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Aus vom Verbrenner-AusDer lange Arm der deutschen Autolobby erschlafft in Brüssel

Jonas Waack

Kommentar von

Jonas Waack

Die Abkehr vom Verbrenner-Aus ist schlecht fürs Klima. Aber der Kompromiss zeigt: Die deutsche Autolobby hat nicht mehr viel Macht in Brüssel.

Die Zukunft der Autostadt sollte elektrisch werden Foto: Moritz Frankenberg/dpa

I n diesen turbulenten Zeiten ist es beruhigend, sich auf eine Konstante verlassen zu können: Die deutsche Autoindustrie kann weitgehend die Position der Bundesregierung bestimmen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) und sein Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) setzten sich in Brüssel dafür ein, das Verbot für Neuzulassungen von Verbrennern ab 2035 zu kippen. Damit waren sie erfolgreich: Die EU-Kommission schlug am Dienstag vor, dass die Autohersteller den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagenflotten nur um 90 statt 100 Prozent reduzieren müssen. Das ist eine schlechte Nachricht für den Klimaschutz, aber es gibt auch eine gute: In Berlin kann die deutsche Autolobby zwar weiter die Muskeln spielen lassen – aber in Brüssel wird ihr langer Arm zunehmend kraftlos.

Denn Spanien, Frankreich, Skandinavien, die Niederlande sowie ihre heimischen Lobbygruppen sind gegen Rückschritte. Ihre Unternehmen sind auf dem Weg Richtung Elektromobilität weiter, bauen kleinere, billigere Autos und sind weniger auf den Export angewiesen. Gelockerte Klimavorgaben würden sie für zukunftsgerichtetes Denken bestrafen: Weltweit wächst der Anteil der verkauften E-Autos, sie sind effizienter und machen unabhängig von Ölimporten.

Deswegen ist Teil des Kompromissvorschlags der Kommission, dass zusätzliche CO2-Emissionen durch Verbrenner ab 2035 ausgeglichen werden müssen, beispielsweise indem die Autobauer klimaneutral hergestellten Stahl verwenden. Das hilft gleichzeitig der Stahlindustrie, die für ihr grünes, etwas teureres Produkt noch zu wenige Abnehmer findet. Außerdem will die Kommission Unternehmen zu mehr E-Dienstwagen verpflichten und den Bau kleinerer E-Autos belohnen. Das Verbrenner-Aus-Aus ist deshalb keine bloße Kapitulation vor fossilen Konzernen, sondern eine Reform, die alles komplizierter macht, aber in zehn Jahren vielleicht als Erfolg gelten kann.

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Entsprechend unglücklich ist die Vorsitzende des deutschen Autolobbyverbands VDA, Hildegard Müller: „Für den Automobilstandort Europa, für Wirtschaft, Wachstum und Beschäftigung ist das heute kein guter Tag“, sagte sie. Die Ursachen der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit Europas habe die Kommission nicht angesprochen.

Schuld war nie das Verbrenner-Aus

Da hat sie recht, aber das hat einen Grund: An den sinkenden Gewinnen der Autokonzerne war nie das Verbrenner-Aus schuld. Es sind die chinesischen Hersteller, die den deutschen Platzhirschen in China und weltweit den Rang ablaufen. Ihre Batterien sind besser, ihre Preise niedriger. Indem die deutsche Autoindustrie noch die letzten Profite aus ihrem Verbrennergeschäft pressen will, verbaut sie sich und ihren Beschäftigten die Zukunft.

In den meisten EU-Ländern weiß man das, auch die IG Metall begrüßt den Vorschlag der Kommission. Klartext aus Berlin würde den Vorständen in München, Stuttgart und Wolfsburg guttun. Aber dafür müssten Merz und Klingbeil den Mut aufbringen, eine echte Erneuerung der deutschen Industrie anzustoßen und dafür Geld in die Hand zu nehmen. Anzeichen für diesen Mut gibt es bisher keine.

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Jonas Waack
Klima-Redakteur
Jahrgang 1999, zuständig für Klima-Themen im Ressort Wirtschaft und Umwelt. Stadtkind aus Mecklenburg, möchte auch sonst Widersprüche vereinbaren. Bittet um Warnung per Mail, falls er zu sehr wie ein Hippie klingt.
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19 Kommentare

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  • Ein Jammer, dass die deutsche Autoindustrie in den letzten 20 Jahren keine Gewinne eingefahren hat und es nun umweigerlich an Merz und Klingbeil hängt, ob sie sich erneuern können. Wer außer dem Steuerzahler sollte das auch finanzieren?

