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CSD in Berlin Kuschelkurs statt Haltung

Kommentar von

Zoe Luginsland

Der CSD in Berlin will ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen. Doch das eigene Motto „Haltung ist hot“ erfüllen sie selbst nicht.

A m kommenden Samstag ruft der CSD Berlin zu seiner Kundgebung für eine offene Gesellschaft, demokratische Werte und die Gleichberechtigung queerer Menschen auf. Dieses Jahr unter dem Motto: Haltung ist hot. Angesichts der queerfeindlichen Austeritätspolitik der vergangenen Jahre und der moralischen Paniken, die sie begleiten, ist davon beim CSD Berlin aber wenig zu sehen. Statt Queer Liberation gibt es neoliberalen Kuschelkurs.

Der CSD Berlin war noch nie eine besonders politische Veranstaltung. Er unterschied sich von Anfang an von den ersten Christopher Street Liberation Days. Die waren, in den USA der 70er, der Erinnerung an Straßenschlachten mit der Polizei gewidmet und forderten radikale politische Veränderungen, wie das Ende der Ehe-Privilegien oder gleich ihre Abschaffung. Sie kritisierten die Psychiatrisierung von Homosexualität, setzen sich ein für den Kampf für die Rechte von trans Frauen in der Sexarbeit, auf der Straße und im Gefängnis und für den Kampf für die Rechte queerer Migrant*innen.

In Berlin fand der erste CSD (das Wort Liberation ging schon da verloren) 1979 statt und war ein kleiner Party-Umzug. Sicher nicht verkehrt, aber auch sicher nicht radikal oder kritisch. Im Zentrum stand und steht die schwule und lesbische Sichtbarkeit, aber nicht mehr als das.

Leere Forderungen

Entsprechend hohl klingt auch das diesjährige Motto: Haltung ist hot. Fragt man sich, um welche Haltung es da geht, gibt es die folgende Antwort:

„Wir stehen auch in Berlin vor einer wichtigen Wahl. Deshalb rufen wir alle Ber­li­ne­r*in­nen dazu auf, Parteien zu wählen, welche die Würde des Menschen als unantastbar achten und die Regenbogenhauptstadt erhalten und weiterentwickeln wollen. Unser Ziel ist, dass alle Menschen, die zum CSD kommen, auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen“, wird Vorstandsmitglied Julia Miosga des Berliner CSD e. V. auf der Website des Vereins zitiert.

Statt einer politischen Forderung ein Aufruf zur Nutzung des Wahlrechts. Hier muss man sagen: Sichtbarkeit ist nicht genug, und es reicht nicht, eine Ablehnung der AfD verklausuliert anzudeuten. Zumal die zu keinen Konsequenzen führt: Der Wagen des AfD-Großspenders Möbel Höffner wurde nicht von den Ver­an­stal­te­r*in­nen aktiv verhindert, das Unternehmen zog sich von sich aus zurück.

Das Problem ist aber auch größer als die AfD. Ein schwuler Finanzsenator Stefan Evers, heute CDU-Bürgermeisterkandidat in Berlin, war genug, um der Regenbogenhauptstadt den Stecker zu ziehen und die meisten queeren Projekte drastisch zu kürzen. Die queersensible Sexualaufklärung an Schulen wurde eingestampft, und auf Bundesebene hat man nun auch den queeren Jugendverband Lambda vollständig gekürzt. Damit war Evers auf Landesebene vor zwei Jahren noch gescheitert.

CDU eskaliert weiter

Auch die Gründung neuer Projekte wie des Café Julia für Sex­ar­bei­te­r*in­nen in Schöneberg wurde verhindert. Gleichzeitig wird nun wahrscheinlich auch der Frauentreff Olga in der Kurfürstenstraße verdrängt, sodass die obdachlosen Sex­ar­bei­te­r*in­nen des Kiez, viele von ihnen trans Frauen aus Osteuropa, die vor queerfeindlicher gesellschaftlicher Gewalt fliehen mussten, auf sich allein gestellt wären.

Die CDU eskaliert im Wahlkampf aber noch weiter und fordert, ganz Berlin zum Sperrgebiet zu erklären und tradierte Cruising-Spots zu verdrängen. Gleichzeitig hört man von Evers Forderungen nach mehr Polizei und die immer gleichen antimuslimischen Tiraden. Genug Geld hatte man aber für einen gut sichtbaren 375.000 Euro teuren Wagen auf dem CSD. Haltung könnte heißen, diesen Wagen nicht fahren zu lassen.

