piwik no script img

Demonstrationen in Leipzig-ConnewitzInnerlinkes Rollenspiel vor braunem Hintergrund

Konstantin Nowotny

Kommentar von

Konstantin Nowotny

Mehrere linke Gruppen protestierten am Samstag in Leipzig. Inmitten eines beispiellosen Rechtsrucks im Osten wirkte das Schauspiel absurd.

Friedenstaube und Gewehr – De­mons­tran­t*in­nen in Connewitz sind offenbar mit sich selbst uneins Foto: Sebastian Willnow/dpa

C on­ne­wit­ze­r*in­nen müssen viel mitmachen, ob sie wollen oder nicht. Vor ziemlich genau zehn Jahren überfielen Neonazis den als links geltenden Stadtteil in Leipzig. Am sogenannten „Tag X“ vor zwei Jahren riegelte die Polizei das Viertel quasi ab.

Neu ist, dass weder der Polizei noch Nazis die zentralen Rollen zufallen. Vor einigen Wochen kündigten mehrere propalästinensische Gruppen an, unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“ unter anderem gegen „zionistische Schlägerbanden“ im Leipziger Süden zu protestieren. Ausgangspunkt hierfür waren einzelne Angriffe auf palästinasolidarische Aktionen in Leipzig, etwa ein Überfall von Vermummten auf einen Infostand.

Ziel der Demonstration sollten das Büro der lokalen Linken-Politikerin Juliane Nagel und das soziokulturelle Zentrum Conne Island sein. In den Augen der Protestierenden stehen sie symbolisch für die antideutsche Strömung, die in Leipzig Wurzeln hat. Daraufhin formierte sich israelsolidarischer Protest, von parteilosen An­ti­fa­schis­t*in­nen bis hin zur Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Antifa anti Antifa

Dass hier ein „Linke gegen Linke“-Szenario drohte, zog auch einzelne Vertreter aus dem rechtsextremen und Querfront-Milieu nach Leipzig. Das führte ebenfalls zu einem seltenen Anblick in Leipzig-Connewitz: Beflügelt von einem allgemeinen Ausnahmezustand und massiver Polizeipräsenz, konnten sich zwischen Israel- und Palästinafahnen auch erkennbare Neonazis in dem sonst antifaschistisch gut abgeschirmten Stadtteil für einen Moment sicher fühlen.

Beiden Lagern gelang es, bundesweit zu mobilisieren, am Ende standen sich knapp 3.500 Teil­neh­me­r*in­nen gegenüber. Kurz zuvor wich die Palästinademo von ihrer ursprünglichen Route ab, auch, weil der zu erwartende Widerstand wohl größer ausfiel als angenommen. Der Protesttag in Leipzig blieb damit friedlicher als manch anderer.

Es wäre leicht, sich über die offenkundigen Absurditäten zu amüsieren. Allein die Umstände lassen das nicht zu. Im Nachbarland Sachsen-Anhalt droht dieses Jahr ein beispielloser AfD-Erfolg. In Thüringen gründete sich parallel zum Protesttag in Leipzig die rechtsextreme Höcke-Jugend. Rechte, Konservative und das BSW wollen im Leipziger Stadtrat Räumen wie dem Conne Island schon länger die Förderung entziehen.

Leipzig-Süd gilt als einer der wenigen Orte in ganz Ostdeutschland, wo Linke wie Juliane Nagel noch ein Direktmandat erringen können. Auch deswegen zogen sich die Leipziger Linken aus den Mobilisierungen zu beiden Demo-Blöcken weitgehend zurück. Sie mahnten nur zur Friedlichkeit.

Palästinafahnen am „Kreuz“

Im Nachhinein zeigte sich, dass dieses Vorgehen strategisch nicht unklug war. Zwar wollten die Palästinaprotestierenden ihre Demonstration als „solidarische Kritik“ verstanden haben wissen, für ihre Aktion hatten zumindest die Con­ne­wit­ze­r*in­nen überwiegend Kopfschütteln übrig.

Auch einige sonst propalästinensische Gruppierungen distanzierten sich verhalten von dem Versuch, jahrzehntelange antifaschistische Arbeit in Ostdeutschland nahtlos mit jüngerer Palästinasolidarität zu verknüpfen. Das hielt manche Jugendgruppen nicht davon ab, sich in ihrem innerlinken Rollenspiel auf der richtigen Seite zu imaginieren, derweil Neonazis von der Seite belustigt zuschauten.

