Abhängigkeit von Alkohol: Das Problem der anderen

Alkoholsucht ist etwas für Kurzgeschichten und Dokus – dachte ich lange. Bis die negativen Folgen von Alkohol mich selbst trafen.

Eine Frau sitzt vor einem Fenster in der Dämmerung und hält ein Glas Wein in der Hand

Für viele gehört das Glas Wein zum Feierabend-Ritual dazu Foto: Gala Martinez Lopez/imago

Neulich hörte ich bei einer Online­diskussion zum Thema Lockdown zu. Einer der Diskutierenden, ein Journalist, kam auf Alkohol zu sprechen. Er schätze Alkohol in diesen Zeiten sehr. Schließlich könne man Alkohol gut einsetzen, um zu entspannen. Niemand widersprach.

Warum auch? Alkohol ist was Feines. Negative Folgen von Alkohol? Klar, gibt es. Aber die treffen ältere Männer, die ein trauriges Leben haben, die verfallen halt dem Alkohol, die haben nichts anderes. Bedauernswert. Mit dieser Hybris bin ich durchs Leben gegangen – bis die negativen Folgen von Alkohol mich selbst trafen. Nicht, weil ich viel trank. Sondern weil der Mann, mit dem ich zusammen war, es tat.

Er sah ganz normal aus, ging normal arbeiten, war sogar ziemlich erfolgreich. Wenn wir abends Wein tranken, füllte er sich ein paarmal öfter nach als ich. Wenn wir mit Freun­d*in­nen ausgingen, war er gesellig und lustig. Egal, wie viel er am Abend getrunken hatte, am nächsten Morgen stand er früh auf und ging zur Arbeit.

Doch irgendwann fing die Unberechenbarkeit an. Die Willkür in der Laune. War ich heute die perfekte Freundin, machte ich am nächsten Tag alles falsch. War heute ein wunderschöner Tag, stimmte am nächsten nichts mehr. Von Tag zu Tag verstand ich weniger. Ich stellte meine Wahrnehmung in Frage. Ich stellte mich in Frage. Ich wollte, dass es ihm gut ging, aber verstand nicht, dass er vor einer inneren Wunde davonlief, die zu einem Abgrund für uns beide wurde. Ich wollte helfen, wusste nicht, wie. Ich fühlte mich schuldig. Ich verlor mich.

Das Lügen wird einem leicht gemacht

Menschen, die von Alkohol abhängig sind, bauen eine Welt aus Lügen auf, um weiterzuleben. Sie verletzen Menschen und trinken dann noch mehr, um zu vergessen, dass sie Menschen verletzt haben. Sie lügen sich selbst an, aus Angst, ihren Schmerz sehen zu müssen. Sie lügen andere an. Sie „funktionieren“. In einer Gesellschaft, in der Alkohol so akzeptiert, ja, gefeiert ist, wird das Lügen leicht gemacht.

Ich wusste nicht, dass er Alkoholiker war. Al­ko­ho­li­ke­r*in­nen waren für mich die anderen. Nicht wir, in unserer Welt der akademisch Gebildeten und Wohlhabenden, die über alles Bescheid wissen. In unserer Welt, in der wir Alkoholismus aus Kurzgeschichten kennen oder aus Dokus, die uns betroffen machen. Ein Irrtum. Ich kenne heute in meinem privaten und beruflichen Umfeld mehrere „funktio­nierende“ Alkoholiker*innen. Sie fallen nicht auf, sie arbeiten in guten Positionen in Zivilgesellschaft, Politik, Medien. Sie verletzen sich und andere, aber sie gestatten sich keine Hilfe – sie „funktionieren“ ja.

Jede dritte Gewalttat in Deutschland wird unter Alkoholeinfluss verübt; in Beziehungen wird deutlich mehr Gewalt verübt, wenn der Mann Alkoholiker ist, als wenn er nicht trinkt. Ich kann und will mir kaum vorstellen, was es mit Kindern macht, wie es ihr Leben verändert, wenn sie mit einem Elternteil aufwachsen, das da zu sein scheint, aber nicht da ist.

Wir wissen das alles. Aber wir ändern nichts.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de