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Autismus und SchuleUnverstanden, unerwünscht, ausgeschlossen

Viele autistische Kinder gehen aktuell nicht zur Schule, weil die Lernumgebung für sie nicht passt. Ex­per­t:in­nen mahnen nun mehr Anstrengungen an.

Kinder und Jugendliche, die von Autismus betroffen sind, machen an deutschen Schulen teils traumatische Erfahrungen. Das zeigt eine Studie, die die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) am Donnerstag veröffentlicht hat.

In ihrer Stellungnahme fordern die 16 Bil­dungs­for­sche­r:in­nen die Ministerien auf, die Bedürfnisse dieser Gruppe systematischer in den Blick zu nehmen – und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ein regulärer Schulbesuch für alle Betroffenen möglich wird. „Derzeit müssen Eltern oftmals für die Unterstützung für ihre Kinder kämpfen“, kritisiert die Bielefelder Professorin für „schulische Inklusion und sonderpädagogische Professionalität“ Birgit Lütje-Klose, die die Stellungnahme koordiniert hat.

Tatsächlich berichten betroffene Eltern immer wieder, dass ein normaler Schulalltag für ihr Kind kaum möglich ist. Gründe hierfür sind, dass autistische Kinder und Jugendliche häufig kein für sie passendes Lernumfeld vorfinden, es an Schulen oft an individueller Unterstützung wie Schulbegleitung sowie alternativen Unterrichtsformaten wie Distanzunterricht fehlt. Zu diesen Erfahrungen kämen häufig noch „Mobbing, Bullying und andere Formen der Diskriminierung“, sagte die SWK-Co-Vorsitzende Felicitas Thiel. Wegen dieser Belastungen hätten Au­tis­t:in­nen ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und Suizidalität. Mit ihrer Stellungnahme, so Thiel, wolle die SWK auf diese sehr heterogene und vulnerable Gruppe aufmerksam machen.

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Ein Begriff, viele Ausprägungen

Unter dem Begriff Autismus verstehen Me­di­zi­ne­r:in­nen ein ganzes Spektrum an neurologischen Entwicklungsstörungen, die sich sehr unterschiedlich äußern können. Die offizielle Diagnose lautet daher auch Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Typische Merkmale sind, dass Betroffene besonders sensibel für äußere Reize wie Lärm oder Berührungen sind, Probleme in der sozialen Interaktion zeigen sowie ein starkes Bedürfnis nach Routinen haben. Allerdings ist auch verbreitet, dass Betroffene bestimmte Verhaltensmuster verschleiern. Betroffene Eltern berichten, dass Schulen deshalb teils medizinische Diagnosen infrage stellen und eine gesonderte Unterstützung für ihr Kind nicht notwendig finden.

Wie viele Menschen hierzulande von ASS betroffen sind – und wie gut ihre schulische Inklusion gelingt – kann nur geschätzt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von rund einem Prozent der Bevölkerung aus, zu den Schulkarrieren ist so gut wie keine Aussage möglich.

„In Deutschland liegen keine gesicherten Daten vor, wie viele Schü­le­r:in­nen mit welchen Unterstützungsbedarfen auf welchen Schulformen unterrichtet werden und welchem Förderbereich sie zugewiesen sind“, sagt dazu Bildungsforscherin Lütje-Klose. „Wir wissen auch nicht, welche autistischen Kinder über längere Zeiten nicht oder nur eingeschränkt zur Schule gehen“. Die SWK fordert daher, solche Daten systematisch zu erheben.

Ein weiteres strukturelles Problem ist laut SWK, dass es bundesweit sehr unterschiedliche Regelungen im Umgang mit Autismus an Schulen gibt. So haben etwa nur vier Länder (Berlin, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein) überhaupt einen eigenen Förderschwerpunkt Autismus; ein entsprechendes Förderzentrum gibt es nur in Schleswig-Holstein.

In den übrigen 12 Bundesländern bleibt Familien dann die Wahl zwischen einer inklusiven Regelschule ohne entsprechenden Förderschwerpunkt oder eine Förderschule mit einem der anderen Förderschwerpunkte, etwa „Geistige Entwicklung“. Hier sind viele autistische Schü­le­r:in­nen jedoch nicht nur unterfordert, auch die Lernumgebung ist oft nicht passend für ihre Bedürfnisse.

In sieben Ländern keine rechtliche Grundlage

In Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt wird Autismus immerhin als besonderer Unterstützungsbedarf benannt, in den übrigen sieben Bundesländern gibt es bislang gar keine rechtliche Grundlage für autistische Schüler:innen. Auch hier sieht die SWK dringenden Handlungsbedarf, um die in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebenen „individuell angepassten Unterstützungsmaßnahmen“ für alle Betroffenen zu gewährleisten.

