Debatte um Arbeitnehmerrechte : Keine Straßenbahn für mehr Lifestylefreizeit
In Berlin ist es arschkalt und dann streikt auch noch die BVG. Das ärgert viele, aber der Streik ist wichtig für die Angestellten und ein gutes Leben.
Foto: Jörg Carstensen/Funke Foto Services/imago
M ehr arbeiten, mehr, mehr, mehr. Deutschland muss irgendwie fleißiger werden. Das ist im Wesentlichen die Botschaft, die einem seit Jahresbeginn um die Ohren gehauen wird. CSU-Chef Markus Söder startete mit der Forderung ins neue Jahr, kranken Arbeitnehmer:innen nicht mehr automatisch die volle Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag zu gönnen. Der Kanzler machte weiter: Friedrich Merz will die telefonische Krankschreibung gerne beenden. Zu viel Missbrauch, so die misstrauische Annahme.
Die Mittelstandsunion brach vor wenigen Tagen, und quer zur tatsächlichen Faktenlage, eine Diskussion über „Lifestyle-Teilzeit“ vom Zaun. „Mit einer 4-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes nicht erhalten“, sekundierte Merz. Und Söder legte am Montag in der ARD nach: Rente mit 63 abbauen und eine Stunde mehr arbeiten pro Woche habe ja wohl noch niemandem geschadet. Die innenpolitische Debattenlage im Januar war gefühlt so anstrengend wie zwei Teilzeitjobs plus das bisschen Haushalt und die zwei Kinder. Für nicht wenige Menschen ist das ja tatsächlich gelebter Lifestyle.
Inmitten dieses neoliberalen Frontalangriffs auf einst mühevoll errungene Arbeitnehmer:innenrechte platzt nun auch noch der Streik im ÖPNV. Die Gewerkschaft Verdi fordert eine Verringerung der Wochenarbeitszeit, eine Verkürzung der Schichtzeiten, eine Verlängerung der Ruhezeiten. Verdi fordert also, dass weniger gearbeitet wird – und eben nicht mehr, mehr, mehr.
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Das ist ein wohltuend erfrischender Beitrag zur aktuellen Leistungsdebatte. Denn die allermeisten arbeiten nicht zu wenig, sondern zu viel. Die Diskussion über vermeintliche Faulheit lenkt davon ab, dass wir eigentlich über anderes reden müssten: Zum einen halten Ehegattensplitting und Minijobs vor allem Frauen von Vollzeitjobs fern. Das sagen Ökonom:innen immer wieder, aber es ändert sich nichts.
Weil – und da wären wir bei einer zweiten Wahrheit – wenn alle Vollzeit arbeiten, wer holt dann um 15.30 Uhr die Kinder aus der Kita ab und pflegt die kranke Mutter? Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Auch familiäre Fürsorge ist Arbeit, nur eben unbezahlt. Mit anderen Worten: Die Menschen sind nicht zu faul, im Gegenteil. Sie werden am Vollzeitlohnerwerb, so man das denn politisch für erstrebenswert hält, schlicht gehindert. Der ÖPNV-Streik wird für Unmut sorgen: keine Busse, und das bei dem Wetter! Ja, nervig. Aber es geht auch um etwas. Nämlich um die Frage, wie wir in diesem Land eigentlich arbeiten und, ja, nebenher auch noch leben wollen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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