Haltung könnte auch heißen, sich gegen die eskalierende globale Transfeindlichkeit zu wenden. In Großbritannien werden sexuelle Übergriffe wie Upskirting zur Gewohnheit, wenn sie von J. K. Rowling, einer cis-weiblichen Milliardärin, gegen eine trans frau begangen werden, und die neue Labour-Regierung von Andy Burnham zeigt keine Anzeichen, erniedrigende und menschenrechtsverletzende Praktiken der letzten Jahre zu stoppen.

In den USA hat die Regierung „radikale pro-transgender Ideologie“ nach russischem Vorbild gleich als terroristische Bedrohung eingestuft und ihre „Neutralisierung“ und „organisatorische Verstümmelung“ angekündigt. Deutsche Geheimdienste und Polizeibehörden kooperieren indessen weiterhin eng mit genau diesen US-amerikanischen Geheimdiensten und teilen sich zunehmend KI-Software zur Ermittlung und Gefahrenerkennung, während sie zugleich eigene rosa Listen mit Daten über trans Personen, wie zuletzt in Baden-Württemberg, erhalten. Haltung könnte heißen, dazu nicht zu schweigen und die Polizei vom CSD auszuladen.

Alternativen in Berlin

Einen Lichtblick gibt es dieses Jahr jedoch: Der Dyke* March geht einen anderen Weg und zeigt die Haltung, von der der CSD redet. Zwar haben die CSD-Veranstaltenden am Freitag zeitgleich zum Drag March aufgerufen, doch das klare Zeichen der Dykes* wird das nicht mindern.

Und trotzdem bleibt ein Funke Hoffnung: Vielleicht, wenn wir noch einige Jahre Austerität bekommen und dem CSD auch noch die letzten Groß­spen­de­r*in­nen abgesprungen sind, gibt es in den kommenden Jahren ja auch dort ein Umdenken. Und endlich ein Pride, der für die Queer Liberation steht!

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9 Kommentare

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  • Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass queere Personen aufgrund ihrer häufigen Ausgrenzungserfahrung besonders sensibel sein müssten, was Ausgrenzung anderer angeht, sozial, kulturell, religiös, ... Sie müssen sowieso nicht mehr oder weniger als nichtqueere Personen, um damit zu beginnen.

    Zweitens: Wenn ein CSD zumindest gleiche Rechte nach Orientierung verficht, ist das ja auch schon etwas. Das ist dann eine politische Demonstration. Das kann auch heißen, etwa die offene Illiberalität mancher Parteien in diesem Punkte zu benennen (wobei auch Queere nie automatisch gesellschaftlich recht hätten, sondern das ausdiskutiert gehört).



    Wenn ein CSD übrigens nur eine Party "chez nous" wäre, ist das auch schön, das ist dann aber Love Parade mit Lifestylevarianten A, B, C, ... und nicht politische Demonstration, dann sollte man das als Spaßveranstaltung auch so bezeichnen und die Kosten entsprechend tragen. Dass queere Menschen wirklich gleiche Rechte genießen, dürfte leider aber noch einige Zeit dauern, gerade, wenn sie sich das nicht mit Geld oder Connections flicken können.

  • "Gleichzeitig hört man von Evers Forderungen nach mehr Polizei und die immer gleichen antimuslimischen Tiraden."



    Das wird nach dem gestrigen Anschlag auf den CSD durch einen bereits vorher polizeibekannten Islamisten nun mit Sicherheit nicht weniger werden.



    So lange muslimische Gemeinden Islamisten und Hardliner in ihren Gebetshäusern dulden und teils gar auch decken, werden antimuslimische Haltungen in Wahlkämpfen nicht weniger, sondern mehr werden - denn sehr offensichtlich, siehe Wahlergebnisse, kann man damit sehr gute Ergebnisse erzielen.



    Das gilt mittlerweile selbst für Berlin, die letzte Infratrest dimap Umfrage von 16.07. sieht die CDU wieder bei 20% und die AfD bei 16%.



    Dieser Terroranschlag wird mit Sicherheit den finalen Wahlkampf MASSIV prägen und es wird sehr spannend, wie sich Die Linke und die Grünen hier positionieren.



    Für progressive Parteien ist dieser Anschlag so kurz vor der Wahl eine gefährliche Stolperfalle, für Union und AfD ein Wahlgeschenk.

    • @Astrid Sehnefeld:

      Die Rechten haben mit ihrer unsozialen Umverteilerei von den 95% zu dem einen Prozent eigentlich nur eine Chance mit Kulturkampf gegen "Feinde" und vagen Ressentiments.

