Kunst der Woche: Die Wirklichkeit im Foto neu erfunden
Die Architekturfotografien von Maximilian Meise eröffnen neue Realitäten. Neues ist auch im Skulpturenpark Schlossgut Schwante zu entdecken.
Foto: Maximilian Meisse
A uf den Fotografien ist Berlin zu erkennen, etwa der Gendarmenmarkt, der freilich wie nach London versetzt wirkt. Wir sind in Venedig oder in Rom, wo Maximilian Meisse für sein „Colosseo V“ einen Aufnahmestandort gefunden hat, von dem aus die römische Arena nicht länger Teil des urbanen Gefüges ist und stattdessen in eine sonnenbeschienene, offene Landschaft versetzt scheint. Meisse erfindet die Wirklichkeit über ihr Abbild gleichsam neu.
Tatsächlich, sagt er, kommen in der Architekturfotografie drei Aspekte zum Tragen. Zunächst der dokumentarische Aspekt, da sich kaum ein Medium so direkt mit der Wirklichkeit auseinandersetzt wie die Fotografie. Dann der bildmäßige Aspekt, wenn nicht mehr durch das Foto hindurch nur das Motiv gesehen wird, sondern die Bildkomposition selbst die Wahrnehmung bestimmt. Und schließlich der Aspekt des Entwurfs, wenn das Bild den Ort noch einmal ganz neu beschreibt.
Fremd schaut auch die Landschaft in Tirol und Norditalien aus, die Meisse erstmals in seiner unbedingt sehenswerten Ausstellung „Archetypen der Architektur und Landschaft“ in der Papierhalle des Wasmuth Verlags zeigt. Konzentriert sich Meisse in der Architektur auf Grundelemente wie Säule, Bogen, Gesims und Giebel, die er in harten Ausschnitten akzentuiert, verzichtet er hier auf den Horizont. So verdichtet er das Motiv Bergwelt, das nicht mehr zu verorten ist. Die Faszination liegt ganz in der Formation der Bergrücken und Kerbtäler und dem Licht, in dem sie erscheinen.
Fragile Stelen aus Beton
Das Gras steht wieder hoch im Skulpturenpark vom Schlossgut Schwante, der jedes Jahr aufs Neue bezaubert. Erfreut trifft man wieder auf alte Bekannte wie drei kinetische Arbeiten von George Rickey, Carsten Nicolais „Echo“-Kammer oder Bettina Allamodas „Outdoor Wrap“. Und dann entdeckt man neue Arbeiten wie die Videoinstallation von Donata Wenders, die, wie Andreas Greiners „1728“ (2022), im Hofladen zu sehen ist.
Greiner, der bei Ólafur Elíasson studierte, arbeitet an der Schnittstelle von Waldökologie und künstlicher Intelligenz. Mit „1728“ entwirft er ein konkretes Bild und zugleich eine planerische Zukunft. Denn das quadratische Muster zu dem er 1728 Buche-, Kiefern- und Bergahornsamen parametrisch angeordnet hat, ist der Entwurf für angedachte Waldpflanzungen mit ausgesonderten Bäumen aus Baumschulen, die sonst vernichtet würden.
In Karl Karners Aluguss Skulptur „Feed“ (2025) haben sich dann Wespen häuslich niedergelassen. Mit ihrem Nest scheint das Konzept der Plastik erst richtig aufzugehen, die der Bildhauer und gelernte Kunstgießer im Verfahren des Wachsausschmelzens erstellt hat, wobei er Äste, Blüten und Samen in die organisch fließende Form integrierte. Neu zu entdecken sind auch Sofia Goscinskis „Desert Plants“ (2020–25), von Kakteen inspirierte, fragile Stelen aus Beton und Bronze, die sich zu einer scheinbar die Zeiten überdauernden Pflanzung gruppieren.
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