Während linke Räume im Osten unter beispiellosem Druck von rechts stehen, wehten am „Kreuz“ nun die Palästinafahnen. Das mag manchen Protestierenden wie ein Punktesieg vorgekommen sein, gewonnen ist aber fast nichts. Zu hoffen bleibt, dass diese Erkenntnis nicht erst reift, wenn jene Räume, in denen über den Nahen Osten gestritten werden könnte, im ganz nahen Osten vollständig verschwunden sind.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Konstantin Nowotny
Autor
Seit 2013 freier Journalist, seit 2022 bei der taz. IJP-Fellow (Tel Aviv, 2021). DAAD-Stipendiat (New York City, 2016/17). Themen u.a.: Pop & Punk, Kapitalismus & Kultur, Rechte & Linke. Berlin/Leipzig
Mehr zum Thema

19 Kommentare

 / 
  • Der Vorgang beweist das politische Unvermögen der beteiligten so genannten Linken.

  • Interessant zu dieser Problematik ist das neue Buch der französischen Journalistin Nora Bussigny "Les Nouveaux Antisémites" (Die neuen Antisemiten).

    Eine Untersuchung über zeitgenössischen Antisemitismus, der sich nach ihrer Analyse zunehmend aus antirassistischen und antikolonialen Diskursen speist. Das Buch ist vier Monate nach seinem Erscheinen ein Bestseller.

    Bussigny beschreibt darin ihre verdeckten Recherchen in sogenannten »propalästinensischen« Aktivistengruppen, an Universitäten sowie bei Demonstrationen seit dem 7. Oktober 2023. Die Autorin war nach eigenen Angaben fast zwei Jahre lang undercover unterwegs, um die ideologischen Schnittstellen zwischen islamistischen Akteuren und Teilen der radikalen Linken zu dokumentieren. In diesen Milieus werde Israel systematisch delegitimiert und antisemitische Positionen würden unter dem Deckmantel von Antizionismus und Intersektionalität normalisiert.

    Was würde da in Leipzig ans Tageslicht kommen?

    An Berlin darf man erst gar nicht denken.

    Hier braucht es eine echte Antifa, die als kristallklare Selbstverständlichkeit immer auch gegen Antisemitismus ist.

    • @shantivanille:

      Volle Übereinstimmung beim letzten Satz zumindest.

  • Weder eine 'Hamas-Solidarität', noch eine 'Netanjahu-Solidarität' bzw. 'Ben-Gvir Solidarität' kann 'Links' genannt werden.



    Insbesondere den Resten der 'Antideutschen' scheint da seit Jahren jeglicher Kompass verloren gegangen zu sein. Teils scheint bei 'Antideutschen' wohl schon der Grenzbereich von Politik zur Psychopathologie betreten worden zu sein.



    Aber so ist das halt: unbewältigte Geschichte kann ziemlich bizarre Erscheinungen hervorbringen, und es bestätigt sich wohl immer wieder auf's Neue, dass zur finalen Spaltung einer jedweden linken Gruppierung in Deutschland nur die Tür geöffnet und "Israel" hineingerufen werden muss.

    • @Anne in Pink:

      "Links" bleibt immer so ein nebulöses Ideal einer paradiesischen Zukunft. Immer dann, wenn Linke sich als das zu erkennen geben, was sie sind, wird ihnen das Linkssein abgesprochen. Ideale Linke aus der Traumwelt interessieren mich nicht. Ich sehe nur, wie Menschen, die sich selbst als Links definieren real handeln.

  • Was ich hoffe, dass es beide Seiten aus der Situation lernen: es fühlt sich nicht gut an, Opfer von Gewalt oder Bedrohung zu sein, auch wenn die Gewalttäter sich als links ansehen.

  • Dass da irgendwelche Recht(sextrem)en belustigt zuschauen ist eigentlich egal, denn die kennen - obwohl sie szeneintern natürlich ebenfalls zersplittert und zerstritten sind - ja vor allem nur das Diktat von Oben. Dass Prozesse, die gemeinsame Positionen finden wollen, schwierig sind, können die ohnehin nicht nachvollziehen, weil ihre Ideologie ja auf einer ganz anderen Grundlage funktioniert.

