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Anschlag auf CSD in Berlin Sommernachtstrauma

Stefan Hunglinger

Kommentar von

Stefan Hunglinger

Zum Zeitpunkt des Angriffs auf den CSD war unser Autor im Tiergarten. Mit einem Freund, der schon mehrere Anschläge erlebt hat. Was macht das mit uns?

D er Tiergarten ist ein Sommernachtstraum, gerade am CSD. Da schleichen im Mondlicht mehr oder weniger Nackte und Glitzernde durchs Unterholz, Trauerweiden hängen in dunkle Tümpel, leibhaftige Kaninchen hüpfen über die Wiesen. Musik dröhnt vom Brandenburger Tor her und bricht sich an Tausend Bäumen.

Umso krasser der Kontrast, als die Musik verstummt und ein Freund und ich um kurz nach 22 Uhr aus dem Wald auf die Straße des 17. Juni treten. „Abbruch“ steht auf den warngelben Videowänden hier. „Bitte geht nach Hause, der CSD ist abgebrochen.“

Ob das normal sei, fragt der Freund, der aus Barcelona stammt, aber in London lebt. „Ist hier so früh Schluss?“ Das ist nicht normal, das weiß ich von vielen Malen auf dem Berliner CSD. Ich bin Journalist, ich checke die App, die ich für Agentur-Eilmeldungen habe. Nichts.

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Wir folgen den Anweisungen. Der Freund kann nicht nach Hause gehen, ich hake ihn unter, schlage ihm vor, zu Fuß zu seinem Hotel zu gehen, die Bahnen müssen völlig überfüllt sein. Auch auf den Gehwegen Hunderte Queers, die sich vom Tiergarten entfernen, ruhig, scherzend, lachend. Der Freund neben mir stumm.

Schon wieder?

Er war Augenzeuge, als im März 2017 ein Attentäter in London auf der Westminster-Brücke in eine Menschenmenge fuhr. Zwei Menschen wurden damals sofort getötet und mehrere verletzt. Ein Mann starb drei Tage später an den Verletzungen. Eine Frau wurde in die Themse geschleudert, konnte zunächst gerettet werden, starb aber zwei Wochen später an ihren Verletzungen.

Der Freund war auf Heimatbesuch in Barcelona, als im August 2017 ein Attentäter mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge auf der Prachtstraße La Rambla im Zentrum fuhr. 14 Menschen wurden damals getötet, über 100 verletzt. Auf der Flucht erstach der Attentäter einen weiteren Menschen.

Und jetzt? Erlebt der Freund bei seinem Besuch in Berlin jetzt wieder so etwas? Bei mir selbst kommen die Erinnerungen an den Breitscheidplatz hoch.

Ich sage ihm, er soll sich keine Sorgen machen. Ich sorge mich selbst

Ich nehme den Freund in den Arm, sage ihm, er soll sich keine Sorgen machen. Ich sorge mich selbst. Ich checke die Agenturmeldungen. 22:37:50 Uhr. Berliner Polizei: Gelände des CSD wird geräumt … Polizeilage mit mehreren verletzten Personen …

Wir laufen Richtung Alexanderplatz, ich versuche, den Freund ins Reden zu bekommen. Ist er traumatisiert? Ich verstehe kaum etwas von Trauma, habe nur mal gehört, dass man es aktiv bewegen soll. Was immer das heißt. Ich checke den X-Account der Polizei. 22:43:28 Uhr. Möglicherweise Auto in Menge gefahren. Dann gibt mein Handyakku den Geist auf.

Wie gut wir funktionieren

Ein Rechtsextremist? Ein Islamist? Wieder bewusst vor den Wahlen? Mein Journalistenhirn arbeitet, aber eigentlich soll ich doch jetzt für den Freund da sein.

Essen. Der Freund muss etwas essen. Er hat zu wenig gegessen heute und überhaupt, essen tröstet. Ich bestelle am Alexanderplatz Chicken-Shawarma für ihn, einige bunte CSD-Vögel stehen hier Schlange, die Blicke der Verkäufer scheinen zu sagen: Gut, dass ihr hier seid. Der Ton ist höflicher als sonst, alles ist wie gedämpft. Wie muss es heute Queers gehen, die vor Krieg und Verfolgung nach Berlin geflohen sind?

Das Shawarma scheint dem Freund gutzutun, über meinen dummen Pommes-Witz kann er lachen. Jetzt checkt er die Nachrichten, Al menos un muerto y 16 heridos en Berlín. Und Waldbrände in Valencia. Er schreibt besorgten Freund:innen, dass es ihm gut gehe. Und er fragt bei denen zurück, die vom Feuer betroffen sind.

Ich übergebe den Freund an seinen Kindheitsfreund, der im Hotel wartet. Ich will nach Hause. Ich will meinen Akku laden und meiner Schwester schreiben, dass es mir gut geht. Ich will allen schreiben, die ich auf dem CSD getroffen habe oder vermute. Ich will mit einer Freundin darüber sprechen, wie beängstigend ich finde, wie gut wir alle mittlerweile funktionieren bei brutalen Attentaten. Und, dass die Angst davor, was die Rechten draus machen, eigentlich das Schlimmste ist.

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Stefan Hunglinger

Stefan Hunglinger

Redakteur im Politik-Team der wochentaz. Schreibt auch öfter mal zu Themen queer durch die Kirchenbank und ist ab und an im Radio zu hören. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Studium der Theologie, Religions- und Kulturwissenschaft.
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