      Dass die AfD das abzieht, ist bekannt. Wer aber auch als Partei der rechten Mitte das startet, füttert die Islamisten unverhofft und schwächt die modernen Muslime. Im schlimmsten Falle bewusst.



      Ich bitte im übrigen, mal die frühere Stigmatisierung von Katholiken in protestantischen Gegenden und Protestanten in katholischen Gegenden, die nordirischen Verhältnisse ebenso im Kopfe zu haben, bevor eine bestimmte Religion in eine Ecke gedrückt werden soll. Auch das lässt sich von einer CDU verlangen.

  • "Gleichzeitig hört man von Evers Forderungen nach mehr Polizei und die immer gleichen antimuslimischen Tiraden. "

    Bei dem Terroranschlag von gestern wird von einem islamistischen Hintergrund ausgegangen.

  • Wenn ich den Social Media Account des Dyke Marsches anschaue, scheinen die hauptsächlich damit beschäftigt zu sein die Leute in Blöcke zu unterteilen. Irgendwas über JK Rowling, KI, osteuropäische Transtreffs, etc. hab ich da nicht gefunden.

  • Nun, es sagt wohl schon viel über die Kommentatorin aus, wenn sie ausgerechnet den Dykemarch als positives Beispiel zum CSD benennt. Selbst hier in der TAZ, einem in der Sache wohl den Dykes eher positiv gesonnenem Medium, war über die Selbstzerfleischung dieser Gruppe geschrieben worden, und das nicht zuletzt wegen Sachfremden Themen; sprich der Positionierung zu Palästina. Die haben überhaupt keine klare Haltung und wenn überhaupt eine äußerst fragwürdige in Bezug auf antizionistisch verbrämten Antisemistismus und einer gelinde gesagt blauäuigigen Haltung gegenüber der sog. Propalästinesischen Szene. Insofern lobe ich mir den CSD, der sehr viel mehr für queere Sichtbarkeit sorgt und sehr viel inklusive ist. Genau damit erreicht er mehr für die queere Sache als irgendwelche ideologischen Sektierer.

    • @Fran Zose:

      Palästina ist ein tragischer Fall von Unterdrückung und scheinbarer "Lösung" eines Problems auf Kosten Dritter, und da normale Demos zu verbieten war ein rasch korrigierter Fehler; doch dafür gab es andere Artikel bereits, das also nur als Vorrrede.

      Ich halte es auch für sinnvoller, dass ein CSD sich für gleiche Rechte eben auch für queere Menschen fokussiert - das ist universal nachvollziehbar und verharrt nicht im Identitätsschränkchen. Das Palästinathema kann ja noch auf einer anderen Demo laufen, die freut sich sicher auch.



      Ein CSD, der nicht nur auf den eigenen Kirchhof guckt, sondern gleiche Rechte auch in anderen Ländern, Fällen, gleiche Rechte auch für Nichtqueere bedenkt, ist mir dabei sympathisch, eben aus jener universalistischen Richtung.

      Doch haben Demonstrationen ein Hauptthema, und das ist beim CSD, dass sexuelle Orientierung bei einvernehmlichem Sex schnurz sein sollte und nicht verboten, unterdrückt, ... werden sollte. Sonst franst es wohl aus.

    • @Fran Zose:

      Verdammt nochmal! Unter dem Eindruck des schrecklichen Terrorattentats beim CSD sticht noch einmal ins Auge, dass die Autorin sich überhaupt nicht mit islamischem Fundamentalismus befasst. Daher verliert sie auch kein schlechtes Wort über den entsprechend beschädigten Dyke March. Die Autorin hat einen blinden Fleck zum Thema Islamismus. So wie große Teile der queeren Community, die teilweise sogar noch mit Islamisten gegen Israel kuscheln möchten! Dabei ist der islamische Fundamentalismus nicht nur eine abstrakte Bedrohung, sondern ganz konkret mörderisch für uns! Gegen religiösen Fundamentalismus in jeder Form muss angekämpft werden - Schluss mit dem Wegducken!

    • @Fran Zose:

      Ganz richtig. Die Autorin leistet bestimmt gute Arbeit zum Thema christlichem Fundamentalismus, ist aber beim Thema islamischer Fundamentalismus anscheinend komplett unbewandert. Dabei gehören sowohl islamische als auch christliche Fundamentalismus in den Fokus von Kritik. Der blinde Fleck der Autorin in dieser Hinsicht bestätigt in diesem Artikel ein strukturelles Problem: dass beachtliche Teile der queerfeministischen Szene -einschließlich des Dyke Marchs- in islamischen Fundis potentielle Allies sehen.