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Rechenzentren und KlimaschutzKI um jeden Preis

Gastkommentar von

Julia Dagg

Die Bundesregierung will den Ausbau von Rechenzentren für KI-Modelle vorantreiben – und lockert dafür Umweltauflagen. Das ist klimapolitisch falsch.

D ie Bundesregierung möchte Deutschland zur „KI-Nation“ machen – und dafür in großem Stil Rechenzentren bauen. Bis 2030 sollen sich die KI-Rechenkapazitäten in Deutschland vervierfachen. Eine gigantische Aufgabe, bei der die ökologischen Folgen kaum eine Rolle spielen. Im Gegenteil: Wenn Klimaauflagen den Ausbau von Rechenzentren bremsen, dann ändert die Regierung einfach das Gesetz. Jetzt will die Bundesregierung Umweltauflagen für Rechenzentren lockern. So sollen Rechenzentren drei Jahre länger Zeit haben, um ihren Stromverbrauch bilanziell zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Und sie sollen nicht mehr verpflichtet sein, die Abwärme der Rechenzentren zu nutzen, außer vor Ort ist ein passendes Wärmenetz bereits vorhanden. In vielen ländlichen Regionen, in denen Rechenzentren aktuell verstärkt gebaut werden, sind aber keine Wärmenetze vorhanden. Die Wärme, die die Rechner produzieren, tritt dort also einfach aus und erhitzt vor Ort die Luft.

Der Gesetzentwurf, der all dies beinhaltet, sendet damit ein völlig falsches Signal. Gerade beim Ausbau der Rechenkapazitäten für große KI-Modelle wird der Bedarf an Strom und Wasser in den nächsten Jahren enorm steigen. Klimaschutz und strengere Umweltauflagen wären also besonders wichtig. Schon jetzt benötigen deutsche Rechenzentren mehr als vier Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs, deutlich mehr als der Stromverbrauch Berlins. Bis 2037 werden es gut zehn Prozent sein, schätzt die Bundesnetzagentur. In Berlin und Frankfurt stoßen die Netzkapazitäten bereits jetzt an ihre Grenzen.

Julia Dagg

ist freie Journalistin, sie studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Postkoloniale Theorien in Freiburg und London.

Schon das bereits bestehende Gesetz bietet an dieser Stelle kaum Abhilfe. Es schreibt lediglich vor, dass Betreiber von Rechenzentren ihren Strom bilanziell, also auf dem Papier, aus erneuerbaren Energien beziehen müssen. Betreiber können Ökostrom einkaufen und mit Herkunftszertifikaten beweisen, dass sie diesen Strom bezahlt haben. Sie müssen aber nicht dafür sorgen, dass ihr Rechenzentrum tatsächlich mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben wird. Ein Rechenzentrum, welches mit einem eigens gebauten Gaskraftwerk betrieben wird, gilt immer noch als „grünes“ Rechenzentrum. Der aktuelle Gesetzesentwurf schließt diese Lücke nicht, er weitet die ohnehin schon laschen Vorgaben weiter auf.

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Das ist auch deshalb problematisch, weil der Ausbau der Rechenzentren schon heute mit neuer fossiler Infrastruktur einhergeht. Rund um Frankfurt am Main werden an mehreren Standorten Gaskraftwerke direkt neben Rechenzentren gebaut. Offiziell sollen sie nur dazu dienen, bei hoher Belastung des Stromnetzes die Stromversorgung zu sichern. Doch längst werden Gaskraftwerke nicht mehr neben Rechenzentren gebaut, um Versorgungslücken zu schließen. Auch wenn Gaskraftwerke nicht so klimaschädlich sind wie Kohlekraftwerke, stoßen auch sie große Mengen CO₂ aus und verschärfen so die Klimakrise.

Klimaschutz gilt dabei offenbar nur so lange, wie er anderen Zielen nicht im Weg steht

Der neue Gesetzentwurf ist deshalb kein Ausrutscher, sondern die logische Konsequenz einer Politik, die vor allem auf eins setzt: mehr Rechenzentren – um jeden Preis. Klimaschutz gilt dabei offenbar nur so lange, wie er diesem Ziel nicht im Weg steht. Tut er das, müssen Gesetze geändert werden. Dabei fällt aber eine viel grundlegendere Frage unter den Tisch: Wofür sollen all diese Rechenzentren überhaupt gebaut werden? Klar ist: Eine zukunftsorientierte Gesellschaft braucht Rechenzentren. Ohne sie wären viele digitale Anwendungen nicht denkbar, von der medizinischen Forschung, über die Berechnung von Wettermodellen bis hin zum Betrieb wichtiger IT-Strukturen für Unternehmen.

Der gesellschaftliche Nutzen bleibt fraglich

Doch diese Anwendungen allein erklären den massiven Ausbau an Rechenzentren nicht. Denn sie benötigen weder große Rechenkapazitäten noch gigantische Datenmengen. Die geplanten Rechenzentren dienen vor allem dem Ausbau generativer KI oder sogenannter Large Language Models, also hoch entwickelter KI-Modelle, die menschliche Sprache verarbeiten und generieren können. Dabei bleibt der gesellschaftliche Nutzen von generativer KI weiterhin umstritten. Ihre Folgen sind hingegen bewiesenermaßen verheerend. Der Energieverbrauch von generativer KI ist gigantisch. Energie, die dann an anderen Stellen fehlt, beispielsweise bei der Elektrifizierung des Verkehrs, der Wärme, in der Industrie.

