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Ausweitung der Todesstrafe in IsraelIsraelische Botschaft disst Menschenrechtsbeauftragten

Menschenrechtsbeauftragter Lars Castellucci warf Israel vor, sich „außerhalb unseres Wertesystems“ zu stellen. Israels Botschafter reagierte auf der Plattform X.

Nicht eben zimperlich in der Wortwahl: Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland Foto: Jens Kalaene/dpa

Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, hat den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Lars Castellucci, scharf kritisiert. „Sehr geehrter Herr Castellucci, mit solchen Freunden braucht man keine Gegner“, hieß es Dienstagabend auf dem X-Account der israelischen Botschaft. In dem Post war von „Doppelmoral“ und „arroganten Belehrungen“ die Rede. Die israelische Botschaft reagierte damit auf einen Kommentar des SPD-Politikers, ebenfalls auf X, in dem dieser die Ausweitung der Todesstrafe in Israel scharf kritisiert hatte.

„Israel stellt sich mit diesem diskriminierenden Gesetz klar außerhalb unseres Wertesystems“, schrieb Castellucci. Die Todesstrafe sei eine grausame und unmenschliche Strafe und mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Hintergrund ist ein Gesetz, das am Montag in der Knesset beschlossen wurde. Es sieht die Einführung der Todesstrafe für palästinensische Straftäter vor, die Israelis aus „terroristischen“ Motiven töten, nicht aber für Israelis, die Palästinenser töten. Der Beschluss geht auf eine Forderung des rechtsextremen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, zurück.

In dem Post der israelischen Botschaft heißt es weiter: Die Kommentare Castelluccis erfolgten, während die Bürger Israels unter dem Beschuss von Staaten stünden, die die Vernichtung des Landes anstrebten. „Sie tun nichts, um das nächste Massaker an Juden zu verhindern – aber drohen Israel, wenn es seine Bürger schützt.“

Der Regierungssprecher wiederholte am Mittwoch noch einmal die Kritik der Bundesregierung an der Entscheidung der Knesset. Sie sehe das neue Gesetz mit großer Sorge und könne die Entscheidung nicht gutheißen, sagte Stefan Kornelius. Darin sei sich die Bundesregierung mit ihren Partnern in der EU einig.

Die besorgte Bundesregierung

Zuvor hatte Kornelius bereits mitgeteilt, dass die Ablehnung der Todesstrafe ein grundsätzliches Merkmal der deutschen Politik sei. Und: „Die Bundesregierung ist zusätzlich besorgt, dass ein solches Gesetz wohl ausschließlich auf Palästinenser in den palästinensischen Gebieten Anwendung finden würde.“ Die Frage nach Konsequenzen ließ Kornelius unbeantwortet. Genau solche waren zuvor von Linken und Grünen gefordert worden. Grünen-Chefin Franziska Brantner etwa sprach sich erneut für Sanktionen gegen die rechtsextremen Minister Ben-Gvir und Bezalel Smotrich aus.

Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte, hatte im Namen der 27 Mitgliedstaaten die Entscheidung der Knesset ebenfalls scharf kritisiert. Die Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes durch das israelische Parlament stelle einen schwerwiegenden Rückschritt gegenüber der bisherigen Praxis sowie gegenüber den eigenen Verpflichtungen Israels dar, teilte Kallas mit. Man sei zutiefst besorgt über den faktisch diskriminierenden Charakter des Gesetzes.

Die EU fordere Israel auf, an seiner bisherigen grundsätzlichen Haltung festzuhalten und seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen sowie seinem Bekenntnis zu demokratischen Grundsätzen nachzukommen, wie das auch in den Bestimmungen des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel verankert sei, so Kallas weiter.

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16 Kommentare

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  • Demokratie ist, wenn für alle innerhalb eines Rechtsraumes die gleichen Gesetze gelten.

  • Ein Land mit der Atombombe, militärischer Regionaldominanz, ... kann sich nur selbst besiegen. Menschen wie Prosor und Netanyahu sind die Gefährder Israels!



    Draufhauen statt Zuhören, Töten statt Recht. Die Methode greift leider auch in anderen Staaten um sich. Auch daher sollten wir universale Maßstäbe auch hier anlegen, nicht mehr, nicht weniger.

    • @Janix:

      Nicht ganz, die Gefährder sind die, die diese Leute mit Begeisterung wählen.

  • Solange die EU das Assozierungsabkommen mit Israel nicht aussetzt, sind alle Kritiken und Hinweise auf Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit gegenüber Israel von Seiten Deutschlands und der EU nur Worthülsen ohne Wert.

    Und wer als Vertreter der EU ernsthaft Israel darauf hinweist seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach zukommen, ohne die Verstöße dabei zu erwähnen, der scheint die letzten 50 Jahre verschlafen zu haben.

    Völkerrechtlich verpflichtent hiesse für Israel, den Angriffskrieg gegen den Iran zu beenden, sich aus dem Libanon zurückziehen, die Siedlungen in Westjordan zu räumen, die Militärgerichtsbarkeit im Westjordan und in Gaza abzuschaffen und Reparationsleistungen für den Wiederaufbau in Gaza zu leisten und zwar unter Anleitung eines Friedensvertrags der das Selbstbestimmungsrecht der Völker garantiert und nicht nach Trumps 20 Punkte Verfahren des informalen Imperialismus verfährt.

    Solange Israel den jetzigen Kurs weiter verfolgt, ist jede Form der Unterstützung, sei sie politisch, wirtschaftlich oder in Form von Militärhilfen nichts anderes als aid and assistance (die deutsche Umschreibung hierfür ist mir leider nicht geläufig).