    • @nihilist:

      Wo Sie gerade Klingbleil sagen: Wer besitzt nochmal die "goldene Aktie" bei VW und kann damit Gewinnausschüttungen (auch in den eigenen Haushalt) quasi erzwingen oder verhindern? War da nicht etwas mit einem deutschen Bundesland... ?

    • @nihilist:

      Diese Industrie hat davon gelebt, den Staat zu melken: "Abwrackprämie", "Auto-Lehrstühle", Pendelbezuschussung über die Steuer, Dienstwagen, Exportbevorteilung, Infrastrukturaufbau, weitergeschobene externe Schäden ...



      Kernqualifikation war und ist da der Lobbyismus und die gerade platzende Illusion.

      • @Janix:

        Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • Ich finde es krass, dass die CDU so offensichtlich gegen die Industrie arbeitet. Aber 2035 sind bestimmt wieder andere Parteien an der Regierung beteiligt, und dann können sie wieder denen die Schuld in die Schuhe schieben, wenn die deutsche Autoindustrie den Bach runtergeht.

  • Die deutsche (Auto-)Industrie verliert jetzt schon ihre klassischen Exportmärkte, vor allem an China. Mit einem Fettnäpfchen-Kanzler als Marionette der Fossilindustrie wird das eh nichts, wie seine drei Niederlagen dieser Woche zeigen. Ist dasselbe wie bei Trump: hoffen auf die nächste Wahl.

    • @Nordischbynature:

      Schade, dass er mit so etwas sein Macht-Pulver für das komplett Falsche verplempert, wie mensch an Merz' Nichterfolg bei anderem sehen kann.



      Die Union sollte den Plan B in der Schublade haben. Laschet kann interim die Nachfolge vielleicht einfädeln.



      Vielleicht ein Ministerpräsident dann, und bitte _nicht der Rent-a-Rüttgers-Wüst aus Düsseldorf.

      • @Janix:

        Mein Nachbar meint, es wird Söder xD

  • Die EU-Kommission hat lediglich vorgeschlagen, das 2035-Ziel leicht abzuschwächen (90 % statt 100 % CO₂-Reduktion). Das ist kein Beschluss. Jetzt müssen EU-Parlament und Ministerrat zustimmen – dort sind die Mehrheiten unsicher. Starke Gegenwehr aus Parlament und mehreren Mitgliedstaaten macht die Annahme offen bis unwahrscheinlich. Bis dahin gilt weiter das bestehende Recht.

  • "...aber in zehn Jahren..."



    In der Zwischenzeit stimmen die Kunden mit dem Geldbeutel ab.

  • Das Tragikomische an dieser (und vieler weiterer) Angelegenheit ist ja, dass sich Gestalten wie Merz, Linnemann und Lindner als Wirtschaftsexperten verkaufen - und damit beim Wahlvolk erfolgreich punkten. Die traurige Wahrheit ist hingegen, ganz schlicht: sie haben von Ökonomie keine Ahnung. Maximal von kurzfristiger Profitsteigerung. Übermorgen ist schon zu fern, Kollateralschäden sowieso.

  • Ich habe das Verbrenner-Verbot nie verstanden - wer musste Röhrenmonitore verbieten? Leute, wer glaubt im Ernst, dass 2035 noch irgendjemand etwas anderes als einen coolen Stromer kauft? Der BMW iX3 ist ein mega geiles Auto (ausverkauft bis Ende 2026) und der elektrische CLA von Mercedes-Benz hat im Test von AMS die höchste Punktzahl aller jemals getesteten Autos erzielt! Und mit dem ID.Polo wird es nächstes Jahr auch für Familien wie die unsrige einen bezahlbaren Elektro-Volkswagen geben. Übrigens: Nicht alle habe die Transformation verpennt. Am Mittwoch dieser Woche hat PowerCo in Salzgitter die Fertigung von Batteriezellen aufgenommen. DAS ist ein Grund zum Feiern!

