piwik no script img

Zum Tod von JanoschOh, wie schön war …

Illustrationen und Geschichten mit Herz und Verstand: Dafür war Horst Eckert aka Janosch bekannt. Nun ist er 95-jährig gestorben. Ein paar Erinnerungen.

Um es zu dieser Berühmtheit zu bringen, Kinderbuchautor, Illustrator und Figurenerfinder, brachte er die allerbesten Voraussetzungen: eine Kindheit (im damals noch deutschen Oberschlesien, Hindenburg), die schrecklich war, ein Vater als gewalttätige Figur im Dauersuff, eine Mutter als dessen Komplizin, ein Auf-der-Welt-Sein als kleines Wesen, das wohl hauptsächlich dies fühlte – Angst. Ein nicht untypisches Leben als Kind in jenem frühen 20. Jahrhundert, in dem der eigene Nachwuchs als nervende Last verstanden wurde, zu behandeln mit Schlägen.

Janosch, wie sich der Zeichner dann nannte, um nicht als der geborene Horst Eckert kenntlich zu bleiben, erschuf sich eine bessere Welt in seinen Zeichnungen und Geschichten. Die Tigerente, Günter Kastenfrosch & selbstverständlich die beiden Freunde, der kleine Bär und der kleine Tiger, die Helden des Buchs „Oh, wie schön ist Panama“, 1978 erschienen und auf Anhieb als Helden in Kinderzimmern, bei freundlich gesinnten Eltern die Stars einer Weltsicht, die auf Freundschaft setzt, auf Einvernehmen, Neugier und Weltstaunen, nicht auf Prügelstrafe und Demütigung.

Janoschs Welt wurde (nicht nur) in Deutschland so prägend für das Verständnis von Kindern als kleinen Menschen, nicht lästiger und zu zügelnder Brut wie Jahrzehnte, gleich nach der Nazizeit, zuvor Astrid Lindgrens Heldinnen, unter ihnen besonders Pippi Langstrumpf, oder die Wesen aus der US-Serie der „Sesamstraße“, hierzulande in der ARD verantwortet.

Der Zeichner, der, was sonst, jeden Tag den Schrecken seiner Kindheit entfloh und deshalb auch sehr gern auf Teneriffa lebte, ist am 4. November dortselbst, 95-jährig und länger schon nicht mehr so recht gesund, gestorben. Aber was heißt das schon? In den Herzen seines Publikums bleibt er gewichtig. Jan Feddersen

Über Kinderbücher hinaus

„Es lebte einst ein Floh, in einem Zirkus froh, er lebte wunderbar, denn er war dort ein Star.“ Das Lied aus dem Hörspiel „Leo Zauberfloh“, von dem ich vor fünfzig Jahren eine Langspielplatte bekam, habe ich heute noch im Ohr. Pilarski, Direktor des Flohzirkus Magnus, ist sein bester Floh entkommen. „Der Leo ist entlaufen“ steht auf den Suchplakaten, die er in der Stadt aufhängt. Doch zwei freche Jungs, Kalle Schnappka und Achim Dudek, ändern das Wort „Leo“ in „Löwe“ – und die Panik beginnt.

Pilarski, Schnappka und Dudek – mich haben als Kind vor allem diese Namen fasziniert in den frühen Geschichten von Janosch. Andere hießen Piontek, Postalski oder Glatzek. Denn Janosch – eigentlich Horst Eckert – stammte aus Oberschlesien. Das wurde mir erst so richtig klar, als ich zwanzig Jahre später selbst für ein Jahr dort gelebt habe, als Sprach- und Kulturassistentin beim Verband der deutschen Minderheit. Dort war ich für die Jugendarbeit zuständig. Unter schlesischer Literatur wurde hier vor allem Josef von Eichendorff verstanden. Für Kinder und Jugendliche nichts, um sie für Literatur zu begeistern. Von Janosch hatten sie noch nie gehört, und seine Bücher gab es damals in Polen auch nicht zu kaufen.

So wie Astrid Lindgren heute vor allem mit der angeblich heilen Bullerbü-Welt assoziiert wird, denkt man bei Janosch automatisch an sein Panama-Buch von Bär, Tiger und ihre Tigerente. Wer mehr wissen will über diesen Autor, der 1931 in Hindenburg, heute Zabrze, geboren wurde, dem seien seine genialen Erwachsenenromane „Polski Blues“ und „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ ans Herz gelegt, die in ebendiesem Oberschlesien spielen. Da ist es vorbei mit heiler Welt. Und man versteht gut, warum Janosch mit seinen späteren Büchern und Zeichnungen diesem von Armut und Gewalt geprägten Leben etwas entgegensetzen wollte. Gaby Coldewey

Tiger und Bär und die Fürsorge

Vom Dramatiker Peter Hacks ist der Satz überliefert: „Es gibt, genau genommen, nur Kunst, die allen gefällt, und Kunst, die niemandem gefällt.“ Man muss nun gar nicht in die historisch-ästhetischen Untiefen dieses Diktums abtauchen, um sofort auf Janosch zu kommen. Kunst, die allen gefällt, allen Kindern, allen Eltern. Weil sie das Traumatische jeder Kindheit aufhebt, weil sie bezaubert wie Mozarts „Zauberflöte“.

