piwik no script img

Das Nationalgericht der FleischlobbyÜber dem Mampf zum Spiel finden

Ein Lobbyverband engagiert den Koch der 2014er-Fußballweltmeister, um ein „Nationalgericht“ zu kreieren? Da ist unser Kolumnist natürlich mit dabei!

R otes Fleisch sieht sich hierzulande, um eine der dieser Tage besonders inflationär genutzten Fußballmetaphern zu verwenden, einem hohen Pressing ausgesetzt. Gute Gegenargumente – Tierwohl, CO2-Bilanz, Krebsrisiko – sorgen für ein Image knapp überm Niveau der Fifa, und auch die Ergebnisse stimmen nicht. Seit Jahrzehnten ist der deutsche Fleischkonsum rückläufig, wenngleich es 2025 wieder leicht nach oben ging.

Daher will der Lobbyverband Initiative Fleisch das rote Fleisch (also Rind, Schwein, Lamm) zu alten Erfolgen führen. Quasi über den Mampf zurück ins Spiel finden.

Für eine Stärkung des Defensivverbands sorgt schon seit rund einem Jahr die Kampagne „Iss, was dir schmeckt!“, eine kulinarische Version der beliebten liberal-konservativen Erzählung der Technologieoffenheit, die mit Slogans wie „Du. Dein Essen. Dein Ding“ für Toleranz beim Lebensmittelkonsum wirbt. Werbungshandwerklich ist das durchaus clever gemacht. Doch wie kommt man wieder in die Offensive, wer sorgt für kreative spielerische Momente?

Die Antwort liest sich wie die Parodie eines völlig überdrehten Agenturmeetings. Man nehme also den Teamkoch der deutschen Fußballweltmeister von 2014 (Holger Stromberg), suche sich aus Social-Media-Kanälen die Lieblingsessen von elf aktuellen Nationalspielern raus (Stichwort „normale Kartoffeln auf die eins“) und baue aus den elf Gerichten wie Schnitzel, Kartoffeln und Pizza ein neues, das – drunter machen wir es nicht – als „erstes deutsches Nationalgericht“ gelabelt wird. Weil es das angeblich in Deutschland, anders als etwa in Italien, noch nicht gibt.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Das ist einerseits einfach Unsinn, weil kein Land der Welt ein wirklich offiziell-festgeschriebenes Nationalgericht besitzt, und umgekehrt Deutschland durchaus bereits einige inoffizielle Nationalgerichte hat, zum Beispiel das Sauerkraut oder die Bratwurst. Es kann andererseits grundsätzlich aber auch klappen, auf diese Weise ein Nationalgericht einzuführen – auch das Käsefondue wurde erst durch eine Kampagne der Schweizer Käseunion in den 1950er-Jahren von einem Regionalgericht zu einer international bekannten Institution.

Und so hat die Initiative Fleisch kurz vorm WM-Start einen grünen Foodtruck in den Innenhof der Berliner Kulturbrauerei, dem Prototyp einer „Event-Location“, gestellt. An einer Taktiktafel verschiebt Holger Stromberg kleine Trikots, auf denen Namen wie D. ÖNER und L. ASAGNE stehen, und erklärt einer Handvoll Journalisten, wie er zu seiner Kreation gekommen ist. Er spricht von „Gaumendisco“, vom „Stromberg-Code“ und vom ersten, zweiten und dritten Crunch, den er im Gericht verbaut hat. „Ich glaube, das cruncht sehr gut. Ist sehr lecker. Und auch gut in der Hand zu halten.“

Das mit der Hand stimmt: Das Ergebnis ist ein Laugenbrotfladen, in dem sich Krautsalat, eine in Kartoffelflocken panierte Veggie-Maultasche (diese Toleranz!), eine Carbonara-Cordon-bleu-inspirierte Käsecreme, Kochbanane und wahlweise Rinderbolognese oder ein Stück Schweinerücken finden. Da ist also sehr viel umami mit drin, tatsächlich auch Crunch, aber gleichzeitig schmeckt alles recht salzig und ein wenig trocken, die Maultaschen sind fettig wie Fischstäbchen, während die wirklich interessante Kochbanane ziemlich untergeht. Und so wirkt das vermeintliche Nationalgericht am Ende so überladen und unausgegoren wie ein Matchplan von Julian Nagelsmann.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Michael Brake

Michael Brake wochentaz

Jahrgang 1980, lebt in Berlin und ist Redakteur der Wochentaz und dort vor allem für die Genussseite zuständig. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Trends, Internet, Berlin, Sport, Essen und Tieren.
Mehr zum Thema

0 Kommentare