    • @Markus Stulle:

      Das Argument mit den Röhren ist korrekt. Transistoren haben Röhren ersetzt ohne dass irgendjemand durch Gesetze irgendwas erzwingen musste. Allerdings bin ich der Meinung dass auch 2035 noch viele Menschen Verbrenner kaufen werden. Wo soll denn der ganze Strom für E-Autos herkommen, wo die Ladestellen, wo das Lithium usw? Das wird alles viel teurer werden als man sich jetzt wünscht.



      Ganz allgemein: wer technische Transformation durch Gesetze und Subventionen erzwingen will, ist auf dem Holzweg. Aus wirtschaftlicher, technischer und psychologischer Sicht. Die Entscheidung für oder gegen ein E-Auto soll bzw muss freiwillig sein. Im Grunde ist das Verbrenner-Verbot sozialistische Planwirtschaft, und was die bewirkt hat war ja überdeutlich zu sehen. Die Planwirtschaft ist übrigens auf derm Modell der deutschen Kriegswirtschaft 1916-18 begründet, wie Lenin mal geschrrieben hat. Also schließt sich hier mal wieder der Kreis.

      • @Gerald Müller:

        ja ja, woher soll all der Strom kommen... Ich kann es nicht mehr sehen. 30% mehr Strombedarf bei Vollelektrifizierung des Verkehrs in 20 Jahren. Warum kommt diese idiotische Argument immer wieder? Wer so etwas noch schreibt, ist schon disqualifiziert.

      • @Gerald Müller:

        Nein, das ist Ordoliberalismus. Der Staat setzt die Grenzen, innerhalb deren die Unternehmen frei agieren.

    • @Markus Stulle:

      Eine Erklärung:



      Die Autos sind ja grob im Durchschnitt (!) schon 10 Jahre plus auf der Straße, also fahren deutlich länger als das.



      Wie bei Gasheizungen würde also massiv fehlinvestiert, wenn Menschen noch fossil neukaufen (und damit _später auch betriebswirtschaftlich schweineteuer). Wir müssten längst das Steuerrad eingeschlagen haben, auch ökologisch.



      Ansonsten feiere ich gerne mit Ihnen, dass zwar der Entzug vom Auto noch lange nicht angegangen ist, aber zumindest das E-Methadon anrollt.

  • Naja, eben hausbackene Herangehensweise... und wenn die Karre an die Wand gekracht ist, sind eh die anderen Schuld. Aber, wohlgemerkt, diese Herangehensweise ist ja von der Mehrheit der aktiven Wähler so gewollt. Ergo, im Schadensfall bitte erst mal an die eigene Nase fassen, bevor man den Zeigefinder weit von sich wegstreckt.

  • Die EU-Kommission hat lediglich vorgeschlagen, das 2035-Ziel leicht abzuschwächen (90 % statt 100 % CO₂-Reduktion). Das ist kein Beschluss. Jetzt müssen EU-Parlament und Ministerrat zustimmen – dort sind die Mehrheiten unsicher. Starke Gegenwehr aus Parlament und mehreren Mitgliedstaaten macht die Annahme offen bis unwahrscheinlich. Bis dahin gilt weiter das bestehende Recht.

  • Letzteres wurde bi lütten ja auch Zeit! Wollnich



    Matthias Wissmann - die Lusche* - hat doch insbesondere zur Abgasskandal - Die Klappe - genügend Unheil zu Lasten der Umwelt & der vielzähligen getäuschten Käufer angerichtet.



    Als es mich mal via KritJur als Melatenblonder unter die jurJunggäst verschlug.



    Sagte ich als Logiergast beim Absacker zu dem RA - der jurZuarbeiter erst bei den Geschädigten - derzeit bei den Industriellkriminellen; “Höma. Wissmann & Co suchen - vor allem in Brüssel - die Stellschrauben so zu verstellen - daß die Verantwortlichen nicht in den Kahn gehen!“



    “Genau das ist der Job! Gelle!“



    Na dann Prost 🍻

    unterm——* Lusche



    Früher - analog - flogen die nicht abgeholten Klausuren - nix Datenschutz - in ein offenes Schapp! Gell



    A friend Kommilitone big gun ZivilR - zwischenzeitlich Assi bei Prof Baur Tübingen:



    “Da denkste - huch: Matthias Wissmann Klausur für den kleinen?! Und du liest. & denkst



    Hola - was eine fehlerhafte dünne Suppe! Gell



    Das sind also unsere zukünftigen Eliten!



    Na Mahlzeit“ •