Allein die Beobachtung im Bilderbuch „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“, dass, wenn einer krank ist und umsorgt wird – in diesem Fall der Tiger –, dann auch der andere – der Bär in diesem Fall – mal krank sein will und darf; dass Kinderkrankheit eben etwas auch Schönes ist, weil sie Exklusivität der Zuwendung verspricht: Das ist so genau beobachtet, so tief und komplex gefühlt, dass zumindest meine Kinder diese Stelle immer wieder hören möchten. Immer wieder: Denn Janosch wird nie langweilig.

Selbst beim wiederholten Vorlesen erschließen sich immer neuen (Bild-) Details, ohne dass die Seiten dadurch überladen und wimmelig wirkten. Aber es ergeben sich eben auch grundsätzliche Fragen: Was ist denn krank, was gesund? Was sind wir denn, wenn wir nicht unsere Leibspeise verlangen dürfen, wenn wir leidend sind – und warum sind wir dann doch hochzufrieden mit einer Suppe?

Und warum geht es uns immer erst ein wenig besser – und dann immer wieder ein wenig schlechter, bis wir eben wieder gesund sind? Und wie schön und selbstverständlich ist das dann! Janoschs Kinderbücher sind Klassiker. Sie sind existenziell, reduziert, hochkomplex, fabelhaft – so wie die Bouillon, die der kleine Bär dem kleinen Tiger kocht. Ambros Waibel

Aufklärung mit Janosch

Oh, wie schön ist … Sex. Ausgerechnet das lehrte mich der gerade verstorbene Janosch. Neben dem auf Janoschs Figuren beruhenden Tigerenentenclub (Must-See am Wochenende), einem Tiger-Fahrrad, um das ich meine Freundin S. beneidete und den Lebensweisheiten, die Janosch als Herr Wondrak hinterlassen hat, prägte mich vor allem eines aus dem Janosch-Universum: das Buch „Mutter sag, wer macht die Kinder“. In ihm wird eine Mäusefamilie begleitet sowie das etwas ungleiche, gar diverse Paar aus Maulwurf Diddi Neumann und der Mäusin Tütü. Letztere haben innerhalb der Geschichte ihren ersten Kuss, was ich als Kind gleichsam spannend wie eklig fand.

Noch aufregender, aber auch teils verstörend, wurde es bei Familie Maus, deren Mutter – wie im Titel ersichtlich – die schwierige Aufgabe zuteilwird, die kleinen Mäuse aufzuklären. Mit fünf Jahren, ab denen das Buch freigegeben ist, mag man noch etwas klein sein, denke ich mir heute, vielleicht bin ich aber auch nur spießiger, als es meine Eltern und die meiner Freun­d*in­nen waren.

Spießig war Janosch so gar nicht: Nicht nur lernte ich von ihm, woher die Mäuse- und Menschenbabys kommen. Auch dass Sex etwas mit Lust zu tun hat, wird in besagtem Buch klar formuliert, man sei „seelisch total elektrisiert und fällt innerlich um“. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass Janosch recht hatte; solange es die richtige Person ist, kann Sex durchaus lustvoll sein. Sophia Zessnik

Janosch als Lesepate

Beeindruckt sagte die Freundin meiner Mutter: „Du kannst schon lesen?“ Stolz nickte ich, na klar, kein Problem. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich genau war, aber bestimmt noch keine 5. Und lesen, lesen konnte ich eigentlich auch noch nicht. Aber ich hatte mir eine Tiger-und-Bär-Geschichte so gut eingeprägt, dass ich den Text auswendig konnte. Außerdem wusste ich genau, an welcher Stelle ich die Seite umblättern muss. Sehr überzeugend war also meine Performance vom Lesen – wie gesagt, ohne dieser Fähigkeit in dem zarten Alter schon mächtig zu sein. Heute hat sich das wohl umgedreht: Lesen klappt mittlerweile reibungslos, das Tiger und Bär-Buch aufsagen, kann ich aber leider nicht mehr. Auch welches Buch es genau war, will mir nicht einfallen. Auf der zweiten Seite saß der Tiger (oder doch der Bär?) auf einem Sessel. Vielleicht fällt jemand anderem da was ein? Clara Dünkler

Panama oder das Paradies

Man muss sich das Eigene fremd machen, um es schön finden zu können. Dieses Grundmotiv aus „Oh, wie schön ist Panama“ versteht jedes Kind. Dieser Klassiker ist eine ganz eigene Odyssee – zwei Leute gehen hinaus in die weite Welt (eigentlich sind es drei, die Tigerente muss mit), erleben Abenteuer, treffen Leute, kommen wieder nach Hause zurück, und etwas ist anders als zuvor. Dabei kommt es zu hübschen Verschiebungen.