Das betrifft auch die heikle Frage, wie autistische Schü­le­r:in­nen beschult werden sollen, wenn ein dauerhafter Schulbesuch nicht möglich ist. Die SWK verweist auf das Ausland, in dem beispielsweise digitaler Fernunterricht oft leichter möglich sei. In Deutschland hingegen gibt es eine gesetzliche Präsenzpflicht. Ausnahmen gewähren die Schulämter „nur in absoluten Ausnahmefällen“, heißt es in der SWK-Stellungnahme.

Nachholbedarf gibt es aus Sicht der Ex­per­t:in­nen auch in der Lehrkräftebildung. Laut SWK fehlt an den Schulen häufig Wissen, wie man am besten mit autistischen Schü­le­r:in­nen umgeht. Die Professorin Lütje-Klose verweist auf wirksame Modellprojekte wie „Schule & Autismus – schAUT“ oder „INCLASS“, über die Lehrkräfte sich schulintern fortbilden können. Zudem empfiehlt die SWK, dass künftig alle angehenden Lehrkräfte schon im Studium für den Umgang mit autistischen Kindern sensibilisiert werden sollten und auch mehr spezifische Module im Studium der Sonderpädagogik geschaffen werden.

Für die Schulen selbst empfehlen die Au­to­r:in­nen der SWK-Stellungnahme den schrittweisen Aufbau einer autismussensiblen Lernumgebung. Dazu gehören neben präventiven Maßnahmen gegen Mobbing auch der Abbau von Barrieren, etwa durch ruhige Rückzugsorte für autistische Schüler:innen, sowie Konzepte und personelle Ressourcen für die individuelle Betreuung betroffener Kinder und Jugendlicher. Um all das möglichst bundesweit einheitlich zu gestalten, empfiehlt die SWK eine „politische Autismusstrategie“ nach dem Vorbild Englands oder Neuseelands. Diese solle dann aber auch mit finanziellen Ressourcen unterlegt sein, um die entsprechende Infrastruktur an den Schulen aufbauen zu können.

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3 Kommentare

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  • Absolut richtig darauf aufmerksam zu machen. Die Frage ist nur, was soll eine Schule (und nicht nur die, auch Kiga, Ausbildungsstätte und Arbeitsstätte) alles leisten? Es handelt sich um eine "sehr heterogene und vulnerable Gruppe", von denen einige keinen Lärm abkönnen, andere Probleme mit sozialen Interaktion haben und wieder andere einen anderen Lernfortschritt haben. Gerade die soziale Interaktion ist ein Problem bei Schulen, die auf gemeinsames Lernen etc setzen. Ja, man muss es versuchen zu verbessern, aber gerade Schulen sind einem permanenten Druck ausgesetzt allen entgegenzukommen und könnten damit, wenn nicht viel mehr Geld hineingegeben wird, überfordert sein.

    Was wäre es wohl für ein gesellschaftliches Zeichen, wenn zB an der Strasse des Wohnorts ein Schild stehen würde "Achtung, autistisches Kind in der Nachbarschaft"? Würde das zu mehr Akzeptanz führen oder zu vermehrtem Mobbing? Unmöglich? In den USA gibt es, zumindest im ländlichen Raum, solche Hinweisschilder (die natürlich vor allem den Verkehr sensibilisieren sollen).

  • Schulen fallen in den Kompetenzbereich der Länder; daher ist eine bundeseinheitliche Regelung Aufgabe der Kultusministerkonferenz, welche dann auch dafür Sorge tragen müsste, dass die Länder die finanziellen Mittel bereitstellt.

    Insgesamt frage ich mich, wie an den bereist jetzt vollkommen überforderten Regelschulen die geforderten Massnahmen umgesetzt werden sollten. Angesichts solcher Utopien wäre es besser, Kinder an besonderen Schulen bedürfnissgerecht zu unterrichten und ihnen dort dann entsprechende Unterstützung anzubieten.

    Eine ideologisch geforderte Inklusion hat als Kehrseite der Medaille, dass wegen zu hoher Ziele und Erwartungen am Ende gar nichts klappt.

    In der Klasse meiner Tochter hatten wir eine Weile ein Nachbarkind mit Autismus.

    • @DiMa:

      Hier Ideologie anzubringen ist gelinde gesagt verstörend. Was ist daran Ideologie wenn alle Menschen einfach die gleichen Möglichkeiten der gesellschaftliche Teilhabe am öffentlichen Leben haben sollen ? Was verdammt nochmal eines ihrer GRUNDRECHTE ist. Tut mir leid, aber solche Kommentare sind einfach nur menschenfeindlich; weil hier wieder die Schuld des Nicht-Funktionierens auf die Betroffenen abgewälzt wird. Da könnt ich einfach nur wieder kotzen; widerlich.