Schulbildung in Schleswig-Holstein: Wer braucht schon Vektorrechnung
Nach dem neuesten Pisa-Debakel debattiert der Kieler Landtag nun über Schulthemen – mal wieder. Bildungsmonitor sieht das Land auf Platz 9 von 16.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Der neueste Pisa-Schock trifft auch Schleswig-Holstein. Texte verstehen, Rechenaufgaben lösen? Bei diesen Aufgaben haben Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen beim internationalen Vergleichstest wieder schlecht abgeschnitten. Deutschland bleibt im unteren Mittelfeld stecken, rund 20 Prozent der 15-Jährigen scheiterten etwa beim Verstehen einfacher Texte. In seiner aktuellen Sitzung befasst sich das Kieler Landesparlament mit der Bildungspolitik. Die Fraktionen von Regierung und Opposition schauen schon vor der Sitzung sehr unterschiedlich auf das Thema.
„Schockierend“ nennt SPD-Fraktionschefin Serpil Midyatli die Ergebnisse und fordert: „Die Landesregierung muss Bildung endlich zur obersten Priorität machen. Der Bildungsabbau der schwarz-grünen Regierung muss dringend gestoppt werden.“
Ähnlich sieht es Christian Dirschauer von der Minderheitenpartei SSW: „Das Ergebnis zeigt ein katastrophales Bild.“ Er verweist auf Skandinavien, wo vieles besser laufe – allerdings „brennt zurzeit auch da die Hütte“. Die Schuld aber allein bei Social Media oder bei den Eltern zu suchen, wie es zurzeit in der deutschen Debatte passiere, sei zu leicht. „Es gibt nicht die eine Lösung, wir müssen an vielen Schrauben drehen.“
Christopher Vogt (FDP) sieht eine Verantwortung der Landesregierung, vor allem für den häufigen Unterrichtsausfall. Gekürzt hatte die Regierung auch bei Fächern wie Wirtschaft und Politik (WiPo) und beim Sprachunterricht für Kinder nicht deutscher Muttersprache.
CDU sieht sich auf richtigem Weg
Tobias Koch, Fraktionsvorsitzender der CDU, sieht dagegen vieles bereits auf einem guten Weg: „Die Erkenntnisse der neuesten Pisa-Studie überraschen nicht. Wir haben die Probleme erkannt und darauf reagiert.“ Als Beispiel dafür nannte er die neu eingeführten Tests des Entwicklungsstandes von Viereinhalbjährigen (EVI).
Die Idee ist, dass Probleme etwa bei Sprachverständnis bereits im Kita-Alter entdeckt und Kinder rechtzeitig vor Schulbeginn gefördert werden könnten – in Hamburg und Bremen gibt es dieses Mittel bereits. Auch andere Förderprogramme für Schulen werden „schon jetzt Antworten auf Pisa geben“, glaubt Koch.
Lasse Petersdotter (Grüne) bezweifelt grundsätzlich, ob der internationale Test überhaupt die Lage in einem einzelnen Bundesland abbilden kann. In das Bundesergebnis werden nur die Ergebnisse einiger weniger Schulen und dort jeweils nur einer geringen Zahl von Jugendlichen aus jedem Land einfließen – für Schleswig-Holstein seien an neun Schulen jeweils 27 Schüler:innen getestet worden. Insgesamt nehmen weltweit rund 760.000 Jugendliche aus 91 Ländern teil. Die OECD veranstaltet die Pisa-Tests alle drei Jahre.
Lasse Petersdotter, Grüne
„Der Schock über die Ergebnisse ist jedes Mal groß, aber zwischen den Tests schauen wir bei Schule eben auch auf viele andere Themen wie Kunst, Demokratie-Projekte und digitale Kompetenzen, die bei Pisa gar keine Rolle spielen“, sagte Petersdotter. Er kritisierte die frühere Landes- und heutige Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU): „Beim Pisa-Ergebnis vor drei Jahren hat sie den sozialen Bildungsstaat gefordert – als Mitglied des Kabinetts unter Kanzler Friedrich Merz legt sie den Fokus auf die Eltern, die angeblich zu wenig für die Bildung ihrer Kinder tun würden.“ Ein Grund dafür könne sein, dass die Menschen nicht mehr an das Versprechen eines Aufstiegs durch Bildung glaubten.
Landespolitische Debatte gefordert
Konkreter als Pisa geht der frisch veröffentlichte „Bildungsmonitor 2026“, der von neoliberalen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ beauftragt wurde, auf die Lage in den einzelnen Bundesländern ein. Demnach ist Schleswig-Holstein von Platz acht auf Platz neun der 16 Bundesländer abgerutscht. Die Studie nennt Vorzüge des Landes wie überdurchschnittliche Kompetenz in Mathe und Naturwissenschaften, aber auch Probleme wie geringe Drittmittel an Hochschulen oder niedrige Zahlen von Akademiker:innen.
Eine landespolitische Debatte über Bildungsfragen sei also wichtig, meint Petersdotter. Es müsse dabei um grundsätzliche Themen gehen: „Vektorrechnung ist vielleicht nicht mehr so entscheidend, sondern Antworten, wie wir mit KI umgehen.“ Schule müsse „Spaß am Lernen“ wecken.
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