Bei Homer wird Odysseus erst nicht erkannt, nur von der Amme und von seinem Hund. Bei Janosch erkennen der Tiger und der Bär ihre eigene Hütte nicht wieder; sie waren auch eine Weile unterwegs, die Hütte hat Schäden genommen, nach Reparaturen glänzt sie aber schöner als je zuvor.

Kleist kann einem auch einfallen: Das Paradies ist verriegelt, und man muss den Weg um die Welt machen, um zu sehen, ob es hinten irgendwo wieder offen ist. Bei Janosch ist es das, wobei man nicht vergessen sollte, dass die Begegnungen unterwegs mindestens genauso wichtig sind. Das ist der Kinderbuchaspekt, der in Dur aufgeht. Spätestens wenn man aber weiß, dass Janoschs eigene Kindheit schrecklich unglücklich war, lassen sich auch Aspekte in Moll hinzudenken. Der Bär hält es zu Hause eben nicht aus, es reicht die Aufschrift einer Kiste, um ihn flüchten zu lassen, nach Panama oder, was vielleicht dasselbe ist, in die Fantasie. Dass der Tiger gerne mitkommt, erzählt dann noch etwas, nämlich vom Wert der Freundschaft – und ist das eigentliche Wunschbild. Wer sucht schon gern allein nach dem Paradies? Dirk Knipphals

Mehr zum Thema

7 Kommentare

  • jan ü.

    Danke für den ganzen klugen Quatsch!

  • jan ü.

    Ich war einmal in Pananma. In der Hauptstadt, die ein bisschen wie Frankfurt in den Tropen wirkt, gibt es einen großen Park, fast ein Urwald, den man durchwandern kann, bis zu einem Hügel mit Aussicht auf Panama-City. Auf diesem etwas verwitterten Plateau findet sich tatsächlich ein Mülleimer mit aufgemalter Tigerente. Allein dafür (aber nicht nur) hat sich die Reise ins schöne Panama gelohnt!

  • Philippo1000

    Kunst kann so einfach sein,



    wenn sie direkt ans Herz geht.



    Wenn so vielen Menschen Panama gefällt,



    gibt es noch Hoffnung für die Welt!

  • Volker Scheunert

    In den frühen 70er habe ich wohl die eine oder andere Kindergeschichte von Janosch gelesen. Grimmiger und sarkastischer als das, was ich von Preußler, Krüss, Ende, Lornsen oder Kruse (die ich auch heute noch liebe!) kannte.



    Eine polnisch-deutsche Freundin (vielen herzlichen Dank nochmal, liebe Andrea!) lieh mir vor ein paar Jahren einmal "Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm" - eine grimmige Geschichte über einen von Katholizismus, Alkoholismus, Nazitum und mobbenden Mitschülern unterdrückten verklemmten Jungen, mit dem es kein gutes Ende nimmt - Janosch beschreibt das dumpf-brutale Milieu im Kohlerevier Oberschlesiens während des "Dritten Reichs" und des Zweiten Weltkriegs auf realistische Weise, ohne es zu denunzieren. Ein großartiges Romanwerk, das viel bekannter sein müsste!



    R.I.P., Horst Eckert alias Janosch!

  • Bambuspanda

    Ich habe die Bücher von Janosch erst als junger Erwachsener kennen und lieben gelernt (lange nach Büchern wie die Möwe Jonathan und den kleinen Prinzen).



    Zeitlos für Kinder und Erwachsene, ließ und lässt sich lachen und nachdenken gleichermaßen.



    In herrlichen Zeichnungen und einfacher Sprache, die für mich schon ins philosophische gingen - einfach genial was Janosch zu Zaubern vermochte.

    Nun hat er das irdische Dasein verlassen.



    Sein Geist aber wird in seinen Werken weiterleben und erfreuen, so lange es uns Menschen geben wird.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Schnief - und ein großes Dankeschön 😪 an Janosch. Farewell

  • Sikasuu

    Janosch (Horst) auf dem Weg nach Panama!



    ----



    Gute Reise, doch ob der Weg so endet wie beim Tiger& dem Bären,..... wer kann das wissen!



    RIP & hoffentlich schenkt Dir jemand unterwegs seine Mütze!!!

    Lieben letzten Gruss Sikasuu