    Insofern bildet sich da in Leipzig der Konflikt ab, der sich innerhalb des linken Diskurses immer wieder zeigt. Schade ist vor allem, dass es zu wenig Leute gibt, die hier nach Gemeinsamkeiten und Kompromissen suchen, anstatt weiter die Fronten zu verhärten.

    • @White_Chocobo:

      Entweder sehen Sie Israel als jüdischen Kolonialstaat oder Sie schauen in die historischen Fakten und erkennen, dass Israel aus der Not geboren wurde.

      Schnallen Sie das werden Sie nicht mehr auf Mullah-gesteuerte und postkolonialistisch antisemitische Agitation (z. B. Edward Said) hereinfallen.

      Und gehen nicht mehr auf den Trip Juden als Imperialisten zu sehen, sondern als Gemeinschaft, die in einem von Feinden umgebenen Land ums Überleben kämpft.

      Doch ich sehe da wenig Hoffnung, da sich Antisemitismus aus dem kollektiven Unterbewussten in immer neuen Formen entwickelt. Die Leute sehen das nicht, da sie von ihrem Unbewussten gesteuert werden. Halten das für wahr was ihnen ihr hoffnungslos verlorener ewiggestriger Mind erzählt.

      "Globalize the Intifada" als aktualierte Fassung von "Endlösung der Judenfrage".

      Jeffrey Herf



      "Hitlers Dschihad"



      www.ifz-muenchen.d.../2010_2_5_herf.pdf

      "Nazi-Propaganda auf Arabisch"



      www.deutschlandfun...-arabisch-100.html

      "Historische Entwicklung der jüdischen Einwanderung"



      www.bpb.de/themen/...chen-einwanderung/

      • @shantivanille:

        Sie haben Edward Said auch gelesen, vermute ich?



        Daher verstehe ich Ihre Verbal-Knüppelei und ja gravierende Unterstellung vielleicht noch gar nicht.

        Auch das burische Südafrika sah sich als von Feinden umgeben. Auch Putin glaubt das womöglich selbst für sein Russland. Das reicht für herzlich wenig.

        Unterscheiden wir Juden und Israelis und Likud ansonsten. Auch wenn Netanyahu (oder die Hamas) das so gerne anders hätte.

  • Trump will die UN delegitimieren und Millei und andere Autoritäre aplaudieren, die internationale antidemokratische Rechte ist das Problem, sie sind einig in ihrem antifeministischen, rassisatischen und homophoben reaktionären Herrschaftsideen, aus allen Religionen haben sie dabei rechte patriarchale Verbündete, die die patriarchal-autoritäre Herrscvhaft durch Kriege gegeneinander stark machen, denn im Krieg wird die Demokratie schwach und der Hass ist das, was das Gehorchen fördert, welches in linken und in demokratischen Dynamiken nicht förderlich ist. Daher sollten alle die sich links und demokratisch sehen, die autoritären aus ihren Reihen zurück drängen, an den Rand, weil sie spalten die linken kräfte, so wie sie schon im Spanischen Bürgerkrieg gegeneinander den Rechten zum Sieg verhalfen. Ohne das wäre die Geschichte ev. eine andere geworden. Die Geschichte wiederholt sich nicht ? Dafür muessen wir sorgen: Das nicht Trump+Netanyahu im Iran die Demokratie behaupten, oder den Krieg ausweiten, dass nicht die Mullahs denWiederstand gegen Imperialismen aller Art definieren, dass nicht Linke meinen die Mullahs als Achse des Wiederstands verteidigen zu müssen,sondern die Leute

    • @R.L.:

      Und was hat jetzt Trump, die Mullahs usw. damit zu tun das in Leipzig die Migrantifa und antifa (gegeneinander) demonstrieren.

  • Konkurrenzkampf um das moralische Prestige, nutzlos, stressig, spaltend. Hamas und Rechte freut das, die Regierung Netanjahu interessiert das einen feuchten Besen. Den Palästinensern bringt es keine Verbesserung, den Israelis keine Sicherheit.

