Neue Pisa-Studie : Wer diesen Text lesen kann, ist klar im Vorteil
Deutschlands Jugendliche lesen immer schlechter. Das gefährdet ihre Urteilskraft. Die Erwachsenen müssen endlich ihre Verantwortung ernst nehmen.
W er lesen kann, ist klar im Vorteil. Eine etwas altväterliche Redewendung, bei der man als Jugendliche gerne an die Decke gehen wollte. Zum Beispiel, wenn Lehrer ungefragt mit diesem unlustigen Satz spotteten, weil man die blöde Textaufgabe nicht gleich kapiert hatte: Na ja, es ist wohl doch ein bisschen was dran. Jedenfalls muss man diesen Satz vor dem Hintergrund der jüngsten Pisa-Ergebnisse doch noch mal hervorkramen.
Die Jugendlichen in Deutschland, so hat die große internationale Vergleichsstudie nämlich festgestellt, können immer weniger gut lesen. Sie haben, um es ganz konkret zu machen, schlicht keinen Bock mehr, sich durch lange Texte zu quälen, wobei „lang“ nicht definiert wird, aber in etwa meinen könnte: alles, was länger ist als ein Social-Media-Feed.
Denn Tiktok und Co, auch das ein Befund, ruinieren die Anstrengungsbereitschaft, sich auf komplexere Informationen einzulassen. Zumindest ziehen die Forscher einen möglichen Zusammenhang zwischen viel am Smartphone verbrachter Zeit und nur noch gering vorhandener Neugierde, sich selbst eine Meinung zu bilden. Mehr noch: Jugendliche sind immer leichter in die Irre zu führen. Sie glauben, um es überspitzt zu sagen, was ihnen ein Algorithmus oder vielleicht auch eine KI serviert.
taz debatte
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Nun ist es langweilig, der Jugend mangelnde Anstrengungsbereitschaft vorzuwerfen. Welche Generation Erwachsener hat das nicht getan?
Zum Glück sind die Jugendlichen auch gar nicht selbst schuld. Die Erwachsenen sind es, die viel zu lange keinen Umgang mit der Social-Media-Frage gefunden haben. Altersgrenze ja oder nein? Oder gleich das Smartphone komplett vom Schulhof verbannen? Im Herbst will Bildungsministerin Karin Prien (CDU) endlich einen Gesetzentwurf vorlegen. Bis dahin wurstelt jeder Elternabend vor sich hin, jede Schule macht, wie sie denkt – und manche Schulleitungen denken einfach gar nicht drüber nach, weil auch das stimmt: Gerade im Bereich Medienkompetenz besteht in der Lehrkräfteausbildung noch großer Nachholbedarf. Das betonte auch Ministerin Prien am Dienstag noch einmal.
Im Lichte der Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt muss das besonders alarmieren. Das Verhetzungspotenzial der Rechten gerade auf Social Media ist bekanntermaßen enorm und leider auch enorm erfolgreich – AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund hat sein Publikum vor allem auch auf Tiktok bedient. Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen, hat sie bereits angekündigt, die Lehrpläne zu reformieren. Ziel sei „die Entwicklung einer stabilen Nationalidentität“. Weniger Nationalsozialismus, mehr Bismarck, so in etwa. Da belese sich, wer kann.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert