Diskussion um Abschüsse: Den Wölfen geht's zu gut
Die Bundesregierung stuft den Erhaltungszustand der geschützten Tierart fast überall im Land als „günstig“ ein. Das könnte Abschüsse erleichtern.
taz/dpa | Die Bundesregierung hat eine weitere Voraussetzung dafür geschaffen, Wölfe zu schießen. „Der Wolf hat sich in zahlreichen Gebieten Deutschlands gut entwickelt und ist wieder zu einem festen Teil unserer heimischen Natur geworden“, erklärte Umweltminister Carsten Schneider (SPD). „Zugleich werden die Länder ab jetzt Probleme, die es vor Ort gibt, leichter lösen können.“
In einem Bericht an die EU wird der „Erhaltungszustand“ des Wolfs als „günstig“ eingestuft. Das galt bisher nur in der biogeografischen „atlantischen“ Region, die den Nordwesten Deutschlands umfasst. Nun gilt es auch in der „kontinentalen“ Region, die fast den gesamten Rest der Republik ausmacht. Keine Angaben gibt es bisher für die Alpenregion.
Die Einstufung des Erhaltungszustands gilt als eines von mehreren Kriterien, die entscheidend dafür sind, ob und in welchem Umfang Jagd auf den Wolf gemacht werden darf – denn Wölfe sind immer noch eine geschützte Art. Landwirte machen sich seit Jahren für den Abschuss stark, um ihre Schafe und Rinder vor dem Raubtier zu schützen.
Kritik von Umweltschützern
Nun stehe schwarz auf weiß, „dass der Wolf in Deutschland nicht mehr vom Aussterben bedroht ist“, betonte Mark Helfrich, Umweltpolitiker der Unionsfraktion. Er kündigte an, der Wolf werde zeitnah ins Jagdrecht aufgenommen. Auch das Umweltministerium sagte, die Regelungen im Bundesjagd- und Bundesnaturschutzgesetz zum Wolf würden angepasst. Es betonte aber, dass der günstige Erhaltungszustand des Wolfs erhalten bleiben müsse. Allerdings könne die Neueinstufung „den Ländern künftig eine leichtere Handhabe im Umgang mit Wölfen, die beispielsweise Weidetiere reißen“, ermöglichen.
Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber forderte Bundesumweltminister Schneider auf, unverzüglich festzustellen, dass auch die Population im Alpenraum in einem günstigen Erhaltungszustand sei: „Der Wolf hält sich an keine Grenzen – weder zwischen Bundesländern noch zwischen Populationen. Es kann doch nicht sein, dass Bayern wegen bürokratischer Definitionen zum Wolfsreservat der Nation wird.“
Die Umweltorganisation WWF Deutschland, dagegen kritisierte schon die jetzige Meldung nach Brüssel. „Erneut bricht Deutschland mit dem Prinzip, dass Arten- und Naturschutz auf Daten basiert und nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgen muss“, sagte Sybille Klenzendorf, Programmleiterin Wildtiere in Europa. Trotz eines gestiegenen Wolfsbestandes habe die Anzahl der Übergriffe und der geschädigten Tiere 2024 im Vergleich zum Vorjahr abgenommen. Der Fokus müsse darauf liegen, die Viehherden etwa durch Zäune flächendeckend zu schützen. Außerdem müssten bei Bedarf Wölfe schnell und effektiv entnommen werden.
Die EU hatte Mitte des Jahres den Schutzstatus von Wölfen in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gesenkt. Er steht jetzt nicht mehr in der Liste der „streng geschützten“, sondern nur noch in der Liste der „geschützten“ Arten. CDU/CSU und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, diese Änderung „unverzüglich in nationales Recht“ umzusetzen.
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