  • Was bringen Demonstrationen überhaupt? Hören Unbeteiligte den zu? Ist eine Demo für Dritte zuallererst Quelle von Verdruss, weil Verkehrswege blockiert werden, weniger Leute zum Einkaufen kommen? Ist sie deshalb eher eine Anti- Werbung für das Anliegen? Sind Demonstrationen Folklore bestimmter Gruppen, sind sie für Dritte so interessant wie eine katholische Heilige Messe für Atheisten?

    • @Christoph Strebel:

      Zum Nebenpunkt: Wer sich im CO2-speienden Japanurlaub eine Teezeremonie ansieht und noch nicht in einem katholischen Hochamt Zuschauer war, könnte etwas fehlentschieden haben.

      Demonstrationen zeigen Opferbereitschaft für ein bestimmtes Anliegen an. Was unabhängig davon immer noch richtig oder falsch nach anderen Kriterien sein kann. Sie zeigen auch an, dass zumindest ein paar andere ein ähnliches Anliegen zu haben scheinen.

  • Die Linken gewinnen dann, wenn sie relevante Themen wie Soziales als zentral thematisieren, faire Steuern und Verfahren. Was ja auch nachvollziehbar ist.



    Dann aber nicht, wenn sie den natürlich eher linken Universalismus durch reine Identitätspolitik, Sowjetnostalgie oder Ultrazionismus oder Hamas-Idolatrie überlagern ließen. (Angebliche "Anti-Deutsche" wie Alexander Feuerkopf, -herdt oder ähnlich auf Kosten Dritter kann mensch dabei schon seit jeher komplett außen vor lassen.)

    Das haben schon klügere Leute als ich festgestellt, auch bei der Linken-Spitze.



    Wird noch. Dafür sind die eigentlichen Themen der Linken so wichtig, und hätten auch bei der SPD lauter erschallen dürfen.

    • @Janix:

      Leute wie Feuerherdt oder Florian Markl sind natürlich all jenen ein Dorn im Auge, die uns immer noch weismachen wollen, die Hamas-gesteuerte BDS-Bewegung sei aus einer "palästinensischen Zivilgesellschaft" hervorgegangen. Oder ist es Feuerherdts klare Haltung zum russischen Überfall, die Sie stört?

      • @Schalamow:

        Nö, auch er versucht das nichtjüdisch-deutsche Trauma auf die Palästinenser zu schieben, ohne Rücksicht auf Verluste oder Korrektheit. Vergangenheitsbewältigung, wenn es die gäbe, wäre etwas anderes.



        Meine Haltung zu Putin-Russland könnten Sie kennen.



        Zu BDS: Natürlich darf die völkerrechtswidrige Besatzung auch mit Boykott rechnen. Israel als Staat jedoch bitte nicht. Noch ist es nicht Südafrika - und ich hoffe, dass der Weg dahin bald stoppt.

  • Da helfen dann auch die hehren Absichten und das schönste Programm nichts. Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen.

    • @Claude Nuage:

      Der Hinweis auf die Positionierung der Partei Die Linke ist doch einigermaßen eindeutig: "Auch deswegen zogen sich die Leipziger Linken aus den Mobilisierungen zu beiden Demo-Blöcken weitgehend zurück. Sie mahnten nur zur Friedlichkeit." Spielen Sie hier vielleicht das Springer-Spiel: jede*r der sich selbst irgendwie linksklingend positioniert (das kann "anarchistisch", "emanzipiert", "internationalistisch", "solidarisch", "gewerkschaftlich" usw. sein) wird mit LinkenSozenGrünenUnd-allen-jenseits-der-Jungen-Union (mindestens) identifiziert und zum Springen über irgendwelche Kulturkampfstöckchen aufgefordert. Mit "Staat" brauchen Sie den allermeisten, die da hüben wie drüben demonstriert haben, sowieso nicht kommen. Schon die Ergebnisse einer bundesweiten Mobilisierung (3500 Menschlein) sagt doch eine Menge aus über die Marginalität der dort demonstrierenden Gruppen.



      Solche zahlen schaffen AfD/Freie Sachsen/III. Weg aus dem Stand (und mit Fackeln), wenn mal wieder das Gerücht aufkommt, irgendwo würde eine Flüchtlingsunterkunft gebaut. So auch der richtige Tenor des Meinungsbeitrags.