden. Die neue Frage war: Wir glauben, dass wir die Arbeit automatisieren, aber was wäre, wenn wir stattdessen uns selbst automatisieren?“

Die Frage ist nicht neu, und auch die Gegenwartsbefunde sind bekannt: über den neuen Stress in den Lagerhäusern von Amazon, die rasant wachsende Zahl der Klausurarbeiten, Geschäftsbriefe, Gerichtsurteile, die automatisch „generiert“ werden. Über den gut erforschten Verlust an Ausdrucksfähigkeit, der damit einhergeht, über die Selbstverständlichkeit, mit der der Einsatz von Robotern in der Pflege als unvermeidlicher Ausweg aus der Finanzierungskrise propagiert wird – statt dass uns ein millionenfaches Entsetzen darüber befällt, dass so etwas in reichen Gesellschaften möglich geworden ist. Über den Einzug der KI in Hollywood und bei Texten und Melodien vieler der Songs in den Streamingdiensten.

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„Werden wir überhaupt noch merken, was wir verloren haben?“, fragt O’Connor. Sie ist sich unschlüssig, bis sie zufällig einen Selbstversuch macht. Sie legt eine CD in ihren alten CD-Spieler und ist „perplex über die Fülle des Klangs“. Diese Empfindung war nicht nostalgisch: „CDs haben eine Bitrate von 1.411 Kilobits pro Sekunde … Wer gratis Spotify hört, kriegt nur 160 Kilobits pro Sekunde limitiert. Was mich wirklich beunruhigte, ich hatte den Handel, den ich eingegangen war, nicht bemerkt: Ich hatte einfach vergessen, um wie viel besser Musik geklungen hatte.“

Das Gegenteil der rosaroten Brille

Für dieses Vergessen, schreibt sie, müsse es eigentlich einen Begriff geben, wie für eine neue Krankheit. „Wenn jemand sagt, etwas war früher besser, obwohl es das nicht war, nennen wir es: die Vergangenheit durch eine rosarote Brille sehen; hier geht es um das Gegenteil: Wir haben vergessen, dass es früher besser war, obwohl es wirklich besser war.“ Wir verklären die mangelhafte Gegenwart – und wissen es nicht, weil wir uns nicht mehr erinnern können. Der Neologismus, den sie dafür erfand: Qualitynesia, Qualitätsvergessenheit. Doch der Begriff habe sich leider nicht durchgesetzt.

Natürlich gibt es „die guten Dinge“ und die Qualitätsarbeit noch in Nischen des Massenmarktes: „Wahrscheinlich gehen Bücher, Musik, TV und Filme denselben Weg (wie Textilien); maschinell hergestellter Content für die Massen, menschengemachte Alternativen für diejenige, die es sich leisten können.“ Geschmack ist eben auch eine Klassenfrage. O’Connor hütet sich vor Spekulationen und spekulativen Forderungen, richtet ihr Augenmerk auf Menschen, die widerstehen: Gewerkschafter, digitale Aussteiger, Ingenieure, Unternehmer, die an einer menschenverträglichen KI arbeiten.

Die Frage, was die KI alles noch können werde, sei die falsche Frage. Die richtige laute: Wie und wozu wollen wir die Digitalisierung anwenden? Und wo nicht. „Die Zukunft der Arbeit könnte den menschlichen Geist anspruchsvoller beschäftigen, den menschlichen Körper achtsamer behandeln und die menschliche Seele stärker erfüllen. Aber das geht nicht ohne Kampf.“

So endet das Buch. Auf der anderen Seite des Atlantiks lehnt sich in diesen Tagen der US-Senator Bernie Sanders gegen eine andere Amnesie auf: Geschichts- und Machtvergessenheit. Temperamentvoll erinnert er daran, dass das Wissen, die Erfahrungen und die konstruktive Macht, die in den Computersystemen steckt, auf der Arbeit der gesamten Gattungsgeschichte ruht.

Kerle, die immer reicher werden

Angesichts der Enteignung dieses Gattungswissens durch „Kerle, die nichts anderes im Sinn haben als immer reicher und mächtiger zu werden“, vermisst der demokratische Sozialist einen Sinn für Dringlichkeit bei seinen Politikerkollegen. Man solle doch annehmen, wütet er, dass angesichts einer Technologie, die ausnahmslos jeden Bereich des Lebens verändern und die Spaltung zwischen Massen und Elite, Armen und Reichen dramatisch vertiefen werde, zumindest Diskussionsbedarf bestünde.