Nicht nur das Training der KIs benötigt große Rechenkapazitäten, auch die Nutzung der generativen Sprachmodelle ist rechenintensiv. Dass Nut­ze­r:in­nen sich an vielen Stellen gar nicht mehr für oder gegen den Einsatz von Sprachmodellen entscheiden können, macht das problematisch. So plant Microsoft, generative KI in seine Betriebssysteme zu integrieren. Für den Bau von Rechenzentren werden zudem Rohstoffe wie Lithium und Kobalt unter umweltschädlichen und menschenrechtsverletzenden Zuständen abgebaut. Vom Wasser, das für die Kühlung der Rechner benötigt wird, ganz zu schweigen. Auch ist längst bekannt, dass der Erfolg der großen KI-Konzerne auf der massiven Ausbeutung von Da­ten­ar­bei­te­r:in­nen im globalen Süden fußt. Dennoch hofft die Bundesregierung auf ein Wirtschaftswachstum von rund 10 Prozent durch KI. Doch auch das ist keineswegs garantiert.

OpenAI verzeichnet weiterhin keine Gewinne, selbst die Bank of England, der IWF und die deutsche Industrie warnen davor, dass es sich bei KI um einen Hype handelt. Bislang profitieren vor allem die Hersteller von Hochleistungschips – die nicht in Deutschland produziert werden –, und militärische Anwendungen. Dazu kommt, dass das erhoffte Wirtschaftswachstum vor allem auf der Annahme fußt, dass durch KI-Nutzungen Arbeitskräfte eingespart werden können. Rechenzentren sollten natürlich so klimafreundlich wie möglich betrieben werden. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir immer mehr KI-Infrastruktur möglichst effizient bauen, sondern ob der geplante Ausbau überhaupt gesellschaftlich sinnvoll ist.

Die Entscheidung der Bundesregierung für den Gesetzentwurf fiel jüngst ausgerechnet in eine der heißesten Wochen. Das ist Zufall, die Priorität der Bundesregierung spiegelt der Zeitpunkt dennoch treffend wider. Die Klimaziele einzuhalten ist wohl keine.

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4 Kommentare

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  • Warum sollte man den Betreiber eines Rechenzentrums zwingen, die Abwärme zu nutzen?



    Eigentlich sollten die Bürgermeister der Region Schlange stehen, weil sie aus dem Abfallprodukt Wärme eine günstige Wärmeversorgung für die Bürger bekommen könnten.



    Stattdessen zwingen wir die Betreiber dazu, die wertvolle Wärme wie saures Bier anzubieten.



    Wir brauchen eher ein Gesetz, das bräsige Versorgungsunternehmen zwingt, diese Wärme abzunehmen und günstige Wärme für die Bevölkerung anzubieten.

  • Das ist nicht nur falsch, es ist mehr als das: Total irre! So entscheidet man sich nur wenn man keine Kinder hat, denn denen bürdet man die Umweltschulden und andere Probleme damit auf.

    Aber es wäre falsch wenn man nur die Politik dafür verantwortlich macht. Denn wer treibt denn "KI" voran? Nicht nur die Politik und die verrückten Milliardäre, die diese Technologie kontrollieren!



    Nein, es sind auch WIR, die wir diese Dinge unbedacht nutzen und nicht widersprechen, nicht mitdenken, nicht an unsere Kinder denken, die durch unser Handeln mitbetroffen sind.

    Das bedeutet dass wir alle solidarisch sein können und endlich handeln sollen: Keine "KI" und "Cloud" akzeptieren wäre ein simpler Anfang, den jede/r mitmachen kann!

    Firmenchefs sollten auch umdenken, vor allem vor dem Hintergrund dass der Einsatz von "KI" gerade auch Firmen künftig noch abhängiger machen wird! JETZT ist die Zeit sich nicht in diese fatale Abhängigkeit zu begeben. Diese bezahlt man nicht nur teuer mit Euro ("KI" Abomodelle werden bald teurer) sondern auch mit Unsicherheiten.

  • Eine sehr gute Entscheidung die KI-Infrastruktur strategisch aufzubauen, um unabhängiger von den USA und China zu sein. Wenn wir wirtschaftlich bestehen wollen, müssen wir noch deutlich mehr in diese Zukunftstechnologien investieren. Sonst werden wir abgehängt.

  • Na wer nutzt denn maßgeblich diese neue Sprach-KI. Doch vor allem die jungen Generationen, oder?



    Schüler und Studenten lassen Hausaufgaben und Facharbeiten immer häufiger von der KI erledigen.



    Ich kann vom Bildungszentrum unserer Landesverwaltung berichten, dass die KI mittlerweile problemlos und für uns nicht mehr zu unterscheiden Aufgaben löst - vollumfänglich ausformuliert, mit Paragraphennennung bis zum Halbstatz.



    Wirklich auffallend ist es nur, wenn sich die Ergebnisse in Klausuren oder mündlicher Abfrage von Auszubildenden und Studenten elementar von ihren Ergebnissen in Hausaufgaben unterscheiden.



    Dennoch empfinde ich KI als mehr hilfreich als schädigend und es ist sowieso die Zukunft. Ein Blick gen Fernost reicht, die sind gefühlt Äonen voraus und da bremst keiner.



    Wollen wir nicht zum Entwicklungsland zurückfallen, werden wir uns mit KI arrangieren müssen.



    Es muss also vor allem der Umgang mit KI geschult UND gleichzeitig bei jungen Menschen die Idee gestiftet werden, dass KI nur unterstützen, nicht aber stellvertretend menschliches Denken ersetzen soll.