  • Die Aktualisierung der Todesstrafe in Israel - für Palästinenser:innen only - ist angesichts der bisherigen Aktionen der rechtsextremen israelischen Regierung keine Überraschung. Wenig überrascht auch der besonders scharfe Ton gegen die Kritik aus Deutschland (die im EU-Vergleich nicht hervorsticht). Galt doch Zustimmung oder zumindest verlässliches Schweigen bisher als sichere Bank deutscher "Staatsräson" gegenüber jeder israelischen Regierung und Handlung, auf die man selbst nach dem Genozidvorwurf und der dazu eingereichten Klage noch zählen konnte. (Inzwischen ist auch da die Unterstützung weg). Überraschend ist tatsächlich die nun laut hörbare Kritik von offizieller deutscher Seite. Womöglich lässt sich das auch durch die aktuelle Lage erklären, in der die USA und Israel - vormals eng verbündete Staaten - vollkommen auf EU-Interessen pfeifen und ihren aktuellen völkerrechtswidrigen Krieg im Iran zum massiven wirtschaftlichen Schaden weltweit und auch der EU durchziehen. Da kann man die Einhaltung universaler Menschenrechte und des Völkerrechts nun auch von (ehemals) Verbündeten einfordern.

  • Niemand ist verpflichtet sich an dem ehemaligen Bundesjustizminister



    Richard Kopf&Glied-ab Jaeger CSU



    Ein Beispiel zu nehmen.



    (©️Herbert Wehner)



    & sodele



    « Utiliser contre les terroristes la peine de mort, c’est, pour une démocratie, faire sienne les valeurs de ces derniers. »



    „Eine Demokratie, die gegen Terroristen die Todesstrafe vollstreckt, macht sich die Werte Letzterer zu Eigen.“



    – Robert Badinter: Rede vor der Assemblée Nationale - Justizminister France

    Dagegen gibt es nichts zu erinnern.



    Israel hingegen stellt sich damit - endgültig - außerhalb der zivilisierten Staaten •

  • Eines ist klar: Durch die Einführung der Todesstrafe schützt man niemanden! Man sieht in den USA, dass die Todesstrafe die Zahl der wie auch immer motivierten Tötungsdelikte nicht reduziert.

    • @Aurego:

      USA und Israel sind aber in dieser Hinsicht nicht vergleichbar.

      Israel hat das Problem, dass die palästinensischen Terroristen ihre Kameraden freipressen, die anschließend wieder weiter töten.

      Wäre Sinwar getötet worden, hätte es vielleicht kein Massaker am 7.10. gegeben.

      Durch die Todesstrafe gibt es niemanden mehr, der freigepresst werden kann.

      Es geht hier nicht um Abschreckung, wie sonst bei der Todesstrafe.

      Alles Handeln der israelischen Regierung ist deren Lehre aus dem 7.10.

      Das Gesetz hat schon eine gewisse Logik.

      Dass die aufgeht, kann ich mir trotzdem nicht vorstellen.

      • @rero:

        Können Sie sich an Helmut Schmidt erinnern? Er legte fest, dass sich der Staat nicht erpressen lassen darf. Das wirkte.

  • Herr Prosors Aufgabe ist es, die Position der israelischen Regierung hierzulande zu vertreten. Im Moment kein Job mit dem man viel Zustimmung einheimsen kann. Im Endeffekt muss er selber entscheiden, ob und wie lange er es vor sich selber vertreten kann, für solche Positionen zu stehen.

  • Mal ehrlich: nimmt denn den Prosor noch irgendwer ernst?

  • Merkt Herr Prosor nicht, dass er mit seinen hysterischen Reaktionen eher mehr Menschen gegen Israel aufbringt.



    Die Todesstrafe ist primitiv und gerade gegenüber terroristisch-religiösen Bedrohungen nahezu nutzlos.



    Wenn Herr Prosor die Kritik, die ihm nicht passt sachlich damit zurückgewiesen hätte, dass es die Entscheidung eines demokratisch gewählten Parlaments war und er wohl auch persönlich dahinter steht, hätte es auch gereicht.

    • @Axel Schäfer:

      "Sie tun nichts, um das nächste Massaker an Juden zu verhindern – aber drohen Israel, wenn es seine Bürger schützt.“

      Sorry, aber ich würde sagen, das ist sachlich und korrekt.

      Auch beim nächsten Massaker wird wieder niemand Isrel durch Taten unterstützen.

      Ein paar lauwarme Worte und das war es.

      Vielleicht gäbe es dieses Gesetz gar nicht, hätte Israel am 8.10. mehr Solidarität von der UN und anderen Ländern erfahren.

      Man hätte das Trauma der Israelis eventuell verringern können und so die israelischen Reaktionen abmildern können.

      Womöglich wäre bereits der Krieg in Gaza anders verlaufen.

      Dazu war halt niemand bereit.

  • Todesstrafe ist Mord. das gilt für Singapur, den Iran, Russland, die USA und auch Israel.

    Aber immerhin nimmt die israelische Regierung die Kritik gegen sie ernst und will ihr gerecht werden. Wäre ja auch zu schade, wäre die Kritik an Israel vollständig haltlos.

    • @tehabe:

      Volle Zustimmung meinerseits, nur eine kleine Anmerkung: In Russland gibt es keine Todesstrafe, lediglich in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine.

      • @Saile:

        Russland ist das einzige Land in Europa indem die Todesstrafe gesetzlich verankert ist.

        Sie wurde aufgrund des Beitritts Russlands zum Europarat lediglich ausgesetzt, kann aber per Präsidialerlass jederzeit wieder in Kraft treten.