Stattdessen: Befassungsverweigerung aus Angst vor dem Großen Geld, Unwissenheit und Ohnmacht. „Okay, also was tun wir jetzt?, fragt der 84-jährige Senator aus Vermont. Und er fordert: „Erstens ein Moratorium, bis wir Regeln haben, die die normalen Menschen schützen. Zweitens schlagen wir einen Staatsfonds vor, der 50 Prozent der Anteile an diesen Industrien hält.“ Um die Entwicklung steuern zu können und ein würdiges Sozialsystem zu finanzieren. Und noch eine Amnesie nimmt Sanders aufs Korn, erinnert anhand der amerikanischen Geschichte daran, dass kein Fortschritt der Freiheit je ohne beherztes Handeln in die Welt kam.

Sanders hat nun seinen Antrag für den Staatsfonds im Senat eingebracht. Die Forderung scheint so populär zu sein, dass der KI-Populist Sam Altman dem Staat schon präventiv und freiwillig 5 Prozent anbietet. Auch wenn solche Initiativen angesichts der realen Machverhältnisse zunächst nur symbolisch sind: Die Forderungen allein öffnen den Raum für Diskussionen und weitere Aktionen. Im Bundestag haben wir dergleichen noch nicht erlebt.

O’Connors kleine Geschichten von Menschen, die widerstehen und auf guter Arbeit bestehen, Sanders plakativer Vorstoß – angesichts der Übermacht der Oligarchen sind das vorerst nur kleine Aufbrüche. Ach ja, und bei Spotify zu kündigen ist nur ein Klick. Aber „We are not machines“, das eignet sich gut als Schlachtruf.

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4 Kommentare

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  • Wenn ich den Namen Matthias Greffrath lese, denke ich immer zuerst an den Anfang der Neunziger in der Anderen Bibliothek erschienenen Band Montaigne. Ein Panorama. (AB 85), der in Bleisatz gesetzt war, schon damals natürlich ein Anachronismus.



    Insofern steht der Autor des Beitrags selbst für "Es gibt sie noch..."

    Überlassen wir das Wort aber Montaigne selbst:

    "„Unser Geist ist ein Arbeitsgerät, unruhig, gefährlich und vermessen, ein gefährliches Schwert, gefährlich auch für den, der es trägt, wenn er die Waffen nicht ordentlich und vorsichtig zu gebrauchen versteht.“

  • Nebenpunkt: -nesia wäre dann ein Inselreich. Es müsste schon Qualit-amnesia oder so heißen.

    Aber so manchen Mist auch nicht mitzumachen ist eine Option. Gesellschaftlich ist dabei der Hebel länger als nur privat.

  • „CDs haben eine Bitrate von 1.411 Kilobits pro Sekunde … Wer gratis Spotify hört, kriegt nur 160 Kilobits pro Sekunde limitiert.“

    Auf der CD sind aber die rein unkomprimierten PCM Daten gespeichert, ganz einfach deshalb weil Verfahren für qualitativ akzeptable Audiokompression mit mp3 erst gut 10 Jahre nach der CD erfunden wurden, während Audio-Streams heute aktuelle Codecs wie AAC oder Ogg verwenden. Dass jemand ohne musikalisch ausgebildetes Gehör und High-End Equipment bei Bitraten von 160 kbps im Blindtest einen Unterschied erkennt scheint aus technischer Warte wenig wahrscheinlich. Aber früher war eben einfach alles besser und wer kennt nicht auch jene Musikliebhaber die auch schon vor 30 Jahren diese seelenlos kalt klingenden Silberlinge verdammten und bis heute auf Vinyl schwören. Wenn die nur wüssten wie überirdisch wundervoll der Klang von gut gereiftem Schellack ist.

    • @Ingo Bernable:

      Wirklich "Überirdisches" hört man eigentlich nur in den den Konzertsälen. Wenn ich nach einem Konzert des Sinfonieorchesters des HR in der Alten Oper nach Hause kam und mir die digitale Version des eben gehörten Konzerts anhörte, war ich immer sehr enttäuscht.



      Es geht eben nichts über "Analoges"!